Ausland
Die neue Weltordnung
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 05.11.2011 52 Kommentare
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In der Regel ist es so, dass solch globale Stelldichein der Mächtigen bereits entschieden sind, bevor sie offiziell beginnen. Selbst das Schlusscommuniqué ist meist schon vor dem Auftakt konsensfähig formuliert, redigiert von den Chefunterhändlern, deren Namen niemand kennt. Sie leisten die Arbeit, bevor die schwarzen Limousinen der Staats- und Regierungschefs vorfahren. Der Rest ist diplomatischer Small Talk, Symbolpolitik, auch viel Spektakel. An der Croisette von Cannes, die sich aufs Spektakuläre und Glamouröse versteht, war das nicht anders. Aussergewöhnlich war nur, dass dieses G-20-Gipfeltreffen wegen (oder dank) der Griechen auch reichlich Spannung bot – und vier vielsagende Bilder, die von einem Wandel der Weltordnung künden.
Papandreou, ganz allein. Es wird wohl als das denkwürdigste Bild des Gipfels in die Geschichte eingehen. Giorgos Papandreou wurde nach Cannes bestellt, zum Rapport zitiert, nachdem er die Idee geäussert hatte, sein Volk über das europäische Rettungsprogramm abstimmen zu lassen. Es war ein Coup Papandreous. Und ein Donnerschlag für den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Und so reiste Papandreou in Erwartung einer Standpauke nach Cannes.
Das Machtspiel von Merkel und Sarkozy
Als er am Mittwoch eintraf, beschied man ihm, dass er warten müsse – eine alte Methode von Mächtigen, um ihre Macht zu demonstrieren. Geschlagene zwei Stunden liessen Sarkozy und Merkel Papandreou warten. Als er schliesslich vor dem Palais des Festivals vorfahren durfte, wartete niemand am Eingang: weder Sarkozy, der als Gastgeber alle seine Gäste beim Aussteigen empfing, noch dessen Präsidentengarde, die allen anderen Pomp verlieh. Nur die Kameras waren da. Und sie hielten fest, wie Papandreou recht verloren nach dem Weg suchte, geniert, verdrückt wie ein Schulbub, der etwas ausgefressen hat und zum Rektor muss.
Später, es war kurz vor Mitternacht, traten Sarkozy und Merkel vor die Presse und massregelten die Griechen, drohten ihnen mit dem Rauswurf aus der EU, wenn sie sich nicht sofort und anstandslos helfen liessen. Der deutsch-französische Motor Europas hat vielleicht noch nie so laut geröhrt wie in dem Moment. In ihrer Verzweiflung kippten die Regisseure ins Arrogante. In Griechenland, so hört man, soll man sich gedemütigt gefühlt haben. Papandreou knickte ein.
Geduckter Berlusconi
Berlusconi, ohne Mitlacher. Für einmal präsentierte sich auch Italiens Ministerpräsident mit eingezogenem Kopf, was wirklich nicht seine Art ist. Er ist selbst dann noch Optimist, wenn der Optimismus längst obszön wirkt. Nun lacht niemand mehr mit dem Italiener. Die gefährlich wachsenden Schuldzinsen machen aus Italien den wahren, grossen Patienten der Eurozone – eine viel grössere Nummer als Griechenland. Und da Berlusconis politische Basis erodiert, kam er als Bittsteller nach Cannes. Er bat den Internationalen Währungsfonds, er möge die Sparanstrengungen und Reformen in seinem Land überwachen. In seiner kompromittierten Lage ist das ein geschickter Schachzug: Berlusconi gibt ein Stück Verantwortung ab – in der Hoffnung, der politische Druck auf ihn nehme ab. Anderseits gesteht er damit auch sein Scheitern ein. Berlusconi steht nun gewissermassen als personifiziertes Mahnmal für das sorglose und gefährliche Anhäufen von Schulden im Club Med da, dem Klub der südlichen Europaländer insgesamt.
Hu Jintao, der Zweifler. Die Chronometer am Eingang des Palais des Festivals massen noch bei einer anderen Gelegenheit die Wartezeit genau: Acht Minuten, eine halbe Ewigkeit, harrte Sarkozy in regnerischer Kühle der Ankunft des chinesischen Präsidenten Hu Jintao. Auch das wurde von den Berufsbeobachtern als Machtdemonstration gewertet. Wenn es noch eines Symbolbildes für den unaufhaltsamen, auch politischen Aufstieg Chinas bedurfte, dann lieferte es Sarkozy mit seinem unterwürfig charmierenden Blick gegenüber Hu Jintao. Europa hoffte, dass sich China dazu ermuntern lassen würde, kräftig in den Alten und arg kriselnden Kontinent zu investieren. Hu Jintao liess sich den Hof machen, doch er traute den Nettigkeiten nicht, zierte sich, spielte seine Position aus. Ein Vorgeschmack auf die Zukunft, in der die Chinesen den Westen wahrscheinlich öfter im Regen warten lassen werden.
Barack und Nicolas, eine Zweckehe.
Die beiden sorgten für die einzigen heiteren, kumpelhaften Momente am sonst ernsten, angespannten Gipfel an der Côte d’Azur. Und so war das auch gewollt, gar minutiös geplant. Schon Obamas Ankunft im Bad einer kreischenden Menge unterschied sich von allen anderen: Sie gemahnte an Szenen, wie man sie in Cannes vom Filmfestival her kennt. Obama kam ohne Geld, ohne Zugeständnisse an eine Steuer auf Finanztransaktionen, ohne Agenda, denkwürdig anspruchslos für einen amerikanischen Präsidenten.
Barack und Nicolas klopften sich ausgiebig gegenseitig auf die Schultern, lobten die Führerschaft des jeweils anderen, als müssten Zweifel darob ausgeräumt werden. Die Auftritte wirkten wie eine Werbesequenz im Hinblick auf die Wahlen in Frankreich und in den USA kommendes Jahr. Beide Präsidenten bangen um ihre Wiederwahl: Sarkozy im Frühling, Obama im Herbst. Zum Schluss teilten sie sogar die Primetime der französischen Abendnachrichten, gaben TF 1 und France 2 ein Interview. Und so schloss dieser graue, eher missratene Gipfel für Sarkozy mit einer versöhnlichen Note. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.11.2011, 07:30 Uhr
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52 Kommentare
Nur gut, dass sich dieser arrogante und gänzlich undemokartische EU-Eliten-Club bald selbst das Licht aushaucht. Ich werde diesem rückständigen planwirtschaftlichen Treiben keine Träne nachweinen. Zeichen der Zeit verkannt, abtreten EU-Politiker! Antworten
Merken die Teilnehmer eigentlich nicht, wie machtlos sie sind? Sie alle haben die Märkte gefördert, die keine staatlichen Aufgaben übernehmen (können), weil sie nicht dazu geschaffen sind. Wenn die staatlichen Gewaltmonopole deswegen abgeschafft werden, geht jede Ordnung verloren. Timothy Garton Ash hat es gestern richtig dargestellt: Die Profiteure sollen zurückzahlen, was ihnen nicht gehört. Antworten
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