Ausland
Er träumte davon, der Kennedy Frankreichs zu sein
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 20.04.2012 15 Kommentare
Pfiffe für Sarkozy
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Das ist die Geschichte einer enttäuschten Liebe, einer welken Passion zwischen einem Land und seinem Präsidenten, zwischen Frankreich und Nicolas Sarkozy. In der Vorstellung der Franzosen ist die Nation weiblich, «la France». Bei der Präsidentschaftswahl geht es mehr um Herz als um Kopf, mehr um Person als Politik, viel mehr um Traum als um Wirklichkeit. Es ist die «Begegnung eines Mannes mit dem Volk», wie die Franzosen sagen und die Frauen dabei gerne ausblenden: eine Verführung.
Sarkozy trat 2007 wie ein junger Liebhaber auf, als Heisssporn: sprühend, energisch, ungestüm. Diese Verve war umso erstaunlicher, als parallel dazu gerade seine zweite Ehe in die Brüche ging. Cécilia Sarkozy war mit jenem Werbemann durchgebrannt, der die Bühnen ihres Mannes bestellt, die Choreografie von dessen Aufstieg geschrieben hatte. Am Tag seines grössten Triumphs mochte sie ihren Mann nicht einmal zum Wahllokal begleiten. Nun könnte man ja meinen, solche privaten Krisen gehörten nicht in die politische Analyse einer Präsidentschaft, zumal diese Präsidentschaft ja auch voll war mit echten politischen und wirtschaftlichen Krisen.
Unbeliebt wie keiner
Bei Nicolas Sarkozy ist das anders. Er kann und will nicht trennen zwischen Privatem und Öffentlichem. Und man kann seine Parabel nur über seine Persönlichkeit fassen. Die Person steht im Zentrum dieser Wahl, nicht seine Politik. Die Wahl ist ein Referendum für oder gegen «Sarko». Kein anderer Kandidat weckt so viele Emotionen wie er. Keiner ist so populär, wie Sarkozy unpopulär ist. 64 Prozent der Franzosen haben eine «schlechte Meinung» vom Präsidenten. Das «Journal du Dimanche» misst die Gunst aller Politiker jede Woche neu. Keiner seiner Vorgänger seit Beginn der Fünften Republik, also seit 1958, hatte je so schwache Werte wie Sarkozy. Und so konstant.
Dabei hatte alles wie im Märchen begonnen. Die Verliebtheit zwischen Sarkozy und den Franzosen währte zwar nur kurz, war aber heftig. Plötzlich sass da einer im Elysée, der sich tatsächlich bewegte. Nichts symbolisierte das besser als das Bild, das ihn joggend auf dem Perron, der Vortreppe des Präsidentenpalasts, zeigte – in kurzen Sporthosen. Der «Hyperpräsident» zelebrierte seine Fitness, liess sich beim Velofahren filmen, zuckte bei seinen Auftritten ständig mit den Schultern, als ginge ihm alles nicht schnell genug. Er war überall, ständig, auf allen Bühnen und Kanälen. Ein Macher, ein Allesmacher.
Wenn die Story eine unangenehme Wendung nahm, wurde Sarkozy cholerisch
Es war die Zeit, da Sarkozy einmal sagte: «Ich liebe die Presse, und sie erwidert die Liebe.» Welchen Kollegen man auch fragt: Sarkozy umgarnte die Journalisten, duzte alle, rief sie auch zu Unzeiten an, gab vor, sich für ihre Karrieren zu interessieren. So entstand eine ungesunde Nähe. Nie davor hatte ein Mächtiger in Frankreich die Medien so nahe an die Macht herangelassen wie er. Sarkozy sonnte sich in den Schlagzeilen, las alles, liess sich die Magazine vorlegen, die ihn mit Carla Bruni, seiner dritten Frau, auf dem Cover zeigten: «Gala» und «The Economist» – er zierte gleichzeitig die Titelblätter von People- und Politpresse.
Aus seiner Entourage hört man, Sarkozy habe immer davon geträumt, «Frankreichs Kennedy» zu sein. Dem Storytelling mass er so viel Gewicht zu wie der Politik. Und wenn die Story in der Erzählung der Zeitungen mal eine unangenehme Wendung nahm, dann rief der Präsident den Reporter oder den Chefredaktor auf dem Handy an und eröffnete eine seiner legendären Tiraden. Cholerisch, unpräsidial.
