Ausland

Monica Fahmy
Ressortleiterin Reporter


«Für die Elite ist die EM vor allem da, um sich zu bereichern»

Aktualisiert am 30.04.2012 24 Kommentare

Das Schicksal von Julija Timoschenko sorgt für eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen der EU und dem EM-Gastgeberland Ukraine. Eine Einschätzung der Lage von der Ukraine-Kennerin Susan Stewart.

1/6 Anhänger der Oppositionsführerin Julija Timoschenko protestieren gegen ihre Haftbedingungen. Sie soll geschlagen worden sein. Timoschenko befindet sich im Hungerstreik, eine Untersuchung wurde angekündigt (27. April 2012).
Bild: Reuters

   

«Die Fokussierung auf Julija Timoschenko ist nicht richtig»: Susan Stewart, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe Russland / GUS der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Baroso und Merkel boykottieren die Ukraine

Die Affäre um die inhaftierte Oppositionelle Julija Timoschenko zieht weitere Kreise: Mit den Präsidenten Tschechiens, Sloweniens, Österreichs und Deutschlands bleiben nun vier Staatsoberhäupter einem Gipfel in der Ukraine fern.

Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, ein bekennender Fussballfan, wird wegen der Lage in der Ukraine bis auf weiteres nicht in das Land reisen. «Wir hoffen, dass wir Entwicklungen sehen werden, die zu einem Ende dieser sehr, sehr ernsten Lage beitragen können», sagte seine Sprecherin. Die Mitglieder der EU-Kommission hätten keinen offiziellen Beschluss zu einem politischen Boykott der Ukraine getroffen.

Mit Blick auf den Umgang Kiews mit der erkrankten und inhaftierten Ex-Ministerpräsidentin Timoschenko sagte die Sprecherin: «Wir haben sehr grosse Sorgen über das, was derzeit in der Ukraine passiert». Julija Timoschenko ist in ihrem Heimatland zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt worden und klagt über Misshandlungen im Gefängnis. Sie befindet sich seit einer Woche im Hungerstreik. (sda)

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Frau Stewart, im EM-Austragungsland Ukraine ist die Oppositionsführerin Julija Timoschenko im Hungerstreik und letzte Woche gab es eine Anschlagsserie mit fast 30 Verletzten. Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?
Es ist eine gewisse Frustration spürbar. Auch die ehemaligen Anhänger von Präsident Wiktor Janukowitsch, die seinen Wahlsieg ermöglicht haben, sehen heute, dass seine Politik nur dazu dient, die Elite zu bereichern. Die Bevölkerung merkt zunehmend, dass die Wirtschaft, die Aussenpolitik und andere Bereiche vernachlässigt werden. Ein Rückschritt im Demokratisierungsprozess.

In etwas mehr als einem Monat, am 8. Juni, beginnt die EM. Wie werden die politischen Ereignisse in diesem Zusammenhang wahrgenommen?
Wenn man hört, wie über die EM gesprochen wird, herrscht die Meinung vor, dass es ein Erfolg ist, dass sie überhaupt in der Ukraine stattfindet. Obwohl auch dies jetzt wegen der Sicherheitslage infrage gestellt sein könnte.

Wie steht es denn um die Sicherheit der Sportler und Besucher der EM?
Dies hängt von der Grundeinstellung der Elite ab. Für sie ist die EM vor allem da, um sich zu bereichern. Für Projekte im Zusammenhang mit der EM wurde auf Ausschreibungen verzichtet. Die Leute im nahen Umfeld der Führungsspitze kriegten die Aufträge, zum Beispiel der Bau neuer Strassen, der neue Flughafen, Züge. Die Qualität stand im Hintergrund. Vieles ist noch nicht fertig, und somit können gewisse Aspekte und Abläufe im Vorfeld der EM nicht getestet werden. Daraus entstehen natürlich Sicherheitsrisiken. Es kann alles gut gehen, es bleibt aber dem Zufall überlassen.

Wissen die Verantwortlichen im Ausland, vor allem die Sportfunktionäre, davon?
Eigentlich müssten sie es wissen, aber ihre Aussagen im Hinblick auf die EM sind oft beschönigend. Sie wollen wohl optimistisch auf die Spiele schauen. Zum Teil fehlen ihnen vielleicht auch die Informationen, denn in der Ukraine ist vieles undurchsichtig.

