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«Diese Art zu demonstrieren ist breit akzeptiert»
Aktualisiert am 09.10.2012 72 Kommentare
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Herr Batzoglou, Sie waren heute bei den Demonstrationen. Ihr Eindruck?
Ich war etwa zwei Stunden auf dem Athener Verfassungsplatz. Nach meiner Erfahrung waren heute eindeutig überdurchschnittlich viele Leute unterwegs. Die Polizei spricht offiziell von 50'000 Leuten. Aber wenn man die Nebenstrassen dort kennt, dann kommt man auf mindestens 70'000 Demonstranten.
Wer war denn am Demonstrieren, und was war die Grundstimmung?
Aufgerufen hatten die Gewerkschaften der privaten Angestellten und jene der Beamten, sowie die kommunistische Gewerkschaft und weitere linke Gruppen. Die Demonstranten stellten einen guten Querschnitt durch die Bevölkerung dar: Jüngere, Ältere, private Beschäftigte, Kommunalangestellte. Die Stimmung war weitgehend friedlich, bis auf einige ganz kleine Ausschreitungen. So bewarfen vor dem Hotel «Grand Bretagne» einige Jugendliche eine Viertelstunde lang Sicherheitskräfte der MAT mit Gegenständen.
Das uferte nicht in Gewalt aus?
Es war klar, dass die MAT die Anweisung hatte, möglichst nicht einzugreifen, möglichst deeskalierend zu wirken. Am Ende kam es an dieser Stelle dann doch zu Tränengaseinsatz, einfach, weil sich die Polizisten schützen wollten. Aber das war kein Vergleich zu der eher grosszügigen Art, mit der Tränengas sonst eingesetzt wird.
Was war denn der Tenor der Demonstrationen? Wut, Enttäuschung, Angst?
Die Leute machten klar, dass aus ihrer Sicht das Spardiktat aus Berlin, wie sie es nennen, enden muss. Die Wirtschaft werde abgewürgt. Es drohe eine regelrechte humanitäre Krise. Und eine Verelendung breiter Schichten. Das Wort Verelendung fiel häufig.
Und viele Slogans gegen die Deutschen?
Zunächst waren ja zum Beispiel Demonstrationen vor der deutschen Botschaft verboten. Panos Kammenos, Chef der Oppositionspartei «Unabhängige Griechen», zog trotzdem mit einer Delegation hin. Er klingelte förmlich an der Tür, und als niemand öffnete, heftete er eine Protestnote an die Eingangstür.
Aber im Zentrum der Demo herrschte antideutsche Stimmung, oder? Die Agenturen zeigen Bilder von Demonstranten in Wehrmachtsuniformen, mit Hakenkreuzbinden und -fahnen.
Ja, die sah ich sogar selber. Es gab einige rituelle Hakenkreuzverbrennungen. Es waren nur einige wenige, die so verkleidet waren. Es gab dafür viele Plakate, auf denen auf das «Dritte Reich» oder das «Vierte Reich» Bezug genommen wird. Das gehört inzwischen dazu.
Ist das eigentlich erlaubt? In der Schweiz oder in Deutschland ist das offene Zurschaustellen von Nazi-Symbolen verboten.
Mir wäre nicht bekannt, dass das in Griechenland behördlich verfolgt würde. Auf jeden Fall griffen die Sicherheitskräfte nicht ein. Und es besteht kein Zweifel, dass diese Art, seinen Protest auszudrücken, breit akzeptiert wird.
Was ist eigentlich mit der «Goldenen Morgenröte», der griechischen rechtsextremen Partei? War die auch auf der Strasse?
Nein. Das war nicht eine Umgebung, in der sie auftreten konnte. Die Demonstration wurde ja organisiert von Gewerkschaften und linken Parteien. Ein Aufmarsch der «Morgenröte» wäre eine Provokation gewesen. Es hätte garantiert gewaltsame Zusammenstösse gegeben. Inhaltlich allerdings, das machte sie in Medienmitteilungen klar, ist die rechtsextreme Partei einig mit den Gewerkschaften: Sie will ein Ende der Sparpolitik.
Zurück zur Demonstration: Sie würden nicht von antideutscher Stimmung sprechen?
Die Griechen betonen immer, dass sie nichts gegen das deutsche Volk haben. Dass sich ihre Kritik immer nur gegen die deutschen Entscheidungsträger richte. Und gegen die «Memorandenpolitik», die sie in Athen erzwinge. Personifiziert wird diese deutsche Elite in den Augen der Griechen durch Angela Merkel.
Kam es denn zu direkten Konfrontationen mit der deutschen Bundeskanzlerin?
Soweit ich weiss, nur an einer Stelle: Der Autotross der Kanzlerin fuhr an einem Spital vorbei, dessen Angestellte seit einem halben Jahr ohne Bezahlung arbeiten müssen. Pfleger und Ärzte befanden sich samt und sonders auf der Strasse und wollten den Tross anhalten. Doch sie wurden von der griechischen Polizei ziemlich rüde weggedrängt.
Dennoch sagen Sie, die Sicherheitskräfte setzten auf Deeskalation. Ist es möglich, dass auch die konservative Regierung wollte, dass möglichst eindrücklich demonstriert wird, einfach ohne Krawalle?
Das halte ich für absolut realistisch. Mehrere Journalisten und Moderatoren hatten dazu aufgerufen, zahlreich auf die Strasse zu gehen – aber auf keinen Fall Krawall zu machen. «Bleibt friedlich!», hiess es, «dann hat Antonis Samaras ein Argument mehr.» Der Premierminister solle Merkel aus dem Fenster zeigen können, was los sei. Dass sein Volk diese Sparpolitik nicht mehr aushalte.
Merkel sagte ja, ihr Herz «blute» für die Griechen.
Ja, aber das klingt nun wirklich eher zynisch in griechischen Ohren. Die Leute wollen konkrete Zugeständnisse, kein Mitleid. Allerdings sind die meisten Griechen Realisten. Sie rechnen nicht damit, dass der Merkel-Besuch etwas ändert.
Und wenn nichts geschieht, wird es dann zu heftigen Ausschreitungen kommen?
Ich fürchte, wenn nicht bald neue Wachstumsimpulse gegeben werden, dann könnte Griechenlands Gesellschaft auseinanderbrechen. Wann genau das geschieht, und was der genaue letzte Auslöser sein wird, der die Situation unkontrollierbar macht, weiss ich nicht. Aber wir sind diesem Punkt schon sehr nahe.
Was kann denn Samaras noch tun?
Er kann nur versuchen, Merkel dies klarzumachen. Aber im Grunde hat er in den Augen der Griechen bereits jeden Kredit verloren. Seit er noch am Wahlabend sein Versprechen brach, die Abkommen mit der EU neu zu verhandeln, ist das Tuch zwischen ihm und den Wählern zerschnitten. Eigentlich nicht erstaunlich. Nicht nur Chaos ist eben ein griechisches Wort, sondern auch Logik. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.10.2012, 18:03 Uhr
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72 Kommentare
War es nicht Griechenland, dass sich mit fiktiven Zahlen den Weg in die EU erschlichen hat, die letzten Jahre Subventionen bekommen haben, während kaum einer Steuern bezahlte. Derweil Deutschlands Steuerzahler fleissige Zahler waren. Nach jahrelangem Leben weit über die Verhältnisse, geht nun durch die Streiks der letzte Rest an Wirtschaft und Tourismus kaputt. Antworten
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