«Herr Fischer, fahren Sie BMW?»
Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 24.10.2009
Artikel zum Thema
Zur Person
Revoluzzer, Politiker, Lobbyist
Der 61-jährige Süddeutsche war einst Mitglied einer linksextremen Gruppe, 1982 stiess er zu den Grünen, 1998 wurde er deutscher Aussenminister und Vizekanzler. 2007 gründete er die Firma Joschka Fischer Consulting. Er berät unter anderem den Siemens-Konzern, der auch AKW konstruiert.
Herr Fischer, sind Sie enttäuscht vom Ausgang der Bundestagswahlen in Deutschland?
Nein.
Sie sähen nicht lieber SPD und Grüne an der Macht?
Was ich lieber gehabt hätte, ist etwas anderes. Der Ausgang der Wahl war absehbar. Ich bin nicht mehr aktiv in der Politik. Mich berührt das weiter nicht. Ich sehe das als Wähler und Staatsbürger.
Hätte der Staatsbürger Fischer Rot-Rot-Grün als Möglichkeit angeschaut?
Das hängt nicht von mir ab. Die Opposition wird es in den kommenden zwei Jahren nicht einfach haben, aber da müssen die durch. Ob das mit Rot-Rot-Grün etwas wird, muss die Zukunft zeigen.
Aber Sie zahlen noch Mitgliederbeiträge bei den Grünen?
Ich bin Mitglied der Grünen, bin aber politisch nicht mehr aktiv.
Aber immer noch links, immer noch Sozialist?
Sozialist? Als das würde ich mich nicht definieren. Die Frage ist, was es heute heisst, Sozialist zu sein. Ich bin nicht mehr politisch aktiv, da können Sie die Fragen variieren, wie Sie wollen.
Sie sind heute Unternehmensberater. Es gab Schlagzeilen, als Sie sich bei BMW engagierten.
Ich glaube, das Interview wird nix. Dass das Schlagzeilen gemacht hat, ist das eine, dass ich mich nicht zu Geschäftsfragen äussere, das andere.
Fahren Sie einen BMW?
Ich äussere mich zu keinen Geschäftsfragen.
Wir haben mit Ihnen vor zwölf Jah-ren ein Interview geführt. Da-mals war die Rede vom 3-Liter-Auto.
Das ist heute Realität.
Auch bei BMW?
Ich äussere mich nicht zu Geschäftsfragen. Dass die Werte der Autos von BMW sehr gut sind, können Sie leicht selbst verifizieren.
Ist die Klimaveränderung ein Thema, das Sie beschäftigt?
Natürlich. Ich hoffe auf einen Erfolg der Konferenz in Kopenhagen. Das Ziel ist, den Anstieg der globalen mittleren Temperatur auf zwei Grad zu begrenzen. Eine sehr grosse Herausforderung.
Bei der Klimakonferenz in Kopenhagen sind es in erster Linie die Amerikaner, die etwas bieten müssten, weil sie das Kyoto-Protokoll nie ratifiziert haben.
Alle müssen etwas bieten, die Amerikaner vorneweg, aber auch die Europäer. In China gibt es eine beeindruckende Bewusstseinsveränderung. Ich glaubte, nicht richtig zu hören, als ein chinesischer Vertreter kürzlich sagte: «Wir wissen, dass unser Wachstumsmodell nicht nachhaltig ist.»
Sie waren unlängst für neun Monate in den USA. Sind Sie gerne wieder zurückgekommen?
Ja, wobei ich die USA ein faszinierendes Land finde, das ich sehr mag. Aber ich habe dort auch festgestellt, wie sehr ich Europäer bin.
Was ist denn so anders?
Wir Europäer haben unsere Geschichte, unsere unterschiedlichen Sprachen. Aber über alle Unterschiede hinweg haben wir auch sehr viel Gemeinsames. Ob ich in Zürich, Paris oder selbst London angekommen bin – ich hatte immer das Gefühl, in Europa zu sein. Zum Beispiel sind die Buchläden in London anders als in Princeton oder New York. Der öffentliche Raum ist anders. Bei uns gibt es so etwas wie eine über die Jahrhunderte entstandene Stadtgeschichte, die die europäischen Städte prägt.
Wenn die Amerikaner so anders sind – ist das nicht eine schlechte Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit den Europäern?
An Verschiedenheiten haben wir Europäer uns doch gewöhnt, gerade die Schweizer.
Über die Schweizer reden wir noch. Anlass für Ihren Besuch in der Schweiz waren die Comdays in Biel. Es gebe schon über vier Milliarden Handys, haben Sie dort erklärt.
Die Zahl von vier Milliarden bedeutet, dass zwei Drittel der Menschheit mit Mobiltelefonen ausgerüstet ist. Das zeigt, dass die Mehrheit der Menschen einen Lebensstandard will, wie wir ihn uns gewöhnt sind. Und sie haben ein Recht darauf. Das macht neue Technologien mit mehr Energieeffizienz zwingend notwendig.
Sie sehen den Handyboom als positive Entwicklung?
