Ausland
Deutschland will beim Solarstrom drastisch bremsen
Von Hans Galli. Aktualisiert am 08.02.2012 56 Kommentare
Schweiz bleibt grosszügig
Die Ökostromprojekte, die in der Schweiz auf die staatliche Förderung via die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) warten, sind mittlerweile auf 15'300 angewachsen. Meist handelt es sich um Sonnenenergieanlagen. Diese können nicht bewilligt werden, weil die Mittel der KEV ausgeschöpft sind.
Hans-Josef Fell, Energiepolitischer Sprecher der Grünen im Deutschen Bundestag, empfahl am Berner Energie-Apéro, die KEV-Ansätze deutlich zu senken, damit die Mittel für mehr Projekte reichen. Das Bundesamt für Energie hat den Förderbeitrag für mittlere Dachanlagen zwar per 1. März 2012 bereits auf 36,8 Rappen je Kilowattstunde gesenkt. Laut Fell bleibt die Montage von Solarzellen für die Hausbesitzer aber immer noch ein lukratives Geschäft.
In Deutschland sind die Ansätze tiefer: Anfang Jahr wurden sie bereits um 15 Prozent gesenkt auf 24,43 Cent oder 29,5 Rappen je Kilowattstunde. Per 1. Juli werden es noch 20,77 Cent oder 25,1 Rappen sein. Angesichts der politischen Debatte ist damit zu rechnen, dass sie rasch weiter sinken werden. (-ll-)
Nach der Übernahme
Der Solarindustriezulieferer Meyer Burger hat den Umsatz im Geschäftsjahr 2011 gemäss vorläufigen Zahlen um gut die Hälfte auf 1,3 Milliarden Franken gesteigert. Der grosse Zuwachs geht auch auf die Mehrheitsübernahme der deutschen Roth & Rau zurück. Dort ist nun ein Restrukturierungsprogramm angekündigt worden. Die Belegschaft wird von 1350 auf unter 1150 Mitarbeitende reduziert.
Der Umsatz bei Roth & Rau ist um 27 Prozent auf 208 Mio. Euro eingebrochen, der Betriebsverlust beträgt 107 Mio. Euro. Auf Stufe Konzernergebnis rechnet Meyer Burger für 2011 mit einem «deutlich tieferen» Gewinn als im Vorjahr. Die Gewinnzahlen werden am 22. März publiziert. (SDA)
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Kein anderes Land hat die Sonnenenergie derart stark gefördert wie Deutschland. Wirtschaftsminister Philipp Rösler schlägt jetzt aber eine Gesetzesänderung vor, mit welcher die installierte Leistung der Fotovoltaik-Anlagen begrenzt werden soll. Die Obergrenze sieht er bei 33,3 Gigawatt im Jahr 2020. Für neue Investitionen bleibt da nicht mehr viel Platz, denn heute sind bereits 25 Gigawatt installiert. Gemäss den Vorstellungen Röslers soll jährlich nur noch ein Gigawatt hinzukommen, während im vergangenen Jahr noch 7,5 Gigawatt ans Netz angeschlossen wurden.
Die Vorlage ist in der Bundesregierung umstritten. Umweltminister Norbert Röttgen wehrt sich gegen die Begrenzung. Gemäss Medienberichten schlägt er stattdessen eine massive Senkung der Förderbeiträge vor. Diese sollen künftig nicht nur halbjährlich, sondern monatlich dem technischen Fortschritt und der Preisentwicklung bei Solarmodulen angepasst werden.
Der gewichtige Unterschied
Deutschland kennt mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ein ähnliches Förderkonzept wie die Schweiz mit der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV): Jeder Stromkonsument zahlt eine Abgabe auf dem verbrauchten Strom, und mit dem Erlös werden erneuerbare Energien verbilligt.
Die Verwandtschaft von EEG und KEV ist kein Zufall, denn beide gehen auf das vor zwanzig Jahren vom Solarpionier Hans Ulrich Flückiger entwickelte «Burgdorfer Modell» zurück. Der heutige Energiespezialist der Grünen im Deutschen Bundestag, Hans-Josef Fell, hat Flückigers Modell studiert und daraus das EEG entwickelt. Die Schweiz hat später mit der KEV nachgezogen.
Einen gewichtigen Unterschied gibt es aber: In der Schweiz ist der Fördertopf auf rund 500 Millionen Franken pro Jahr begrenzt. Davon dürfen nur 10 Prozent für die Stromproduktion aus Sonnenenergie eingesetzt werden. Wegen dieses Deckels wird die Warteliste länger und länger.
