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Die Fährte zu den Neonazis
Solidaritätsbekundungen: Demonstrationen in Frankreich. (Video: Reuters)
(Bild: TA-Grafik)
Schock in Frankreich
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Es war 8.10 Uhr, als ein Attentäter in den gewohnten Morgenbetrieb vor der jüdischen Privatschule Ozar Hatorah in Toulouse schoss. Wie wild, mit zwei Waffen. Er habe auf alles geschossen, was sich bewegte, sagen Augenzeugen. Auf Kinder, Eltern, Professoren, die zum Schulbeginn eingetroffen waren. Wie jeden Morgen zur selben Zeit, im Quartier Bonnefoy, einem besseren, ruhigen Viertel im Norden der Stadt.
Drei Kinder traf der Schütze tödlich. Eines war drei Jahre alt, eines sechs, eines zehn. Und ein Rabbiner, der Vater von zweien der getöteten Kinder, erlag seinen Verletzungen ebenfalls. Ein Gymnasiast musste schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht werden. Der Mörder mit Helm folgte den Schülern bis auf den Schulhof. Manche schrien, suchten ein Versteck, weinten, beteten. Dann floh der Attentäter auf einem Motorrad.
Ein Foto, drei Entlassungen
Die Tat erschüttert Frankreich. «Horror und Angst in Toulouse», titelte die Abendzeitung «Le Monde» am Montag auf der Frontseite. Eltern von unversehrten Schülern sagten am Fernsehen, es sei, als wären ihre eigenen Kinder umgekommen, so nahe stünden sie sich alle, so gut würden sie sich alle kennen. Das Lycée Ozar Hatorah ist die grösste Schule der jüdischen Gemeinde von Toulouse, die ihrerseits eine der grössten im Land ist neben jenen von Paris, Lyon, Marseille und Strassburg. Auf dem Gelände des Gymnasiums gibt es auch eine Synagoge, ein Internat für Mädchen und eines für Jungen sowie einen Kindergarten. Der Attentäter wusste offenbar ganz genau, dass er mit seiner Tat mitten ins Herz der Gemeinde treffen würde.
Kurz nach dem Attentat wurde überall im Land die Sicherheit rund um jüdische Stätten verstärkt. Insbesondere in Toulouse und Umgebung. Im bedrückenden Frontseitentitel von «Le Monde» schwingt auch die Sorge mit, der Attentäter könnte noch weitere Operationen planen. Für die Ermittler ist klar, dass der Anschlag gegen die Schule den gleichen Hintergrund hat wie jene, die wohl derselbe Täter vor einigen Tagen in zwei Fällen gegen Fallschirmjäger des 17. Regiments von Toulouse und Montauban verübt hatte. Jedenfalls ist eine der benutzten Waffen dieselbe. Und auch das Motorrad japanischer Machart scheint in allen drei Fällen dasselbe gewesen zu sein – gestohlen, mit nunmehr identifiziertem Nummernschild.
Sarkozy reagiert schockiert
Offenbar konzentriert sich die Suche der Polizei zunächst einmal hauptsächlich auf drei frühere Soldaten, die aus dem 17. Regiment der Fallschirmjäger von Montauban ausgeschlossen worden waren. Die drei Männer sollen starke Verbindungen zur Neonaziszene haben und ihre ideologischen Präferenzen auch auf ihren Körpern verewigt haben – in Form von expliziten Tätowierungen, wie das Newsmagazin «Le Point» berichtet. Bekannt wurde ein Foto, auf dem man sieht, wie die drei Männer hinter einer Hakenkreuzfahne mit dem Hitlergruss salutieren. Die Satirezeitung «Le Canard Enchaîné» zeigte das Foto 2008. Als die Hierarchie davon erfuhr und die drei Soldaten stellte, bekannten sich diese unumwunden zu ihrer Neigung und wurden entlassen. Mit den Bildern von Überwachungskameras und mit den Erkenntnissen von einigen Augenzeugenberichten sucht die Polizei nun nach Ähnlichkeiten mit einem der Männer.
Als plausibles Indiz dafür, dass es sich bei dem Täter oder den Tätern um Rechtsextremisten und Rassisten handeln könnte, hielten die Ermittler die Wahl der Opfer unter den Soldaten: Die drei in Toulouse und Montauban getöteten Militärs – allesamt französische Staatsbürger – hatten maghrebinische Wurzeln und Namen: Marschall Imad Ibn Ziaten (30), Korporal Abel Chennouf (25), Soldat Mohamed Legouad (22). Ein vierter Fallschirmjäger, Soldat Loïc Liber (27), der den Angriff schwer verletzt überlebte, stammt aus einer Familie aus Guadeloupe und hat schwarze Hautfarbe. Der Anschlag auf die jüdische Schule würde zum Profil passen.
Geteilte Emotionen
Die französische Politik, die mitten in der Kampagne vor der Präsidentschaftswahl steckt, reagierte schockiert auf die «Tragödie von Toulouse». Staatspräsident Nicolas Sarkozy sagte, ganz Frankreich sei getroffen von dieser Tat: «Das sind nicht nur eure Kinder», sagte er, «das sind auch unsere Kinder.» Sein linker Rivale, der Sozialist François Hollande, drückte mit den fast gleichen Worten seine Abscheu aus über diese «antisemitische Tat». Der Chef der Linksfront, Jean-Luc Mélenchon, rief zur nationalen Einheit gegen diese «Verrückten» auf. Abderrahmane Dahmane, einst «Monsieur Kulturvielfalt» in Sarkozys Regierung, sagte: «Diese Attentate sind das Resultat einer hitzigen und gehässigen Kampagne gegen religiöse Minderheiten.» Er richtete sich damit auch gegen seine früheren Regierungskollegen.
Alle Kandidaten für die Präsidentschaftswahl waren sich einig, dass der Vorfall von Toulouse die Kampagne suspendieren müsse. Es gebe eine Zeit, hörte man allenthalben, in der die Politik innehalten müsse. Alle Wahlkampfveranstaltungen vom Montag wurden abgesagt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.03.2012, 21:04 Uhr
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