Ja. Wo die Infrastruktur schlecht oder gar nicht vorhanden ist, spielen dezentrale Technologien, die relativ einfach installierbar sind, ein grosse Rolle. In Indien, einem Land mit schlechter Infrastruktur, können die Bauern dank Handys die Preise kalkulieren und sich Zugang zu den Märkten verschaffen.
Dort ist das Mobiltelefon wichtiger als das Internet.
Das gilt für weite Teile der Dritten Welt. Ich nehme an, das Internet wird folgen. Das sind faszinierende Entwicklungen, die das, was man die «eine Welt» nennt, herstellen. Das führt aber auch dazu, dass alle dieselben Träume träumen. Bei Goethe hiess es noch «Wenn Völker weit hinten in der Türkei aufeinanderschlagen». Dieses «weit hinten» gibt es nicht mehr. Wenn irgendwo auf dem Globus etwas passiert, gibt es neue Herausforderungen. Das habe ich als Aussenminister beim Tsunami realisiert, als 8000 Deutsche plötzlich Hilfe brauchten. Vorher hatte ich keine Ahnung, dass 8000 Deutsche jährlich ihre Weihnachtsferien in Thailand und Sri Lanka verbringen.
Sie haben gesagt, dass auch wir Schweizer anders seien . . .
Nein, nein, ihr Schweizer seid euch einfach an Unterschiede gewöhnt. Hier leben ja drei nationale Identitäten seit Bundesstaatsgründung zusammen.
Bei uns stellt man sich die Frage: Was sollen wir mit Europa?
Das müssen Sie selber entscheiden.
Sie würden der Schweiz empfehlen, der EU beizutreten?
Ich glaube nicht, dass sich die Schweizer in der EU wohlfühlen würden. Ich mag die Schweiz sehr, weil sie ein Stück vorweggenommenes Europa war und ist. Zugleich ist es ein wunderbares Land, eine alte Demokratie, das darf man nicht vergessen. Als andere den Nationalisten hinterhergerannt sind, hat die Schweiz widerstanden. Das bewundere ich, auch die direkte Demokratie. Die funktioniert nur in kleinerem Rahmen, aber sie gehört zur Schweiz als ein Stück demokratisch politischer Tradition.
Könnte der Beitritt irgendwann zwingend werden?
Ob die Schweiz in die EU muss? Illusionen würde ich mir da keine machen. Die Schweiz liegt mittendrin und hängt natürlich von der EU auf vielfältige Weise ab. Mit den EWR-Verträgen wäre alles sehr viel einfacher gewesen.
Sie abzulehnen, war falsch?
Vermutlich ja. Auch die, die damals meinten, die Schweiz müsse unbedingt Vollmitglied werden, lagen wohl falsch. Wie gesagt: Die Schweiz liegt mitten in der EU, sie trägt mit ihren Investitionen in den Alpentransit auf der Schiene viel zu Europa bei. Sie sollte das in Brüssel etwas selbstbewusster vertreten, es ist ja eine gewaltige Leistung. Die Schweiz profitiert aber auch sehr viel von der EU.
Derzeit wird sie wegen der Bankgeheimnis-Sache geprügelt.
Dazu sage ich zwei Dinge: Man kann nicht meinen, man könne den Amerikanern die Tür aufmachen und sie wieder zubekommen. Es geht nicht, den Amerikanern etwas zu geben und den Europäern nicht. Zweitens: Je kleiner der Staatsanteil bei den Steuern, umso stärker wird der Druck bei Steuerflucht und Hinterziehung. Herrn Steinbrück werdet ihr die Ehrenstaatsbürgerschaft sicher nicht antragen.
Dann eher Ihnen – obwohl Sie ja eine bewegte Vergangenheit haben.
Na ja, in der Schweiz hat ja auch mal einer auf die Obrigkeit geschossen, oder habe ich das falsch gelesen?
Schiller hat das beschrieben, aber ob es wirklich so war, da gibt es Zweifel. Sind Sie weiterhin am Joggen?
Heute Morgen war ich acht Kilometer unterwegs.
Mit dem Hund?
Ja, mit Benno, einem anatolischen Herdenschutzhund.
Ist Benno dazu da, um sie vor Belästigungen zu schützen?
Man belästigt mich auch so nicht. Spasseshalber wird er in der Familie aber Head of Security genannt.
Kochen Sie wieder?
Das habe ich nie aufgegeben. Das macht mir grossen Spass.
Darf ich sagen, dass man das sieht?
Du meine Güte, in meinem Alter, ja. Im Moment fehlt mir der Ehrgeiz, mich in Ihre Figur zu versetzen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.10.2009, 15:51 Uhr
Kommentar schreiben
Ausland
- 06:36Demonstranten bewerfen Präsidentschaftskandidaten mit Steinen
- 23:08Grosser Andrang vor ägyptischen Wahllokalen
- 21:28«Dieses Ungleichgewicht zerstört die Europäische Union»
- 19:31Weil er die Spur zu Osama bin Laden legte: Arzt muss ins Gefängnis
- 17:21«Sie wollen Angst verbreiten, indem sie Mädchen vergiften»
- 16:44Die ignorierten Kämpferinnen
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