Die Verfassung verleiht dem Präsidenten eine Machtfülle, wie sie kein anderer europäischer Staatschef hat
Er riss alle Dossiers an sich. Seinen Premierminister nannte er einen «Mitarbeiter». Zwar waren die Regierungschefs in der Fünften Republik nie sehr mächtig. Doch Sarkozy degradierte François Fillon zu einer Marionette und behielt ihn nur deshalb eine ganze Legislaturperiode lang, weil der seine Statistenrolle akzeptierte, ohne zu murren. Alles war Chefsache, auch die Besetzung der Direktionsposten im staatlichen Fernsehen und Radio. Selbst die Menüs an den internationalen Gipfeltreffen, bei denen er als Gastgeber meist eine gute Figur machte, bestimmte er selber.
Sarkozy wollte um jeden Preis Geschichte schreiben. Obsessiv, mit einem kindlichen Trieb. Und manchmal gelang ihm das auch dank seiner Initiative und seiner Entscheidungsfreude. Er ist ein «Voluntarist», einer also, der fest an die Gestaltungskraft der Politik glaubt. Natürlich muss man dazu sagen, dass die Verfassung dem französischen Präsidenten eine Machtfülle verleiht, wie sie kein anderer Staatschef in Europa hat, und das begünstigt den Handlungsfreudigen ganz bedeutend. Doch Sarkozy nutzte sie auch.
«Casse-toi, pauv’ con!»
Vor allem auf internationalem Parkett war er ein impulsiver, zuweilen ansteckender Reisser. In Europa erinnert man sich an keine der letzten Semesterpräsidentschaften lieber als an jene Frankreichs 2008, also an Sarkozys. Im Konflikt zwischen Georgien und Russland wäre es vielleicht zum Krieg gekommen, wäre Sarkozy nicht so couragiert dazwischengegangen. Und in Libyen hätte Muammar al-Ghadhafi wohl die Rebellenhauptstadt Benghazi in den Boden gebombt, wenn ihn Sarkozy nicht gestoppt hätte. Es war ein Entscheid aus dem Bauch, zugeflüstert vom streitbaren Philosophen Bernard-Henri Lévy. Nicht einmal seinen Aussenminister hatte Sarkozy eingeweiht, bevor er die Rebellen im Elysée empfing. Wo wäre das möglich gewesen ausser in Frankreich? Es hätte schiefgehen können. Es ging aber recht gut. In Benghazi sangen sie nach der Befreiung Chöre wie Hommagen: «Sarkozy! Sarkozy!»
Doch in Frankreich selbst brachte ihm der internationale Erfolg fast nichts. Man nickte ihn ab. Innenpolitisch war der Präsident schwach, ohne klare Linie. Von seinen Reformvorhaben realisierte er nur wenig: die Anhebung des Rentenalters von 60 auf 62 Jahre, die Reform der Universitäten. Mehr war nicht. Nur mehr Schulden, mehr Arbeitslosigkeit, höhere Steuern. Er hatte ein Mandat, um das Land zu verändern – er verprasste es. Viele Reformen waren so schlecht und hastig gemacht, dass sie im Parlament oder im Verfassungsrat durchfielen.
Die Scheidung zwischen Nicolas Sarkozy und den Franzosen lässt sich datieren.
Vor allem aber mögen die Franzosen das Bild nicht, das ihr Präsident, dieser gewählte Monarch, von seinem Amt zeichnete. Er hatte verheissen, das bisher sakralisierte Amt zu verbürgerlichen. Und das war ja auch ein nobles Vorhaben. Doch als er dann einem seiner Kritiker an der Pariser Landwirtschaftsmesse, der ihm den Handschlag verweigert hatte, ein «Casse-toi, pauv’ con», «Hau ab, du Arschloch», nachschickte, gefiel den Franzosen der neue Ton nicht mehr. Er war nicht modern, sondern vulgär. Das Amt war nicht entheiligt, sondern entwürdigt. Das Magazin «Marianne» titelte einmal: «Le Voyou de la République», «Der Flegel der Republik».
