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«Idiot, Barbar, Entarteter»

Von Oliver Meiler, Paris. Aktualisiert am 24.03.2012 25 Kommentare

Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon findet klare Worte für den Attentäter von Toulouse – ohne das Drama politisch zu instrumentalisieren. Die Erfolgsgeschichte eines linken Tribuns.

Bezeichnet Interviewer gerne mal als «hirnlose Trottel»:  Jean-Luc Mélenchon besucht Pariser ÖV-Angestellte an ihrem Arbeitsort.

Bezeichnet Interviewer gerne mal als «hirnlose Trottel»: Jean-Luc Mélenchon besucht Pariser ÖV-Angestellte an ihrem Arbeitsort.
Bild: AFP

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Drama von Toulouse

Die Polemik reisst nicht ab. Am Tag nach dem Ende des Dramas von Toulouse nahm Premier François Fillon den kritisierten Inlandgeheimdienst DCRI in Schutz: «Die haben ihren Job perfekt gemacht.» Nichts im Verhalten von Mohammed Merah habe je darauf hingewiesen, dass er ein solch gefährlicher Mann sei. Zudem sei es nicht verboten, so Fillon, mit einer salafistischen Gruppe zu sympathisieren. Kritiker monieren aber, es habe Polizeianzeigen gegen Merah gegeben, in denen er als äusserst gewaltbereiter Mann aufschien. Nach seinen Afghanistan-Reisen führte ihn das FBI auf der Liste von Terrorverdächtigen, die kein Flugzeug besteigen dürfen.

Präsident Nicolas Sarkozy spielte die Zweifel am DCRI herunter. In einer Demokratie sei es normal, dass Fragen gestellt würden: «Doch man stelle sich vor, was für Fragen man mir jetzt stellen würde, wenn wir den Kriminellen, den Terroristen nicht gefasst hätten.» Bei dieser Gelegenheit sagte Sarkozy auch, dass er die Massnahmen zur Terrorbekämpfung, die er tags zuvor bekannt gegeben hatte, nun doch nicht sofort umsetze, sondern erst nach den Wahlen, falls ihn die Franzosen denn wiederwählen würden. Der Rückzug war zu erwarten gewesen: Die Legislatur ist zu Ende, das Parlament aufgelöst. Für Gesetze ist es ohnehin zu spät. (om)

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Manchmal reichen schon ein paar Worte, um sich abzuheben vom Rest. «Idiot», «Barbar», «Entarteter» – so nennt Jean-Luc Mélenchon den Attentäter von Toulouse, Mohammed Merah, den alle anderen Politiker in Frankreich einen «Terroristen» nennen. Ohne direkte politische Konnotation also, gegen die Instrumentalisierung des Dramas für den Wahlkampf. Aus demselben Grund blieb der Chef der Linksfront auch der Bestattungsfeier für die drei getöteten Soldaten in Montauban fern. Als Einziger der wichtigen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl. Solches Ausscheren verwundert viele, provoziert allenthalben. Seinen Anhängern aber gefällt es. Und sie werden immer mehr.

Jean-Luc Mélenchon, 60 Jahre alt, schreibt gerade eine dieser Geschichten, wie man sie von der Politik gut kennt, auf dieser Bühne für Selbstdarsteller. Mit den Künsten eines Tribuns massiert er die Seelen von Politverdrossenen und von Kritikern des Kapitalismus, der Bankenwelt, der europäischen Union. Sein Front de Gauche ist eine Sammelpartei aus Kommunisten, Trotzkisten und Sozialisten vom linken Flügel. In den Fabriken, in den Banlieues, an den Unis mögen sie diese direkte und raue Sprache. Und nicht nur dort. Der Mann redet links, richtig links. Am letzten Sonntag versammelte er sein Volk auf der Place de la Bastille. Es kamen Zehntausende, vielleicht über 100'000. Und mittendrin stand Mélenchon, die geschlossene Faust in der Höhe. Er spürte wohl den Esprit von 1789, als er ihnen zurief: «Hier stehen wir also wieder, das Volk der Revolutionen und Rebellionen Frankreichs.»

