Don Camillo und Peppone Reloaded
Von René Lenzin, Mailand. Aktualisiert am 13.09.2010 1 Kommentar
Legendär sind sie gewesen, der katholische Dorfpfarrer Don Camillo und der kommunistische Bürgermeister Giuseppe Bottazzi, genannt Peppone, die sich im fiktiven italienischen Dorf Boscaccio epische Duelle um Macht und Meinungshoheit geliefert haben. Zunächst in den Erzählungen und Romanen von Giovannino Guareschi, dann in den Filmen mit Fernandel als Don Camillo und Gino Cervi als Peppone.
Die Geschichten spielten in der unmittelbaren Nachkriegszeit, und die beiden Helden verkörperten die zwei unterschiedlichen Seelen der italienischen Widerstandsbewegung, der Resistenza: hier die Katholiken, die mit der Democrazia Cristiana über 40 Jahre an der Macht bleiben sollten, dort die Kommunisten, denen der Zugang zu ebendieser Macht zumindest auf nationaler Ebene verweigert bleiben sollte. Nur auf regionaler und kommunaler Ebene schafften sie es in die Regierungen. Nicht nur in den Romanen von Guareschi, sondern ganz real, etwa in den mittelitalienischen Regionen Emilia-Romagna, Toskana und Umbrien.
Kommunisten versinken in Bedeutungslosigkeit
Und heute? Nun, die Democrazia Cristiana hat sich nach dem Tangentopoli-Skandal in Luft aufgelöst, und mit der Autorität der Kirche ist es auch nicht mehr so weit her. Jedenfalls entspricht das Ehe- und Sexualleben von Premierminister Silvio Berlusconi nicht gerade christlichen Idealvorstellungen, und sein in diesen Tagen von den Medien zum moralisch-politischen Vorbild hochstilisierter Gegenspieler Gianfranco Fini lebt auch schon in sündiger zweiter Ehe.
Was die Kommunisten angeht, sind diese entweder zu Linksdemokraten mutiert oder in der Bedeutungslosigkeit versunken. Bei den letzten nationalen Wahlen haben die Restposten der einst grössten kommunistischen Partei Westeuropas nicht einmal mehr die Vierprozenthürde für den Eintritt ins Parlament geschafft. Nur in ihren traditionellen Hochburgen spielen sie auf regionaler und lokaler Ebene noch eine gewisse Rolle.
Anstatt Hilfe für Bedürftige reiner Kommerz
Zum Beispiel im toskanischen Städtchen Carrara. Wo Anarchosyndikalisten einst in den weltberühmten Marmor-Steinbrüchen den Sechsstundentag durchgesetzt haben und mit Marmorstatuen verewigt wurden. Und wo Berlusconi und Co. bis heute nichts zu sagen haben. Die Linke holte in den letzten Wahlen 20 von 28 Sitzen im Stadtparlament, und die verschiedenen kommunistischen Gruppen haben es zusammen immerhin auf einen Stimmenanteil von 10 Prozent gebracht.
Und nun hat eine dieser Gruppen doch tatsächlich das alte Feindbild aus der Mottenkiste geholt. Die zwei Stadträte von Rifondazione comunista wollen der Kirche die Konzession für die Bewirtschaftung eines Stücks Strand in Marina di Carrara entziehen. Die kirchlichen Hilfswerke Regina Pagis und Colonia Diocesana hätten die Konzession erhalten, um Armen und Behinderten den Aufenthalt am Meer zu ermöglichen. Doch nun vermieteten sie dort Sonnenschirme und Liegestühle wie die kommerziellen Bäder nebenan. Vor allem in der Hauptsaison sei der Sand Gottes immer mehr zu einem hundsgewöhnlichen Bezahlstrand geworden. Und das gehe doch einfach nicht, zumal die Hilfswerke auch noch von Steuervergünstigungen profitierten.
Stoff für Guareschi
Die Hilfswerke wollten das nicht auf sich sitzen lassen. Der Strand sei und bleibe ein Ferienort für Personen, die es sich sonst nicht leisten könnten, sagte ein Priester. Und überhaupt, die Politiker sollten sich doch zuerst einmal um ihre eigene Moral kümmern, bevor sie die Kirche attackierten.
Wie die Sache ausgeht, ist offen, weil der Stadtrat noch nicht über den Antrag der Kommunisten befunden hat. Klar aber ist: Giovannino Guareschi, wäre er nicht längst verstorben, hätte seine helle Freude. Und Stoff für eine weitere Folge von Don Camillo und Peppone. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.09.2010, 22:09 Uhr
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