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«Hau ab, du bist kein Grieche!»

Von Mirko Plüss. Aktualisiert am 19.03.2013 42 Kommentare

Eine Dokumentation über die rechtsextreme Partei Chrysi Avgi sorgt in Griechenland für Empörung. Ungewohnt offen zeigt sie, wie Vertreter der Parlamentspartei mit ihren eindeutigen Parolen auf Stimmenfang gehen.

1/4 «Offene Feindseligkeit gegenüber Migranten»: Mitglieder der Partei Chrysi Avgi während einer Kundgebung. (17. Juni 2012)
Bild: Keystone

   

Trailer zur Videodokumentation

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«Hau ab, du bist kein Grieche!» «Wage es nicht, uns anzuschauen.» «Nimm deinen Knoblauch und fahr zur Hölle!» Breitbeinig und aggressiv treten die Männer auf dem Gemüsemarkt mitten in Athen auf. Wer aussieht wie ein Immigrant, wird verbal attackiert. Alle anderen bekommen einen Parteiflyer in die Hand gedrückt, ob sie wollen oder nicht. Niemand stellt sich den Männern entgegen.

Die Szene ist der Einstieg der Videodokumentation «The Cleaners» über die rechtsextreme Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) in Griechenland. Diese zog im letzten Frühling überraschend ins Parlament ein und verfügt heute über 18 von 300 Mandaten. Einen Monat lang begleitete der in London lebende Filmemacher Konstantinos Georgousis vor einem Jahr einen Chrysi-Avgi-Kandidaten und seine Gefolgsleute. Er filmte sie bei Streifzügen durchs Quartier und bei Gesprächen in Cafés.

«Wir sind bereit, die Öfen zu öffnen»

Die Aussagen der rechtsextremen Parteivertreter vor laufender Kamera sind erschreckend. «Diese Parasiten trinken unser Wasser und atmen unsere Luft. (...) Sie sind Untermenschen. (...) Wir sind bereit, die Öfen zu öffnen und sie zu Seife zu verarbeiten», sagt einer über die Migranten, gefolgt von einem brüllenden Lachen. Doch die Männer belassen es nicht bei den verbalen Attacken. Für die Kamera des Dokumentarfilmers wird eine vorbeilaufende Gruppe von Frauen und Kindern aus Bangladesh vorgeführt. «Wir lieben die Ausländer», ruft einer. Den Frauen ist die Situation sichtlich unangenehm. «Ihr seid in letzter Minute entkommen», wird ihnen nachgerufen.

Der Londoner Jungregisseur Konstantinos Georgousis, der die Szenen festhielt, ist gebürtiger Grieche und kennt sich mit dem wachsenden Rechtsextremismus in seiner Heimat aus. Dennoch war auch er geschockt über die Selbstverständlichkeit, mit welcher die Parteimitglieder ihre extremen Ansichten vor der Kamera und in aller Öffentlichkeit vertraten. «Ich war bestürzt über ihre offene Feindseligkeit gegenüber Migranten auf Athener Plätzen», sagte er dem britischen Fernsehsender Channel 4, der den Film ausstrahlte. Besorgt zeigte sich Georgousis auch über die Unterstützung, welche die Rechten aus der Athener Bevölkerung erfahren.

Die meisten Vorfälle werden nicht untersucht

Die Dokumentation zeigt derweil bloss, was vor allem Nichtregierungsorganisationen schon seit Monaten und Jahren beanstanden: Fremdenfeindliche Gewalt nimmt in Griechenland stetig zu. Bereits im letzten Sommer veröffentlichte Human Rights Watch den 99-seitigen Bericht «Hate on the Streets: Xenophobic Violence in Greece». Darin wurde explizit der Bezug hergestellt zur rechtsradikalen Partei Chrysi Avgi. Diese wird jedoch laut der NGO noch zu wenig haftbar gemacht für fremdenfeindliche Übergriffe.