Die Krise hilft

Es war ein Triumph, ein Spektakel vor einem begeisterungsfähigen Publikum. In Frankreich gab es immer schon einen grossen Markt für die revolutionäre Linke. Auch heute. Die Krise hilft. Am linken Rand treten neben Mélenchon zwei weitere Kandidaten mit radikaler Systemkritik an: Nathalie Arthaud von Lutte Ouvrière und Philippe Poutou vom Nouveau Parti Anticapitaliste. Ihre Programme spiegeln sich schon im Parteinamen und sind sich zum Verwechseln ähnlich. Doch ein realer Faktor bei der Wahl ist nur Mélenchon. Er füllt die Hallen, bringt sie zum Beben. Das linke Nachrichtenmagazin «Le Nouvel Observateur» nennt ihn «de Gaulle mit Hammer und Sichel» – ein brillanter Redner mit dem Pathos aus einer anderen Zeit. Gut möglich, dass ihm der Erfolg gerade etwas in den Kopf steigt. Von allen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl vom 22. April und 6. Mai ist Mélenchon jener, dessen Gunst im Volk in den letzten Monaten am meisten gestiegen ist – auf 13 Prozent.

Es gibt Analysten, die glauben, dass der frühere Sozialist mit dem scharfen, zuweilen schneidend bösen Mundwerk als drittstärkste Kraft aus der ersten Wahlrunde hervorgehen könnte: vor dem Zentristen François Bayrou und womöglich gar vor Marine Le Pen, der Chefin des rechtsextremen Front National. Mélenchon vs. Le Pen – dieses Duell an den Extremen, die sich in wirtschaftlichen und sozialen Fragen zuweilen berühren, ist eine der Hauptattraktionen des Wahlkampfs und dürfte nun nach den Ereignissen von Toulouse noch passionierter werden, als es zuvor schon war.

Pure politische Leidenschaft

Mélenchon ist pure politische Leidenschaft. Er ist in der marokkanischen Hafenstadt Tanger geboren, einem Schmelztiegel der Kulturen, kam erst mit elf nach Frankreich. In der Jugend war er Trotzkist, trat der Kommunistischen Internationalen bei. Er lernte dort, öffentlich zu reden und zu debattieren, schwang sich während des Philosophiestudiums zum Führer der Studentengewerkschaft auf. Eine Weile schrieb er auch für eine Lokalzeitung im französischen Jura, was seine Beziehung zu Journalisten aber nicht wirklich positiv beeinflussen sollte: Oft schon kam es vor, dass Mélenchon bei Interviews seine Interviewer wegen angeblich dummer Fragen anherrschte, als «hirnlose Trottel» bezeichnete und weglief. Manchen verwehrt er den Zutritt zu seinen Pressekonferenzen.

Bekannt wurde er als Senator und Exponent des Parti Socialiste (PS). In den 80er- und 90er-Jahren war er ein loyaler Anhänger von François Mitterrand, dessen politisches Feingefühl und dessen Taktik er studierte und ehrte. Minister wurde Mélenchon erst 2000, unter Premier Lionel Jospin, der ihm das Ressort der Berufsbildung anvertraute. Nach Jospins traumatischer Niederlage in der ersten Runde der Präsidentenwahlen von 2002 mass sich Mélenchon mit François Hollande um die Führung des PS, verlor aber klar. 2005 gehörte er jenem linken Flügel der Partei an, der beim Referendum gegen die Europäische Verfassung stimmte. Der Riss entwickelte sich zusehends zu einem Bruch mit der Partei.

