Ausland
Ein gut versteckter Bestseller
Von Peter Nonnenmacher. Aktualisiert am 10.09.2010 5 Kommentare
Trotz Widerstand seiner Gegner: Blairs Memoiren verkaufen sich bestens. (Bild: Keystone )
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Auf seine Fans ist immer noch Verlass. In England kletterten Tony Blairs Memoiren binnen weniger Tage auf Platz eins der Bestsellerlisten. Die Leute wollen wissen, was der New-Labour-Premier so alles erlebt hat in seinen zehn Jahren in Downing Street. Die Kassen klingeln. Tony strahlt. Und die britische Soldatenfürsorge freut sich. Ihr kommen die Einnahmen aus diesem Ausverkauf der Blair-Ära zugute.
Weniger freuen sich jene, die Blair «seinen» Krieg nicht vergeben können und ihn noch immer mit ihrem Groll verfolgen. Auch auf sie, auf seine Gegner, ist Verlass. Sie haben damals leidenschaftlich gegen die Irak-Invasion demonstriert und sehen jetzt, sieben Jahre später, keinen Grund, ihm seine «Ausflüchte» durchgehen zu lassen. Sein Buch «A Journey» ist ihnen ein Dorn im Auge. Dass er sich feiern lässt als Elder Statesman, noch immer auf der Richtigkeit seiner Kriegsentscheidung bestehend, macht sie nur noch wütender. Ihrer Meinung nach klebt Blut an seinen Händen, das Blut von Hunderttausenden. Für sie ist Tony Blair nichts anderes als ein «war criminal», ein Kriegsverbrecher.
Drinnen die Fans, draussen die Feinde
Ein Widersacher in Dublin hat ihn vergangenes Wochenende denn auch festzunehmen versucht. Das war bei Easons – vor der Grossbuchhandlung an der OConnell Street, in der Blair irischen Bewunderern seine Signatur in die just gekauften «Journey»-Exemplare kritzelte. Draussen vor dem Laden begrüssten ein paar Hundert Demonstranten den Autor mit Protestgeheul sowie mit «Eiern, Flaschen und Schuhen», wie die Polizei vermerkte. Die Schuhe waren, genau genommen, Plastiksandalen, also nicht Militärstiefel, die Schaden hätten anrichten können. Aber der Aufruhr reichte, um Blair die Lust an weiteren Auftritten dieser Art zu nehmen.
Der Ex-Premier fletschte die Zähne, grinste, winkte – und sagte die nächste Lesung ab, die für diese Woche in London geplant war. Er wolle, erklärte er, kein Verkehrschaos verursachen am Piccadilly und der Londoner Polizei keine unnötige Pflicht aufbürden. Die habe Wichtigeres zu tun, als eine Buchhandlung zu umstellen. Und sein Buch verkaufe sich bestens – auch ohne ihn. Bedauern seitens der Buchhandlung: Natürlich hätte man den Lesern gern die Begegnung mit Tony Blair ermöglicht. Bedauern auch bei den Demonstranten. Denen war plötzlich das Ziel für ihre Geschosse genommen. So sehr sie sich brüsteten, einen «Sieg» errungen und den grossen bösen Blair «in die Flucht geschlagen» zu haben: Sie hätten gern noch etwas weitergesiegt.
Zivilisierte Guerilla-Methoden
Dann kam der Anti-Blair-Fraktion eine geniale Idee, wie sie ihre Kampagne als Guerillakrieg fortsetzen und den «Feind» in viele neue Gefechte verwickeln kann. Eine Web-Notiz forderte Blair-Gegner allerorten auf, sich umgehend in die nächstgelegene Buchhandlung zu begeben und in deren Regalen für revolutionäre Aktivität zu sorgen. Dabei brauche diese Aktivität nicht mal gegen geltende Gesetze zu verstossen. Blutrote Farbe über Tony Blairs Memoiren zu kippen, schien den bibliophilen Rebellen eh eine zu grobe, zu geistlose Methode der Auseinandersetzung. Sie hatten etwas anderes im Sinn, um diese Schlacht zu gewinnen.
So muss, wer in Buchhandlungen der Insel nach «A Journey» fahndet, gelegentlich etwas mehr Zeit auf die Suche verwenden. Wo das Blair-Buch nicht auf den Bestsellertischen oder in der Biografieabteilung zu finden ist, sollte man ganz woanders nachschauen, etwa bei den Krimis, unter «Crime» – «Verbrechen».
Auch im Reich der bunten Fantasien, unter Sciencefiction, kann der neue Blair geortet werden. Oder bei Horrorbüchern, den gesammelten Scheusslichkeiten. «Ein bisschen Spass» müsse Guerillakrieg machen, erklären die Initianten. Ausserdem könne man so ganz unblutig «und auf sehr englische Weise» seine Meinung über Mister Blairs «Journey» kundtun.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.09.2010, 23:42 Uhr
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5 Kommentare
Man wartet auf die Zeit, wo in den Gesetzen der ganzen Welt geschrieben steht: "Armeen und Kriegseinsätze sind verboten". Dann gäbe es auch keine Blairs mehr. Aber die Waffenindustrie wird da etwas dagegen haben, und so sind die Tiere bis heute oft besser geschützt als die Menschen... Antworten
Wie schnell wir vergessen! Lest mal die Kriterien der Nürnberger Prozesse nach; nach diesen müsste jeder US Präsident und UK Prime Minister seit dem 2. Weltkrieg aufgeknüpft werden. Die Invasionen von Vietnam, Falkland, ex-Jugoslawien, Irak I, Afghanistans und Irak II etc waren von Anfang an erfunden, genau wie der Massenmord vom 11-09-01. Und wir vertrauen weiterhin unseren "Freunden". Antworten
Mr. Blair ist heute als externer Nahost-Berater für Firmen unterwegs. Das Networking in den verbombten Regionen, die heute eine neue Infrastruktur benötigen, wurde seinerzeit gemacht und die Aufträge werden hauptsächlich an westliche Investoren verteilt. Er fungiert dabei als Vermittler mit einer Top-Provision. Blair kostet pro Std. 800.-€ als Moderator. Antworten
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stefan reissner
11 9 2010 ebefalls sind die anschläge auf die londoner u bahnen u busse nicht vergessen im gegenteil. dies alles wäre ohne engagement englands im irak nie passiert. Antworten