Ausland

«Es ging in all den Jahren sehr freizügig zu»

Hunderte deutsche Kinder sind sexuell missbraucht worden, meist von Lehrern oder Priestern. Jetzt streitet sich die Politik um das richtige Gegenmittel.

Zurückgetreten: Abt Barnabas Boegle.

Zurückgetreten: Abt Barnabas Boegle.

Eine Reformschule in Hessen, ein Benediktiner-Internat in Bayern, ein Elitegymnasium in Berlin: Fast täglich werden neue Missbrauchsfälle an deutschen Schulen bekannt. Meist sind es die Opfer, die sich melden, sie erzählen von Schlägen, Vergewaltigungen, unsittlichen Berührungen. Die Täter: Ehemalige Lehrer, Ordensbrüder, in einigen wenigen Fällen auch Frauen.

Nur: Strafrechtlich werden die meisten Taten nicht mehr verfolgt – sie sind zu lange her, liegen zum Teil 50 Jahre zurück. Sexueller Missbrauch von Kindern verjährt in Deutschland nach 10 Jahren; Vergewaltigung nach 20 Jahren. Die Verjährungsfrist beginnt, wenn das Opfer volljährig ist.

Diese Straflosigkeit der Täter hat die Politik aufgeschreckt. Und prompt hat Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) eine Verlängerung der Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch vorgeschlagen. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass zum Teil erst viele Jahre nach dem Missbrauch gesprochen wird.» Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, nur weil etwas verjährt sei, sei es nicht wichtig.

Streit um die Verjährungsfrist

Der SPD-Politiker Ralf Stegner zielt in dieselbe Richtung. Es müsse gelingen, die Dunkelziffer zu verringern und das Schweigen «aufzubrechen», sagte er. Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) schlägt darüber hinaus vor, die Mindeststrafe für sexuellen Missbrauch solle erhöht werden: auf ein Jahr Haft von bisher sechs Monaten.

Doch gegen eine Ausdehnung der Verjährungsfristen formiert sich mittlerweile Widerstand – und zwar ausgerechnet im Regierungslager. Die FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hält die bisherige Gesetzeslage für sinnvoll. Nach 40 oder 50 Jahren sei es schwierig, noch Sachverhalte zu ermitteln und Zeugen zu finden, sagte die Politikerin. Dann seien einseitige Beschuldigungen möglich, die nicht mehr bestätigt oder widerlegt werden könnten. Leutheusser-Schnarrenberger fordert dagegen eine finanzielle Entschädigung für die Opfer. Es brauche ein «klares Signal, wie zum Beispiel das Gespräch über freiwillige Wiedergutmachungen».

Familienministern Kristina Schröder will derweil Ordnung in das Chaos aus Vorschlägen und Wortmeldungen bringen – mit einem Runden Tisch. Bei dem Treffen im April sollen Schulen, Kirchen und Politiker diskutieren, welche Hilfe die Opfer benötigen. Auch will Schröder Wege finden, um Missbräuche künftig zu verhindern.

Lawine losgetreten

Angefangen hatte die Serie von Missbrauchsskandalen im Berliner Canisius-Kolleg. Ende Januar gestand dort der Rektor, zwei Jesuiten-Priester hätten zahlreiche Schüler missbraucht. Ausgelöst von Medienberichten, kamen darauf immer neue Fälle ans Licht, etwa beim Knabenchor der Regensburger Domspatzen. Laut Aussagen von Betroffenen hat dort ein katholischer Priester die jungen Sänger brutal geschlagen und in mehreren Fällen auch vergewaltigt. Ein ehemaliger Schüler berichtete von einem «ausgeklügelten System sadistischer Strafen, verbunden mit sexueller Lust.» Auch im südbayrischen Benediktiner-Kloster Ettal sollen Mönche Schüler geprügelt und unsittlich berührt haben.

Zuletzt wurde eine Reihe von Fällen in der hessischen Odenwaldschule bekannt, dem ersten nicht-kirchlichen Institut, das betroffen ist. In der Reformschule waren in den 70er- und 80er-Jahren möglicherweise bis zu hundert Schüler vom damaligen Rektor und weiteren Lehrern missbraucht worden.

«Es ging da in all den Jahren sehr freizügig zu», erzählte ein Zeuge der «Frankfurter Rundschau.» Schüler wurden offenbar von den Lehrern als «sexuelle Dienstleister» für Wochenenddienste eingeteilt. Zwei Lehrer sollen sich ein Mädchen als sexuelle Gespielin «geteilt» haben. Einige Pädagogen überliessen auch Gästen Schüler zum Missbrauch.

Es habe eine richtige «Anti-Spiesser-Hysterie» geherrscht, berichtet ein ehemaliger Bewohner des dortigen Internats. Dadurch seien die Missbräuche erst möglich geworden. Wer etwas bemerkt und gesagt habe, sei «sofort als Spiesser geächtet worden». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2010, 07:58 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

2 Kommentare

Georg Stamm

10.03.2010, 15:22 Uhr
Melden

Bei soviel Heuchelei gibt es nur 1 Antwort: Sofort aus der Kirche austreten. Antworten


Walter Sahli

10.03.2010, 09:05 Uhr
Melden

Irgendwie kann ich fast nicht glauben, dass unsere nördlichen Nachbarn die Einzigen sein sollen, die solche Fälle von systematischem Missbrauch in ihren Internaten und Klöstern haben... Antworten



Ausland

Populär auf Facebook Privatsphäre


Emil Frey AG Autocenter Bern

Geniessen sie die Strasse mit dem neuen Subaru XV. Nur im Emil Frey Autocenter Bern.

Jobsuche

Jobs, in die man sofort wechseln will!

Jobsuche

Jobs, in die man sofort wechseln will!