Ausland

Die Frau, die Breivik auseinandernimmt

Aktualisiert am 20.04.2012

Dem norwegischen Massenmörder gelingt es nicht, den Prozess für seine Sache zu missbrauchen. Dafür sorgt Inga Bejer Engh, eine Staatsanwältin, die im Kreuzverhör eine klare Strategie verfolgt.

1/6 Staatsanwältin Inga Bejer Engh im Gespräch mit dem Angeklagten Anders Behring Breivik in einer Pause am dritten Prozesstag in Oslo. (18. April 2012)
Bild: Keystone

   

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Vierter Prozesstag in Oslo

Breivik gab sich kleine Überlebenschance

Der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik hatte sich nach eigenen Worten nur eine geringe Chance ausgerechnet, Oslo nach dem Bombenanschlag vom 22. Juli vergangenen Jahres lebend verlassen zu können. Er habe erwartet, dass er auf dem Weg aus Oslo heraus zum Jugendlager auf der Insel Utöya auf bewaffnete Polizisten stossen werde, sagte Breivik vor Gericht zu Beginn des vierten Verhandlungstags. «Ich schätzte meine Überlebenschance auf weniger als fünf Prozent», sagte Breivik. Auf die Konfrontation mit der Polizei habe er sich mit Computerspielen vorbereitet.
Nach eigenen Angaben wollte er ursprünglich drei Bomben in Oslo zur Explosion bringen. Als Ziele habe er neben dem Regierungsviertel zunächst auch die Zentrale der Arbeiterpartei und möglicherweise das Königsschloss ausgemacht. Den Plan habe er aber verworfen, als er gemerkt habe, das schon das Herstellen von nur einer Bombe «viel komplizierter war, als ich es gedacht hatte». (vin/dapd)

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Bereits nach den ersten Prozesstagen wirkt Anders Behring Breivik erschöpft und genervt. Im Kreuzverhör der Anklage gelingt es dem 33-jährigen Massenmörder nicht, sein bizarres Weltbild auszubreiten und sich als Kämpfer für eine gute Sache zu inszenieren. Staatsanwältin Inga Bejer Engh versteht es, Breivik regelrecht auseinanderzunehmen, wie verschiedene Prozessbeobachter übereinstimmend berichten. Sie lässt sich nicht beirren, wenn der Angeklagte ausweichend antwortet oder gar schweigt. Sie hakt nach und bleibt ruhig dabei. Und sie weist den Angeklagten zurecht, wenn es sein muss.

Die 41-jährige Inga Bejer Engh arbeitet seit zehn Jahren als Staatsanwältin in Oslo, nachdem sie ihre Karriere als Expertin für Internationales Recht bei der UNO in New York begonnen hatte. In Norwegen hat sie bereits mehrere spektakuläre Anklagen geführt. So gelang es ihr zum Beispiel, den Neonazi Tore Tvedt hinter Gitter zu bringen. «Sie ist eine energische und engagierte Staatsanwältin, und das ist sie auch als Person. Sie ist auch ausserordentlich sozial und umgänglich», sagt Oberstaatsanwalt Jörn Maurud über die Anklägerin, die jeden Morgen ihre beiden Söhne in den Kindergarten bringt, bevor sie zum Breivik-Prozess an das Oberste Gericht in Oslo geht.

«Aber Breivik, Sie haben doch die Möglichkeit, uns zu überzeugen»

Mit dem Massenmörder Breivik spreche Inga Bejer Engh fast wie mit einem Kind, bemerkte ein Prozessbeobachter in Oslo. «Ich hoffe eigentlich nicht, dass sich das so anhört», kommentierte sie diese Beobachtung. Sie betonte aber, dass sie keine Strafverfolgungsmaschine sein wolle, wie das norwegische Nachrichtenportal The Local berichtet. «Ich spreche in einem freundlichen Ton, so wie mit jedem Angeklagten. Meine Erfahrung ist, dass ich so mehr aus ihnen herausbekomme.» Bei Breivik gelingt das nicht immer. Manchmal muss sie resoluter auftreten, indem sie sich zum Angeklagten beugt und diesem direkt ins Gesicht schaut. Wenn Breivik nicht antworten will, reagiert die Staatsanwältin mit Sätzen wie diesem: «Aber Breivik, Sie haben doch die Möglichkeit, uns zu überzeugen, dass das, was sie sagen, korrekt ist.»

