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Horror in vertrauter Kulisse
Von Christoph Fellmann. Aktualisiert am 16.04.2012 21 Kommentare
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Ab heute steht er vor Gericht. Anders Breivik, der am 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utöya 77 Menschen tötete. Über dem Attentäter gehen wieder die Scheinwerfer an, und natürlich ist es unangenehm, ihm zuzusehen, wie er sich im medialen Ruhm sonnt, den er sich in seinem Manifest so schwärmerisch ausgemalt hat.
Hinsehen sollte man trotzdem. Denn wer sich mit dem Fall beschäftigt, kann etwas lernen über die Gewalt, von der unsere Gesellschaft so fasziniert ist. Darüber etwa, was diese Gewalt mit der Politik und mit der Unterhaltungsindustrie zu tun hat.
Anders Breivik hasst Marxisten und Muslime, und er liebt Ritterromane. Eric Harris, ein anderer berühmter Amokläufer, erschoss 1999 an seiner Highschool im amerikanischen Littleton gemeinsam mit einem Freund 13 Menschen und sich selber. Er hasste es, wenn die Leute vor ihm langsam gingen, ihm den Weg versperrten. Er hasste Dummköpfe und Rassisten, und er liebte gewalttätige Computerspiele, Industrial-Rock und Nazisymbole.
Die genehmen Erklärungen
Die Fälle sind verschieden, und sie wurden verschieden kommentiert. Dort, in Littleton, der Amoklauf eines abgestumpften Aussenseiters. Da, in Oslo, der terroristische Anschlag eines im rechten Mainstream eingebetteten Extremisten. Doch beide Interpretationen sind höchstens halb wahr.
Dort sähe man es gerne, geisttötende Unterhaltungsmedien würden den Amoklauf in Littleton erklären. Da, die politische Rechte könnte für den Anschlag in Oslo wenigstens ein bisschen verantwortlich gemacht werden. Man hätte gerne eine Erklärung und einen gewissen realpolitischen Nutzen.
Gott mit Gewehr
Wer aber eine Erklärung will, sucht besser nicht im eigenen Weltbild. Sondern, so unangenehm das ist, in jenem der Attentäter. Breivik und Harris haben eines gemein mit vielen Amokläufern: Über Monate und Jahre programmierten sie sich für den Tag X. Sie hielten die Fassade eines freundlichen, funktionstüchtigen Bürgers aufrecht und zogen sich dahinter in eine geschlossene Welt zurück. Darin spielten sie selber die Hauptrolle, genährt aus dem Vorrat an Heldenrollen, den die Unterhaltungsindustrie auch für sie bereithielt.
Dabei ist es nicht entscheidend, welche Branche dieser Industrie konsultiert oder welche politische Ideologie gewälzt wird. Entscheidend ist die kriegerische, ja messianische Identität, die der Attentäter in seinem psycho-medialen Kokon annimmt. Und die Rolle, die er sich in einem unfassbar narzisstischen Akt anverwandelt: die des Richters über die Welt. So überzeugte sich Breivik, ein Kreuzritter zu sein. Und Harris schuf sich für «Doom» (ein Shooter-Game) eine Waffe, die er «Gottes Kanone» nannte. In ihrer Welt waren die beiden jetzt die legitimen Stellvertreter jener Instanz, die über Leben und Tod entscheidet.
Bücher, Filme, Spiele oder auch politische Programme sind die Kulisse, in die sich der Attentäter vor dem grossen Auftritt zurückzieht: Hier übt er sich im Schiessen, entwirft seine Kriegspläne und Kostüme, seine Manifeste und Mediendossiers.
Vertraute Kulissen
Es ist irritierend, wie vertraut diese Kulissen sind. Millionen von Menschen betreten sie. Aber die Kulisse ist eben nur die Kulisse, sie ist nicht Autor und Hauptdarsteller. Sie liefert Gesten und Stichworte, versichert den Helden seiner Rolle. Gewählt aber hat er diese Rolle selbst. Es gibt keinen Nährboden für Amokläufer, aus dem sie in der Logik von Saat und Ernte aufschiessen. Keinen jedenfalls, der grösser ist als eine menschliche Psyche und kleiner als die ganze Welt.
Wer sich in Breiviks unendlich selbstverliebtem Manifest umsieht, wird sich hüten, seinen Amoklauf als das ernst zu nehmen, als das er ihn gerne ernst genommen gesehen hätte: als eine politische Tat im Namen einer anti-islamischen Bewegung.
Breivik war nicht der extreme, zur Tat schreitende Vertreter des rechten Mainstreams – ebenso wenig wie Eric Harris im Namen der Antirassisten oder der eiligen Fussgänger mordete. Wenn rechte (oder linke) Politik gefährlich ist, dann nicht, weil sie gelegentlich von Amokläufern zitiert wird. Sondern, weil sie gelegentlich die Amokläufer zitiert. Immer da, wo sich Politiker als Rächer des unterdrückten Mannes gefallen. Wo sie geschlossene Weltbilder verfechten.
Politik zitiert Amokläufer
Zur selben Zeit, als Breivik die letzten Details seines Anschlags plante, kokettierte im amerikanischen Schuldenstreit die rechte Tea Party mit dem Untergang der Volkswirtschaft. Auch in diesem Fall gehe «am nächsten Tag die Sonne auf».
Den heillosen Glauben, im Namen Gottes, aber auch im Namen einer zukünftigen, «richtigen» Regierung das halt Nötige zu tun auch wenn es hier und heute den grösstmöglichen Schaden anrichtet: Anders Breivik hatte ihn, als er Utöya betrat. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.04.2012, 00:04 Uhr
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21 Kommentare
Auch wenn es die Rechten nicht gerne hören. Aber ohne den ideologischen - rechten - Hintergrund wäre Breivik wohl nie zu einem derartigen hasserfüllten Mörder mutiert. Es war eben doch eine rechte politische Tat im Namen einer anti-islamischen Bewegung. Wer dauernd auf religiöse und andere Minderheiten - wenn auch nur verbal - einprügelt, der bereitet den Nährboden für solche monströse Taten! Antworten
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