Für einmal ohne Glitzer und Geschrei
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 24.11.2010 1 Kommentar
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Zuerst fällt der Ton auf: diese ruhige, zuweilen leicht melancholische Note im Ton der Gäste. Aller Gäste: des Ministers und der oppositionellen Senatorin, eines Kongolesen mit Heimweh, des Verwandten eines ungesühnten Terroropfers, des Klerikers im Kampf gegen die Camorra, eines behinderten Komikers. Keiner brüllt, keiner macht Kapriolen, keiner glänzt. Alle passen sich in ihren kurzen Auftritten ein in den spartanischen und monotonen Rahmen von «Vieni via con me» von Fabio Fazio und Roberto Saviano auf RAI Tre, dem dritten und kleinsten Sender im staatlichen italienischen Fernsehen.
Verhängnisvoller Erfolg
Die Sendung läuft seit drei Wochen erst, jeweils am Montagabend, zweieinhalb Stunden lang, und ist doch schon Kult. Zehn Millionen Zuschauer schalten im Schnitt ein. Das ist ein erstaunlicher, ein denkwürdiger Erfolg im berlusconisierten Italien. Wahrscheinlich ist der grosse Erfolg der Sendung gar politisch so relevant, dass sie nach der nächsten, der vierten Folge wieder eingestellt wird. Von oben, aus der Regiezentrale aller Sender in Italien: dem Büro des Ministerpräsidenten.
Beim Zappen könnte man jedenfalls leicht den Eindruck gewinnen, die Sequenz der italienischen Sender bereits hinter sich zu haben, wenn man zu Rai Tre und «Vieni via con me» gelangt. So plötzlich wird es still, versiegt das Gebrüll der Talkshows, verblasst das grelle Licht der Verblödungsprogramme, verschwinden die knapp bekleideten Starlets der anderen Sender. Der Titel des Programms ist auch der Titel eines Liedes von Paolo Conte: «Lass uns weggehen». Das Set ist eine einfache Theaterbühne mit einem Themenbild im Hintergrund. Als Requisiten dienen einzig Mikrofonständer. Sie stehen da für die Monologe der Gäste. Eingeladen werden sie, weil sie gerade Schlagzeilen machen oder weil sie mit ihren dramatischen Geschichten eben gerade keine Schlagzeilen mehr machen. Sie alle lesen Listen herunter, die sie selber zusammengestellt haben. Sie sagen etwa, was sie an Italien lieben, was sie ärgert, kränkt, schmerzt. Mal ist es eine persönliche Litanei mit Pathos, mal ein starkes politisches Plädoyer in wenigen Worten. Nur der Ton, der ist immer derselbe.
Zuschauer sollen innehalten
In dieser Sendung wird ein Volk gebeten, innezuhalten, in sich zu schauen, sich zu erzählen, sich mitzuteilen. Da kommt vieles zusammen, ungeordnet, wie in einem sehr schnell drehenden Kaleidoskop. Gerade jetzt, da Italien etwas verwirrt wirkt, auf das Ende einer politischen Ära wartet und rätselt, wie es weitergehen wird – dereinst, vielleicht bald schon, ohne Silvio Berlusconi.
Das Format lebt natürlich auch von seinen beiden Gastgebern. Fabio Fazio ist ein beliebter und feinfühliger Interviewer, der in seiner langen Karriere am Staatsfernsehen schon viele unterschiedliche Bühnen bespielt hat und doch seine Glaubwürdigkeit als seriöser Moderator bewahren konnte. Die zentrale Rolle aber spielt der junge Schriftsteller Roberto Saviano (31), Neapolitaner, der mit seinem Buch «Gomorra» über die krude Realität der kampanischen Mafia, der Camorra, weltberühmt wurde und sich seither nur noch in Begleitung von sieben Leibwächtern bewegen kann. Saviano erzählt seinen Landsleuten in langen, anschaulichen Monologen Geschichten über das organisierte Verbrechen, die diese zwar immer schon geahnt hatten, deren Tragweite sie aber in der Erklärung des Autors erst richtig fassen.
Mehr Marktanteil denn je
Am Montag zum Beispiel erklärte Saviano den Zuschauern Neapels chronischen Notfall mit dem Abfall. Wie es also kam, dass die Camorra mittlerweile mit der illegalen Entsorgung von Giftmüll aus Norditalien und Nordeuropa jedes Jahr 20 Milliarden Euro umsetzt – mehr als mit dem Drogenhandel. Und wie es kam, dass sich auch Politiker, linke wie rechte, an diesem schmutzigen Geschäft nähren.
Es sind unangenehme Wahrheiten, gestützt auf Recherchen und Richtersprüche, vorgetragen mit einer präzisen und scharfen Sprache. Der Generaldirektor der RAI, Mauro Masi, müsste sich eigentlich am Erfolg von Fazio und Saviano erfreuen. 32 Prozent Marktanteil – nie hatte Rai Tre mehr. Doch Masi ist ein Gesandter Berlusconis. Eher wird er nach Gründen suchen, um die Sendung abzusetzen. Er würde damit die Privatsender seines Förderers begünstigen. Und er würde mithelfen, die Italiener am Denken zu hindern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.11.2010, 18:21 Uhr
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1 Kommentar
Die Sendung ist wirklich sehr gut. Recherchiert, nüchtern, kritisch. Ein Paradox gibt es trotzdem: Die Sendung wird durch die Gruppe Endemol produziert. Endemol gehört Mediaset. Und Mediaset Berlusconi. Als Premierminister ist die Sendung Berlusconi ein Dorn im Auge, als Unternehmer verdient er daran. Nicht schlecht, oder !?! Antworten
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