In Deutschland dagegen kann jeder Hausbesitzer und jedes Unternehmen Sonnenzellen auf dem Dach oder der Hauswand montieren und während 20 Jahren von staatlichen Beiträgen je Kilowattstunde eingespeisten Stroms profitieren. Der Staat beziehungsweise die damit beauftragen Netzbetreiber bestimmen, welchen Zuschlag die Konsumenten bezahlen müssen, damit der Fördertopf genügend gefüllt ist.
«Gefährliche Situation»
Mittlerweile werden pro Jahr 8 Milliarden Euro von den deutschen Strombezügern auf die Besitzer von Fotovoltaikanlagen umverteilt. Seit Einführung des EEG sind bereits 50 Milliarden in die Fotovoltaik geflossen, und in wenigen Jahren werden es 100 Milliarden sein. Kritiker rechnen vor, dass man mit dem Solarfördergeld bisher mindestens fünf neue Atomkraftwerke hätte bauen können. Dagegen produzierten die Fotovoltaikanlagen nur so viel Energie wie zwei Atomkraftwerke oder 3 Prozent des deutschen Stroms. Zudem falle der Sonnenstrom unregelmässig an, sodass viele Reservekraftwerke bereitstehen müssten.
Dem Bundestagsabgeordneten und Grünen-Energiespezialisten Fell schwant Böses: «Weder den Beschäftigten der Solarbranche noch den Unternehmensführungen noch den vielen Freunden der Solarenergie scheint klar zu sein, dass wir im Augenblick die gefährlichste Situation für die Solarenergie erleben, die es in Deutschland gegeben hat», schreibt er auf seiner Website.
Folgen für Schweizer Firmen
Der Angriff aus dem Bundeswirtschaftsministerium kommt laut Fell zum völlig falschen Zeitpunkt, weil die erneuerbaren Energien den Durchbruch im letzten Jahr definitiv geschafft hätten. Deutschland werde den Ausstieg aus der Atomenergie problemlos bewältigen, sagte Fell vor einer Woche am Berner Energie-Apéro: Obwohl acht Atomkraftwerke nach der Katastrophe von Fukushima abgeschaltet wurden, habe Deutschland im Jahr 2011 immer noch 5 Terawattstunden mehr Strom exportiert als importiert (im Vorjahr hatte der Exportüberschuss 17 Terawattstunden betragen).
Der Stromkonzern Steag plane die vorzeitige Abschaltung alter Kohlekraftwerke, weil sie angesichts der tiefen Grosshandelspreise nicht rentierten. Die Ursache für die tiefen Strompreise seien die erneuerbaren Energien. Aus demselben Grund verzichte Holland vorläufig auf den Bau eines geplanten neuen AKW.
Auch die Schweizer Solarindustrie blickt gebannt nach Deutschland. Dort sind in den vergangenen Monaten ohnehin schon mehrere Solarmodulproduzenten zahlungsunfähig geworden. Die Folgen der Überproduktion im Nachbarland spürt nicht nur die Thuner Firma Meyer Burger. Die Bieler Sputnik AG, welche Wechselrichter für die Umwandlung von Gleichstrom aus Solarkraftwerken in Wechselstrom für das Netz herstellt, hat laut Medienberichten Kurzarbeit eingeführt, die Arbeiten am Neubau gehen aber weiter. Auf der Kippe steht das Projekt für eine neue Solarmodulfabrik in Langenthal, weil die Banken die nötigen Kredite nicht gesprochen haben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.02.2012, 21:04 Uhr
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56 Kommentare
So wird es auch in der Schweiz ablaufen. Die verhältnismässig geringe Enegieproduktion kostet Milliarden. Der völlig überhastete, rein ideologische und opportunistische Entscheid unserer Schönwetter Regierung wird noch eine sehr teure Safari und der Wirtschaft grossen Schaden zufügen. Antworten
Mit Rösler meldet sich die Monopol-Lobby zu Wort. Wenn jemand sein Haus gegen Wärmeverlust isoliert, sind Zuschüsse erlaubt, wenn er Solarmodule auf dem Dach installiert, nicht mehr. Dabei denken die Bürger, die Solarmodule installieren, gar nicht allein ans Geld. Ein wenig Unabhängigkeit als Selbstversorger ist ihnen wichtig. Deshalb will Rösler nun ein Leistungslimit setzen. Bürgerfeindlich!!! Antworten
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