Jedenfalls bringt es die 41-jährige Staatsanwältin immer wieder fertig, dass Breivik sich selbst demontiert. Beispielsweise sagte er heute Vormittag, nicht voll hinter seinem 1500-seitigen Manifest zu stehen. Das Manifest repräsentiere insofern nicht seine Meinung, sondern die von vielen Europäern. Diese Aussagen veranlassten die Anklägerin zu folgender Frage: «Sie haben 77 Menschen getötet, ohne ganz sicher über das zu sein, was im Manifest stand?» Inga Bejer Engh trieb Breivik ein weiteres Mal in die Enge – wie schon am Vortag, als es um die Existenz des Tempelritter-Netzwerks ging, in dessen Namen Breivik in Oslo und auf der Insel Utöya die Massaker beging.

Wirre und widersprüchliche Aussagen

Nach wiederholtem Fragen räumte Breivik ein, es handle sich bei der Gruppe nicht um «eine Organisation im konventionellen Sinn». Die Gruppe, die sich gegen die muslimische Kolonisierung Europas stelle, bestehe aus «unabhängigen Zellen» und werde daher langfristig «eine führerlose Organisation» sein. Dann sprach Breivik über Zellenkommandanten, die er im Laufe des Kreuzverhörs nur noch als «Sofa-Generäle» und «Tastatur-Krieger» bezeichnete.

Ähnlich wirr und widersprüchlich waren andere Aussagen von Breivik, etwa über die angebliche Gründungsfeier der Tempelritter im Frühjahr 2002 in London, bei der neun Kämpfer aus ganz Europa Uniformen und weisse Handschuhe getragen haben sollen. Das sei nicht ganz so gewesen. «Das habe ich etwas pompös ausgedrückt», antwortete Breivik auf eine Frage der Staatsanwältin, die nicht locker liess. «Was bleibt eigentlich davon übrig, wenn man das Pompöse wegnimmt?», wollte Inga Bejer Engh wissen. Und weiter: «Waren Sie überhaupt jemals in London?»

Tempelritter als Phantastereien entlarvt

Die 41-jährige Staatsanwältin lässt nur Fakten gelten, wie der Norwegen-Korrespondent von «Spiegel online» die Strategie von Inga Bejer Engh im Breivik-Prozess beschreibt. «Immer wieder konfrontiert sie Breivik mit früheren Aussagen bei der Polizei, um seine Äusserungen vor Gericht als Übertreibung, Wunschvorstellung, mitunter schlicht als Lüge zu entlarven.» Damit gelingt es der Staatsanwältin, Breiviks Organisation als Phantasiegebäude zu entlarven.

Die Frage um die Existenz der Tempelritter ist eine der wichtigsten im Breivik-Prozess, der insgesamt zehn Wochen dauern wird. Sie könnte darüber entscheiden, ob Breivik für psychisch krank erklärt wird und bei einem Schuldspruch in eine geschlossene psychiatrische Anstalt oder in ein Gefängnis eingewiesen wird. Ob Breivik zurechnungsfähig ist oder nicht, müsse das Gericht entscheiden, sagte Inga Bejer Engh zu Beginn des Prozesses, für den sie sich, ohne zu zögern, zur Verfügung gestellt hatte.

Die 41-Jährige, deren Mutter Juristin ist, hatte schon in ihrer Jugend klare Ideen und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, wie aus ihrem Umfeld zu vernehmen ist. Sie wollte Psychologin oder Rechtsanwältin werden. Schliesslich studierte sie Jurisprudenz. Ihre Teilnahme am Breivik-Prozess betrachtet Inga Bejer Engh als Chance, das von ihr vor Prozessbeginn gelobte «humane Rechtssystem Norwegens» der Welt vorzuführen. Mitleid mit Breivik bedeutet das aber nicht, wie ihre Art des Kreuzverhörs deutlich zeigt.

Artikel mit Material der Nachrichtenagenturen AFP und DAPD (vin)

Erstellt: 19.04.2012, 17:29 Uhr

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