Neben der Gewalt von Chrysi Avgi und anderen «Bürgergruppen» kritisierte der Bericht aber vor allem die Arbeit von Polizei und Justiz, welche die zunehmenden Angriffe gegen Migranten weder verhindere noch bestrafe. Human Rights Watch befragte 59 Menschen, die zwischen August 2009 und Mai 2012 fremdenfeindliche Vorfälle erlebt hatten. Die meisten Vorfälle seien von offizieller Seite gar nicht erst untersucht worden. Die Organisation forderte damals die Regierung zu mehreren Massnahmen auf, um das Problem fremdenfeindlicher Gewalt in den Griff zu bekommen.

Umstrittener Antrag

Passiert ist bisher wenig. Linke Gruppierungen kritisieren vielmehr, rechte und nationalistische Haltungen würden je länger, je mehr gesellschaftskonform. Diesen Februar debattierte das griechische Parlament einen Antrag von Abgeordneten der Regierungspartei Nea Dimokratia und von Chrysi-Avgi-Parlamentariern. Die Gesetzesinitiative forderte die Regierung dazu auf, Griechen mit Migrationshintergrund grundsätzlich aus dem Polizei- und Militärdienst auszuschliessen. Der Antrag löste erbitterte Diskussionen aus, doch inmitten der schweren Sparmassnahmen scheinen solche Vorschläge in Griechenland bei breiten Schichten auf Zustimmung zu stossen.

«Solange wir nicht wie Hitler sind, habe ich kein Problem damit»

Die Rechtsextremendokumentation löste in den sozialen Medien in Griechenland wohl vor allem wegen der klaren Naziparolen grosse Empörung aus. Es war für die griechische Öffentlichkeit das erste Mal, dass die rechtsextremen Ansichten von Chrysi-Avgi-Mitgliedern ungefiltert ausgestrahlt wurden. «Jetzt ist wohl allen klar, dass es sich bei Chrysi Avgi um waschechte Nazis handelt», so der Tenor auf Twitter.

In einer der Schlüsselszenen der Dokumentation wird ein Mann als Mitglied von Chrysi Avgi angeworben. Ein Parteifunktionär erklärt ihm den Unterschied zwischen dem Hitlergruss und dem Chrysi-Avgi-Parteigruss. Letzterer sei ganz klar «klassisch-dorisch», jener der Nazis unterscheide sich im Winkel des ausgestreckten Arms. Die komplizierte Erklärung verfehlt ihre Wirkung nicht. «Wenn ihr dies Nationalismus nennt, dann möchte ich auch ein Nationalist sein», sagt der Mann zum Schluss. «Solange wir nicht wie Hitler sind, habe ich kein Problem damit.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.03.2013, 08:45 Uhr

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42 Kommentare

Claudio Hammer

18.03.2013, 12:18 Uhr
Melden 383 Empfehlung 77

Dann können wir nur hoffen, dass die Schweiz nie in eine solche wirtschaftliche Notlage wie Griechenland kommt. Wenn viele Leserkommentare schon im noch vorhandenen Wohlstand sehr rechtslastig gegenüber Ausländern ausfallend sind - kaum auszudenken wie die Situation sein würde bei griechischen Verhältnissen. Ich glaube, da käme bei gewissen Eidgenossen eine ganz hässliche Fratze zum Vorschein Antworten


Richard Hennig

18.03.2013, 11:37 Uhr
Melden 236 Empfehlung 57

Leider brauchen die Griechen wie alle anderen Länder einen Sündenbock für ihre eigenen Fehler. Die einfachste Lösung ist halt die Immigranten für die Probleme Griechenlands schuldig zu machen. War schon 1933 in Deutschland so, dort waren es halt die Juden. Ich kann nur hoffen dass die demokratischen Parteien in GR besser reagieren werden als in D vor 1933, sonst gibt echt Probleme für Europa. Antworten



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