Ausland

Martin Sturzenegger
Stv. Ressortleiter News


Die Schattenwirtschaft der Indignados

Aktualisiert am 20.06.2012 16 Kommentare

Bürgerplattformen, alternative Zahlungssysteme und geldgierige Banker überführen: Die spanische Protestbewegung der Indignados hat sich von der Strasse ins Internet verschoben und agiert bisweilen sehr einfallsreich.

Die Indignados wählen unkonventionelle Wege für ihre Anliegen: Stummer Protest gegen die Bankia. (2. Juni 2012)

Die Indignados wählen unkonventionelle Wege für ihre Anliegen: Stummer Protest gegen die Bankia. (2. Juni 2012)
Bild: Keystone

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Wir erinnern uns an den Mai des letzten Jahres, als alle spanischen Metropolen gleichzeitig von jungen Protestierenden besetzt wurden. Sie errichteten Zeltlager, legten das öffentliche Leben lahm und verschafften ihrem Hauptanliegen lauthals Luft: «¡Democracia real ya!» («Echte Demokratie jetzt!»). Was bisweilen aussah wie ein in die Jetztzeit transferiertes Hippie-Camp, entwickelte sich zu einer gut organisierten politischen Bewegung, die sich nichts weniger als die «spanische Revolution» auf die Fahnen schrieb.

Über ein Jahr nach ihrer Gründung gibt es sie immer noch: die Indignados – die Empörten –, wie sich die Widerständler gegen den Finanzkapitalismus selber nennen. Ihren Aktivismus haben sie etwas von der Strasse abgezogen. Allerdings nur, um ihn umso effektiver in der virtuellen Welt wieder einzubringen. Dass sie dabei immer erfinderischer werden, belegen mehrere Beispiele.

Rodrigo Rato bekommt die Wut der Strasse zurzeit besonders stark zu spüren. Der ehemalige Wirtschaftsminister wurde im Jahr 2010 zum Vorstandsvorsitzenden des bereits angeschlagenen Geldinstituts Bankia ernannt. Doch als die Bank in diesem Jahr definitiv vor die Hunde ging, trug er einen wesentlichen Anteil zur Misere bei: Rato bezog bis zuletzt ein fürstliches Gehalt, tätigte hanebüchene Fusionsgeschäfte und wollte sich seinen Abgang mit einer fetten Bonusauszahlung vergolden. Dass er zuletzt doch auf diese verzichtete, änderte nichts daran, dass er inzwischen zum meistgehassten Banker des Landes avancierte.

Korrupte Banker überführen, Steuern prellen

Ratos Niedergang gipfelte in einer Anklage wegen vorsätzlicher Geschäftsschädigung. Weil der Staat aber den Prozess nicht aktiv vorantrieb, schalteten sich die Indignados ein. Über eine Crowdfunding-Plattform trieb die Protestbewegung innerhalb von nur 24 Stunden die nötigen 15'000 Euro auf, um den Fall wieder aufzunehmen, wie die Plattform Storyful.com berichtet.

Die Indignados oder 15M, wie sich die Bewegung in Anspielung auf den Protestbeginn am 15. Mai 2011 auch noch nennt, haben inzwischen ein höchst wirksames Netzwerk geflochten, das in die verschiedensten Teile des öffentlichen Lebens reicht. Zum Beispiel ins Steuerwesen. So wurden an verschiedenen Orten sogenannte Büros für fiskalen Ungehorsam gegründet. Dort können sich Bürger, die staatliche Abgaben als Ungerechtigkeit empfinden, Tipps von Experten für den Steuerbetrug holen. Die spanische Regierung reagierte jüngst mit einer Erhöhung des Bussengelds, um die steigende Anzahl Steuersünder zu drosseln. Ob sie damit Erfolg hat, darf bezweifelt werden. Denn immer mehr Spanier empfinden Steuern als anrüchige Schulden und wähnen sich im Recht, wenn sie Steuern prellen. Mit der Gründung von Bürgerplattformen soll der Staatshaushalt von Spanien laufend kontrolliert werden, um dadurch die Höhe der «illegitimen Schulden» zu ermitteln. Rückenwind bekommen die Indignados von der sozialistischen Opposition, die die Regierung nach dem Entscheid als Institution bezeichnet, die «von den Arbeitern nimmt und den Betrügern gibt».

Gratis-Dienstleistungen gegen Zeit

Um weiteres Geld am Fiskus vorbeizuschleusen, richten Mitglieder der M15-Bewegung auch sogenannte Zeitbanken ein – Tauschsysteme, die auf Gratis-Dienstleistungen basieren. In der Vereinigung San Blas etwa bieten Doktoren, Sanitäre, Elektriker oder Professoren gratis ihr Können an, wie die Zeitung «El País» berichtet. Wer aktiv Hilfe bietet, häuft dadurch ein Zeitguthaben an, das er bei einem anderen Mitglied wieder eintauschen kann. Weil mit Zeit und nicht mit Geld bezahlt wird, kann der Staat nicht davon profitieren.

Weil gewisse Leute weder Zeit noch Geld haben, wenden sie sich auf andere Weise vom Euro als Zahlungsmittel ab. So haben in den letzten Monaten mehrere Dörfer die alte Währung Peseta wieder eingeführt, wie etwa BBC berichtete. Die Erfahrung zeigte, dass die lokale Wirtschaft dadurch wieder angekurbelt wurde: «Die Leute kommen aus dem ganzen Land, um mit ihren letzten Peseten Einkäufe zu tätigen», sagte etwa ein Ladenbesitzer aus dem südspanischen Dorf Salvaterra de Miño. In Umfragen schneidet der Euro regelmässig schlecht ab. Mindestens jeder zweite Spanier ist der Währung mehr als abgeneigt.

Plünderung von Farmen

Je mehr in Spanien die Krise wächst, desto stärker scheint sich eine Art Schattenwirtschaft zu etablieren. Dass dies nicht immer auf legalem Weg geschieht, bekommen beispielsweise auch die spanischen Bauern zu spüren, bei denen sich die Dreistigkeit der sogenannten Krisenopfer zurzeit entlädt. Immer mehr Farmen werden von Dieben geplündert, die die geklaute Ware später wieder feilbieten (wir berichteten). Die Krise bringt zweifelsohne ihre Opfer, sie steigert aber auch deren Einfallsreichtum. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.06.2012, 19:42 Uhr

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16 Kommentare

John Luternauer

21.06.2012, 01:02 Uhr
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Man sollte nicht nur in Spanien die Banker anklagen und zum Teufel jagen. Das jetzige monetäre Papiergeld-System ist das grösste Ponzi Scheme der Geschichte. Die Banker sind die grössten Diebe, Spieler, Abzocker und Betrüger von heute. Es ist Zeit sich zu wehren. Antworten


Miguel Lopez

20.06.2012, 22:30 Uhr
Melden 10 Empfehlung 0

In der Krise kommt der Bürgersinn zum Vorschein, ich finde es gut das die Behörden und der Staat verstärkt von Steuerzahlern unter die Lupe genommen wird. Die öffentlichen Angelegenheiten, die res publica, ist viel zu wichtig um sie den selbsternannten Experten in Politik und Verwaltung zu überlassen. Spanien hat eine Zukunft wenn alle sich gemeinsam bewegen und nicht mehr einfach führen lassen. Antworten



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