2008 gründete Mélenchon den Front de Gauche, für den er sich beim deutschen Vorbild Die Linke inspirieren liess. Frankreichs arg angeschlagene Kommunisten vom PCF schlossen sich ihm an und machten ihn zu ihrem Spitzenkandidaten. Kürzlich sagte er: «Die wahre Linke macht mir Spass – ganz anders als die Bobo-Linke.» Mit Bobo meint er eine verbürgerlichte Linke – die Kaviar-Linke des elitären Pariser PS, der sich in Mélenchons Deutung nicht so sehr von der bürgerlichen Rechten unterscheidet. Für seinen Gusto springt sie nicht forsch genug um mit den Managern und Reichen, den Banken und Finanzmärkten, mit Brüssel und Berlin. «Wir sind doch immerhin die fünfte Wirtschaftsmacht dieses Planeten: Warum müssen wir uns von Frau Merkel wie Schulbuben vorführen lassen?»

Er kitzelt am Bauch des Volkes. Appelliert auch schon mal an den Patriotismus der Franzosen, wie es de Gaulle zu tun pflegte. Dann gibt er wieder den linken Revolutionär, den Vorkämpfer für die Arbeiter mit einem Schuss intellektueller Verve. So punktet er. Doch punktet er am Ende gar zu stark? Schadet Mélenchon vielleicht dem aussichtsreichsten Kandidaten der Linken, François Hollande, den er mit seinem Charisma locker überstrahlt und auch schon mal «Hollandreu» und «Kapitän eines Pedalo» genannt hat? Ist er also gar ein Wahlkampfhelfer der Rechten und von Nicolas Sarkozy? Das sind die unbequemen Fragen, die auf ihm lasten und in den Medien diskutiert werden. Die linke «Libération» fand nach dem Bastille-Auftritt, Mélenchon leide sichtlich an diesem Dilemma. Er hat ja bereits verkündet, er werde im Fall eines Wahlsiegs der Sozialisten nicht in deren Regierung eintreten.

Ego wächst mit jeder Umfrage

Meint er das tatsächlich so ultimativ? Oder versucht er nur, sein Stimmenpotenzial im ersten Wahlgang zu maximieren, um dann besser verhandeln zu können, wenn Hollande Präsident würde, und um diesen zu einem linkeren Kurs zu drängen? Zum Trost gereicht den Sozialisten ein anderes Bekenntnis des früheren Parteikollegen – eine Wahlempfehlung für den wahrscheinlichen Fall, dass Hollande und Sarkozy die Stichwahl austragen: «Wir werden alles tun, um die Rechte zu schlagen», sagte Mélenchon. So selbstverständlich aber, wie die innerlinke Solidaritätsgeste sein sollte, ist sie nicht. Sie schmerzt den Tribun wohl sogar ein bisschen. Mélenchons Ego ist nun mal gross, und es wächst gerade mit jeder neuen Umfrage. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2012, 09:13 Uhr

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25 Kommentare

Alain Pichard

24.03.2012, 10:37 Uhr
Melden 48 Empfehlung 0

Man überlege sich einmal, was die Presse geschrieben hätte, wenn das Unwort "Entarteter" aus dem Munde Sarkozys gekommen wäre? "Bezeichnend", "für einen Repräsentanten einer Demokratie unwürdig", "Vokabukar der Neonazis", wären wohl die zurückhaltendsten Kommentare gewesen. Und ich hätte sie jederzeit unterschrieben. Aber beim linken Mélenchon, ist das natürlich lediglich "pure Leidenschaft". Antworten


Hans Mueller

24.03.2012, 10:27 Uhr
Melden 37 Empfehlung 0

Auch wenn man die Tat ablehnt: Der Täter hat aus religiöser Überzeugung gehandelt. Die Anweisungen hat er direkt aus dem heiligen Buch genommen, wo sie jeder finden kann. Das ist das Bedenkliche. Solange die grossen Verbände sich nicht eindeutig von der Gültigkeit des Textes distanzieren, werden wir immer wieder solche Täter haben. Antworten



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