Die Scheidung zwischen Nicolas Sarkozy und den Franzosen lässt sich datieren: Oktober 2009. Damals wurde bekannt, dass sein Sohn Jean die Verwaltungsbehörde des Pariser Geschäftsviertels La Défense übernehmen sollte – mit 23 Jahren, im zweiten Studienjahr Jus. Eine dümmliche nepotistische Operation, Beleg für Sarkozys denkwürdig bescheidenes Verständnis für das Empörungspotenzial der Franzosen. Er war sich ihrer Liebe zu sicher. Danach war nichts mehr, wie es einmal war. Viele trauten ihm nicht mehr. Viele mochten ihn nicht mehr sehen, nicht mehr hören und zappten weg, wenn er am Fernsehen auftrat. Allergisch, egal, was er sagte und wie er gestikulierte. Seine Omnipräsenz wurde zum Handicap. Sie war zu massiv und verstärkte die Aversion. Sarkozy erfand sich nun oft neu, legte politische Kapriolen hin, schwenkte nach rechts, dann ins Zentrum und wieder nach rechts, um der Braut zu gefallen. Bis er merkte, dass Politik nicht half.
Der Versuch einer Stilmetamorphose
In den letzten Jahren versuchte er eine Stilmetamorphose. Er gab sich über Nacht präsidialer, achtete auf seinen Sprachausdruck, privatisierte sein Privatleben, lud Intellektuelle ins Elysée ein, um mit ihnen zu Croissant und Café über die Thesen von Hans Magnus Enzensberger zu diskutieren, über das dänische Autorenkino, über Musik. Alles von Carla gelernt, sagte er. Auf viele Gäste wirkte die Vorstellung surreal, künstlich kultiviert, als wollte er einen alten Komplex kompensieren. Einmal sagte Sarkozy: «Die Franzosen werfen mir mein Glück mit Carla vor. Wenn sie mich glücklich sehen, sagen sie sich: ‹Jetzt verlässt er uns.›»
Sarkozy rangierte alle jene Figuren aus, die seiner Regierung einmal ein modernes, überparteiliches Gesicht gegeben hatten: die Minister aus dem linken Lager, die jungen Ministerinnen aus der kulturellen Vielfalt. Und er ersetzte sie durch Chiracquiens, mit Leuten also, die seinem neogaullistischen Vorgänger anhingen, den er eine Mumie genannt hatte. Alle Originalität war weg. Jacques Chirac bekam recht: «Sarkozy wird im Flug explodieren», hatte er einmal über «Nicolas» und dessen nervöses Gestikulieren gesagt. Der stilistische Wandel in extremis vermochte kaum jemanden zu überzeugen, wenn Sarkozy auch ständig wiederholte: «Ich habe mich verändert. Ich habe gelernt.» Es waren gar Mea culpas dabei. Die Popularitätswerte aber blieben tief. Die Meinung war gemacht.
Zum Schluss etwas de Gaulle
«Aidez-moi!», tönt Sarkozy jetzt, «Françaises, Français: aidez-moi!» Er sagt es überall, wo er hinkommt – in Marseille, in Bordeaux, in Ajaccio. «Helft mir!» Und jedes Mal, selbst beim vierten, fünften Mal noch, liest er die Passage ab. Es ist die eindringlichste Passage seines Kampagnenskripts, der Ruf eines verzweifelten Ehemannes, dem die Frau entgleitet – «la France». Doch er traut sich nicht, sie frei vorzutragen. Er performt nur, als wüsste er, dass die Ehe zerbrochen ist. Henri Guaino, sein gaullistischer Ghostwriter, der ihn 2007 an die Macht geschrieben hatte, hat den Appell aus dem Nachlass des Generals gefischt. Charles de Gaulle, der Meister des Pathos, brauchte die Formel jeweils, wenn die Nation an historischen Weggabelungen stand – nach dem Krieg und beim Verlust der Kolonien.
Bei Sarkozy geht es um weniger, obschon er die Wahl natürlich zu einer dramatischen Schicksalswahl stilisiert: «Ich oder das Chaos!» Es geht nur um ein schmales Kapitel in der Geschichte des Landes. Ein buntes und unterhaltsames. Mit einem Protagonisten, der wirbelte, dass es vielen schwindlig wurde, der Comiczeichner und Satiriker und Biografen animierte mit seinen Ticks, seinen Verrenkungen, seinen Überraschungscoups. Der Psychologen zu Politologen machte und umgekehrt. Der aber nicht viel hinterlässt. Es war wohl doch nur eine flüchtige Affäre, ein Seitensprung. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.04.2012, 16:40 Uhr
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