Ein Mythos wird zertrümmert
Der Vater: Ernst von Weizsäcker 1948 in Nürnberg. (Bild: ullstein bild)
Die Studie
Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit: Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und die Bundesrepublik. Blessing-Verlag 2010.
Es war ein Hort der gesellschaftlichen Elite, und es war entgegen dem Mythos an vorderer Front an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt. Dies ist die neue Erkenntnis einer 900-Seiten-Studie über das deutsche Auswärtige Amt (AA) vor und nach 1945. Der frühere Aussenminister Joschka Fischer hat sie 2005 in Auftrag gegeben. Diese Woche soll sie in Berlin vorgestellt werden. Nach Lektüre der Studie, von vier renommierten Historikern herausgegeben, war Fischer «schockiert», wie er gegenüber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» am Sonntag erklärte. Und nicht nur er war es, auch die Autoren selber – wie der Herausgeber Eckart Conze sagte.
Nachrufe gaben den Anstoss
Anlass, die Studie in Auftrag zu geben, war die Praxis hausinterner Nachrufe. Durch Zufall war herausgekommen, dass ein verstorbener AA-Mitarbeiter einst als Generalstaatsanwalt im besetzten Prag 900 Todesurteile zu verantworten hatte. Fischer entschied, wer eine NS-Vergangenheit habe, bekomme keinen solchen Nachruf mehr. Er stiess auf empörte Reaktionen im Amt, unter anderem des damaligen deutschen Botschafters in der Schweiz, Frank Elbe. Er wurde entlassen. Der Vorgang aber wies hin auf alte «Seilschaften» im Amt.
Völlig neu ist diese Erkenntnis nicht, aber was das grosse Werk nun ans Tageslicht beförderte, schlug alles bisher Bekannte. Das Amt als Ganzes war eine «verbrecherische Organisation» (Conze) und weit mehr in die Vernichtung der Juden involviert, als es je zugegeben hat. Als ab 1939 Europa besetzt war und es einen diplomatischen Dienst eigentlich nicht mehr brauchte, hat sich das AA in Westeuropa an der Verfolgung und Ermordung der Juden beteiligt, sich darin nachgerade eine neue «Aufgabe» gesucht. Die Studie widerlegt den Mythos, wonach nur eine einzige Abteilung sich etwas hat zuschulden kommen lassen.
Es gab keine Stunde null
Schockiert waren die Forscher auch darüber, wie das Amt seine Vergangenheit aktiv vertuschte und nach 1945 zum Beispiel «gefährdete» Mitarbeiter vor Reisen ins Ausland warnte, wenn ihnen dort juristische Verfolgung drohte. «Täterschutz» in den Worten des empörten Fischer.
Am Auswärtigen Amt lässt sich also auch beispielhaft illustrieren, dass es eine Stunde null 1945 nicht gab. Es waren dieselben Diplomaten, die ihrem Staat vor 1945 und danach treu dienten. Es waren damals wie später (teilweise bis heute) zumal die Repräsentanten der Oberschicht und des Adels, die einen Hitler vielleicht verachteten, ihm aber ebenso zudienten wie alle anderen.
Sohn stellt Vater als Friedensstifter dar
Eine der zentralen Figuren war Ernst von Weizsäcker, ab 1933 Botschafter in Bern, ab 1938 Staatssekretär im AA – und Vater des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Der damals junge Jusstudent amtierte als Hilfsverteidiger, als sein Vater im Nürnberger Prozess für seine Mitwirkung bei der Deportation französischer Juden angeklagt war (und verurteilt wurde). Was seinen Sohn bis heute nicht hindert, den Vater als jemanden darzustellen, der insgeheim für den Frieden und Hitler «entgegengearbeitet» habe. Die Forscher fanden jetzt auch einen Brief von 1936, worin von Weizsäcker von Bern aus die Ausbürgerung Thomas Manns guthiess. Jahre vor den Deportationen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.10.2010, 20:12 Uhr
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