Deutschlands Bundespräsident tritt überraschend zurück
Amtsübernahme
Nach dem Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler ist der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen vorübergehend der erste Mann im Staat.
Das geht aus Artikel 57 des Grundgesetzes hervor, wonach der Präsident des Bundesrates den Bundespräsidenten «bei vorzeitiger Erledigung des Amtes» vertritt. Böhrnsen ist zur Zeit Bundesratspräsident. Der deutsche Bundesrat ist die Kammer, in der die Spitzen der Bundesländer vertreten sind.
Köhler informierte Böhrnsen am Montagmittag über den geplanten Rücktritt, wie der Bremer Senatsprecher mitteilte. Böhrnsen selbst erklärte: «Dr. Köhler hat mir erklärt, dass er vor dem Hintergrund der öffentlichen Interpretation seiner Äusserungen zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan den Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten für unvermeidlich gehalten hat. Ich habe ihm meinen Respekt für seine Entscheidung ausgedrückt.»
Nach Artikel 54 des Grundgesetzes muss ein neuer Bundespräsident innerhalb von 30 Tagen nach dem Rücktritt gewählt werden.
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Bundespräsident Horst Köhler ist am Montag völlig überraschend mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Die Kritik an seinen Äusserungen zu Afghanistan habe den notwendigen Respekt vor seinem Amt vermissen lassen, erklärte er zur Begründung. Es ihm unterstellt worden, er befürworte Bundeswehreinsätze jenseits des Grundgesetzes. «Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung.»
Gleichzeitig räumte Köhler ein: «Ich bedauere, dass meine Äusserungen in einer für unsere Nation wichtigen und schwierigen Frage zu Missverständnissen führen konnten.» Köhler war erst vor genau einem Jahr für fünf Jahre wiedergewählt worden.
«Es war mir eine Ehre»
Köhler bedankte sich bei jenen, die ihm Vertrauen entgegengebracht hätten. «Es war mir eine Ehre, Deutschland als Bundespräsident zu dienen», sagte Köhler zum Abschluss sichtlich berührt. Während seiner kurzen abgelesenen Erklärung stand seine Frau Luise neben ihm. Köhler machte immer sehr lange Pausen, insbesondere, vor dem Satz, mit dem er seinen Rücktritt erklärte.
Köhler sagte, er habe die Bundeskanzlerin, den Bundestagspräsidenten, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts und den Vizekanzler bereits von seinem Schritt unterrichtet.
Opposition forderte Klarstellung
Linke, Grüne und SPD hatten am Freitag eine Klarstellung gefordert, ob Köhler wirklich Kriege zur Wahrung deutscher Wirtschaftsinteressen befürworte. Linke-Chef Klaus Ernst forderte, das Staatsoberhaupt solle seine weiter unklare Haltung in einer Rede an die Nation darlegen. Die Grünen forderten eine Korrektur Köhlers, und die SPD sprach von einem «abwegigen» Diskussionsbeitrag.
Köhler hatte in einem Deutschlandradio-Interview nach seinem Besuch in Afghanistan erklärt, im Notfall sei auch «militärischer Einsatz notwendig ..., um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege». Das war im Zusammenhang mit dem Afghanistan-Einsatz verstanden worden, um den es in dem Interview hauptsächlich ging. Ein Sprecher Köhlers präzisierte aber später, es sei auf die Mission «Atalanta» am Horn von Afrika gemünzt gewesen. Diese werde ausdrücklich auch mit der Sicherung der Handelswege begründet, während es in Afghanistan um ein UN-Mandat geht.
Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte: «Ich nehme seine Rücktrittentscheidung mit Bedauern und die Begründung seiner Entscheidung mit grossem Respekt zur Kenntnis. Horst Köhler war ein Bundespräsident, der während seiner gesamten Amtszeit das erste Amt im Staate mit grosser Ernsthaftigkeit und Würde ausgefüllt hat. Er hat sich die Sympathien der Bürger in Deutschland und hohe Anerkennung im Ausland erworben.» (cpm/afp/ddp)
Erstellt: 31.05.2010, 14:07 Uhr
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