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Vincenzo Capodici
Reporter


Ein neuer Frühling für Palermo

Aktualisiert am 22.05.2012

Der Anti-Mafia-Politiker Leoluca Orlando ist zum vierten Mal Bürgermeister von Palermo. Er will Siziliens Hauptstadt wieder zu einer Renaissance führen, was ihm bereits 1985 bis 2000 gelungen war.

1/8 Als Kandidat der Mitte-links-Partei «Italia dei Valori» («Italien der Werte») und eines Bündnisses mit Grünen und Kommunisten ist Leoluca Orlando zum Bürgermeister von Palermo gewählt worden. Im zweiten Wahlgang erhielt der 64-jährige Jurist und Abgeordnete in Rom fast drei Viertel aller Stimmen.
Bild: Keystone

   

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«Der Frühling ist zurückgekommen», sagte ein euphorischer Leoluca Orlando nach seinem Wahltriumph mit 72,4 Prozent der Stimmen, der ihn nach zwölf Jahren wieder ins höchste Amt seiner Heimatstadt Palermo gebracht hat. Mit dem langjährigen früheren Bürgermeister, der für ein links-grünes Bündnis kandidiert hatte, kehrt die Hoffnung zurück in eine Stadt, «die am Boden liegt und in sich den Grund finden muss, sich wieder aufzurichten». Er werde den Kampf für die Erneuerung Palermos führen – und auch gewinnen. Wie schon in den Jahren von 1985 bis 1990 sowie von 1993 bis 2000, als er als Bürgermeister mit Erfolg die Geschicke der sizilianischen Hauptstadt gelenkt hatte.

Berlusconis «Kultur der Illegalität»

Die aktuellen Herausforderungen für den 64-jährigen Orlando sind allerdings riesig. Selbst Orlando, der als unverbesserlicher Optimist gilt, spricht von «griechischen Verhältnissen». Sein Vorgänger Diego Cammarata, Silvio Berlusconis Statthalter in Palermo, hat eine Stadt hinterlassen, in der Misswirtschaft und Korruption herrschen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und der Staat massiv verschuldet. Strassen und Parks verkommen, Gebäude und Kunstwerke zerfallen, der Müll häuft sich und verbreitet Gestank. Nicht zuletzt konnte die Mafia ihren Einfluss wieder ausbauen. Wie es Orlando schon vor Jahren befürchtet hatte, hat die «Kultur der Illegalität» von Silvio Berlusconis langjähriger Regentschaft den «Frühling von Palermo» regelrecht vertrieben.

Der «Frühling von Palermo» steht für das kulturelle und wirtschaftliche Wiedererwachen der einstigen Mafia-Hochburg am Ende des 20. Jahrhunderts. Nicht zuletzt dank seinem unerschrockenen Anti-Mafia-Kampf war es Orlando gelungen, die Stadt den Palermitanern zurückzugeben. Der Mann, der auf der Todesliste der Mafia figurierte, ging gegen korrupte Stadtverwalter und Bauspekulanten vor, die im Bündnis mit Mafia-Klans Politik und Wirtschaft dominiert hatten. Orlando liess alte Quartiere und Schulen sanieren, er schuf kulturelle Einrichtungen, legte den Grundstein für eine U-Bahn und baute Sportanlagen. Überall entstanden Lokale und Geschäfte, die öffentlichen Räume gehörten dem Volk. Ein international wahrgenommenes Symbol des «Frühlings von Palermo» war die Wiedereröffnung des traditionsreichen Opernhauses «Teatro Massimo», das Jahrzehnte vor sich hingegammelt hatte. Palermo war wieder attraktiv für Touristen.

Kampf gegen Mafia geht weiter – mit dem Recht und der Kultur

Trotz den Erfolgen machte sich Orlando nach seinem Rücktritt als Bürgermeister im Jahr 2000 keine Illusionen. Die Mafia herrsche zwar nicht mehr mit Waffengewalt, sie besetze auch nicht mehr die Köpfe der Menschen; ihre Finanzkraft sei aber ungebrochen, warnte Orlando bei jeder Gelegenheit. «Die Mafia ist mit ihrem Geld in Wirtschaft und Finanzwelt abgewandert, so wird sie unsichtbar, ist selbst weniger gefährdet, aber für uns Bürger umso gefährlicher», sagte Orlando im Wahlkampf. «Die Mafia kontrolliert Unternehmen und Arbeitsplätze. Mit der wirtschaftlichen Macht kauft sie sich auch die Politik.»

Nach Ansicht von Orlando muss der Kampf gegen die Mafia an zwei Fronten geführt werden, mit dem Recht und der Kultur. Polizei und Gerichte genügten nicht. Es sei notwendig, die kulturelle Hegemonie der Mafia zu brechen und die materielle Situation der Bevölkerung zu verbessern - mit dem Ziel, eine Zivilgesellschaft zu schaffen.

In seinem Wahlprogramm knüpfte Orlando bei den Themen an, die ihn bis zu seinem Abgang aus dem Bürgermeisteramt vor zwölf Jahren bereits beschäftigt hatten. Weniger Mafia und weniger Misswirtschaft, mehr Perspektiven und mehr Lebensqualität für die Bürger von Palermo: Das sind, in Slogans zusammengefasst, die Ziele des 64-jährigen Juristen und Buchautors, der heute als Abgeordneter der kleinen Mitte-links-Partei «Italia dei Valori» («Italien der Werte») in Rom politisiert und deren Sprecher er ist. «Italia dei Valori» ist auch die Partei des berühmten «Mani pulite»-Staatsanwalts Antonio di Pietro.

Kritik an traditionellen Parteien und Technokraten in Rom

In seinem Wahlkampf inszenierte sich Orlando nicht nur als Kämpfer für einen «neuen Frühling» in Palermo. Mit klaren Worten grenzte er sich von der im Volk verhassten «Politikerkaste» in Rom ab, der er eigentlich auch angehört. Er habe auf einen Ministerposten in Rom verzichtet, weil er sich lieber in seiner Heimatstadt engagiere.

Seinen Wahltriumph bezeichnet der neue Bürgermeister von Palermo als «Antwort auf den technokratischen Geist ohne Seele» der Regierung von Mario Monti und als «Ohrfeige für die Parteien». Mit seiner Kritik an den traditionellen Parteien und den technokratischen Politikern in Rom nahm er geschickt den Unmut in der Bevölkerung auf und machte sich dies im Wahlkampf zunutze. Weil er auch die Erinnerungen an bessere Zeiten zu aktivieren wusste, erzielte er ein sensationelles Wahlergebnis von beinahe drei Viertel aller Stimmen.

«Wer rund geboren ist, der kann nicht viereckig sterben», heisst ein sizilianisches Sprichwort, das Orlando gerne zitiert, wenn er Nicht-Sizilianern seine Heimat erklärt. Dennoch glaubt Orlando, dass sich Menschen verändern können. Mit dem «Frühling von Palermo» in den Neunzigerjahren, den er massgeblich geprägt hatte, hat Orlando angedeutet, was möglich ist – und wie die Mafia zurückgedrängt werden kann. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.05.2012, 21:01 Uhr

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