Der internationale Druck auf die Ukraine steigt, die Oppositionsführerin Julija Timoschenko freizulassen. Wie wahrscheinlich ist eine Freilassung?
Es besteht eine gewisse Möglichkeit, ich bin aber vorsichtig. Bei ihrem Prozess hatte ich nicht mit einem so harschen Urteil gerechnet, es wurde aber gefällt. Zurzeit scheint es Überlegungen zu geben, sie nach Deutschland zur Behandlung ihrer Rückenprobleme zu lassen. Die Frage ist, ob sie das auch will. Die bevorzugte Variante des Regimes dürfte die sein, dass Timoschenko im Lande unter Kontrolle bleibt.

Angela Merkel erwägt einen Boykott der EM. Nützen Boykottdrohungen etwas?
Es ist sicher wichtig als Zeichen, dass man über die Vorgänge im Land sehr besorgt ist. Man möchte sich nicht mit Vertretern des Regimes auf der Bühne zeigen, weil dies im Land als Unterstützung der jetzigen Politik dargestellt würde. Diese Gelegenheit will man dem Regime nicht bieten. Es braucht aber auch einen Plan, wie man die Beziehungen zur Ukraine in dieser schwierigen Lage nach der EM gestalten kann.

Wie müsste dieser aussehen?
Die Fokussierung auf Julija Timoschenko ist nicht richtig. Die Probleme liegen viel tiefer. Es geht um den grundsätzlichen Umgang mit der Opposition. Es geht um die fehlende Unabhängigkeit des Justizsystems. Auch wenn die Elite im Fall Timoschenko einlenken würde, wäre dies nicht gleichzusetzen mit einem grundsätzlichen Umdenken.

Worauf hört denn die Elite überhaupt?
Schwer zu sagen. Eigentlich nur auf sich. Sie sorgt dafür, dass die Lage für das Grüppchen an der Macht günstig ist. Jetzt hat sie die Beziehung mit der EU verdorben. Auch die Beziehungen mit Russland sind schwierig. Die eigene Bevölkerung unterstützt das jetzige Regime auch nicht mehr. Bisher hat sich dennoch nichts geändert.

Wer bildet eigentlich diese Elite um Janukowitsch?
Es sind Oligarchen, Verwandte und Anhänger der Regierung. Da ist etwa Rinat Achmetow, der Besitzer der Donbass-Arena, einem Austragungsort der EM. Er hat Janukowitsch im Wahlkampf unterstützt und spielt eine grosse Rolle in der ukrainischen Politik. Oder Dmytro Firtasch, ein Milliardär im Gas und Chemiegeschäft. Die Verflechtung zwischen Wirtschaft und Politik ist allgegenwärtig. Viktor Janukowitsch versucht, seinen Einflussbereich zu erweitern, indem er Verwandte und enge Freunde miteinbezieht und so ein Gegengewicht setzen kann.

Könnte es im Vorfeld der EM nochmals zu Protesten kommen?
Es wird sicher Versuche der Opposition geben, auch wenn sie nicht über solche Pläne gesprochen hat. Die Sicherheitskräfte dürften aber Proteste im Keim ersticken.

Welche Szenarien sind nun im Hinblick auf die EM denkbar?
Es gibt offenbar Vorschläge, die Spiele um ein Jahr zu verschieben oder die ukrainischen Spiele in Polen stattfinden zu lassen. Das wahrscheinlichste Szenario ist aber, dass die EM in der Ukraine stattfindet und mit einem politischen Unterton und gewissen Schwierigkeiten über die Bühne geht. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.04.2012, 14:52 Uhr

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24 Kommentare

Markus Kobler

30.04.2012, 15:49 Uhr
Melden 68 Empfehlung 0

Die Vergabe der EM an die Ukraine war ein Skandal. Nicht der erste wenn es um das Thema "Sport" geht. Denn eigentlich geht es nur um Geld und nichts anderes.
Es wäre wünschenswert dass die EM ein absolutes Debakel wird, sowohl für das Regime in der Ukraine wie auch für die Sportfunktionäre. Die Bevölkerung hat eh nichts davon und wir nur mit faulen Sprüchen hingehalten.
Antworten


Andy Thomann

30.04.2012, 16:20 Uhr
Melden 53 Empfehlung 0

Bahrain F1, China Olympia haben es gezeigt! Unsere westliche Spassgesellschaft verlangt, dass wir auch in der Ukraine jubeln so wie sie es auch in Sochi und Qatar verlangen wird! Menschenrechte und Umweltschutz interessieren aller höchstens wenn es einen persönlich trifft. Antworten



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