Ausland

Der falsche Film in Cannes

Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 03.11.2011 12 Kommentare

Der G-20-Gipfel hatte schon ein Script, bevor Giorgos Papandreou es radikal umschrieb. Zum Leidwesen von Gastgeber Nicolas Sarkozy.

«Ein Thriller mit ungewissem Ausgang»: Der G-20-Gipfel in Cannes.
Bild: TA-Grafik / Quelle: Corriere della Sera

Gipfeltraktanden

Auf der Agenda des G-20-Gipfels von Cannes, der nun von der Sorge um Griechenland und die Eurozone geprägt sein wird, sollte neben Diskussionen über das prekäre Wachstum der Weltwirtschaft vor allem die Regulierung des Finanzsektors ein Thema sein. «In Cannes wird Geschichte geschrieben», hatte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy verkündet, der als Vorsitzender des Gremiums die Einladungskarten an die 20 mächtigsten Industrie- und Schwellenländer und fünf Gaststaaten verschickte. Sarkozy schwebte vor, bis zum 3. und 4. No­vem­ber Methoden konsensfähig zu machen, um die Banken besser zu kontrollieren, das Weltwährungssystem zu reformieren und die steigenden Nahrungsmittelpreise in den Griff zu bekommen. Über alle diese Themen soll bei den Treffen im Palais des Festivals zwar diskutiert werden, doch auf keinem Gebiet sind griffige Beschlüsse zu erwarten.

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Alles war genau programmiert, mühselig ausformuliert. Wie nach Drehbuch hätte dieser G-20-Gipfel ablaufen sollen. Und da er in Cannes stattfindet, einer der Hauptstädte der Kinowelt und sich die Staats- und Regierungschefs dort treffen, wo sonst die Stars der Leinwand auf roten Teppichen defilieren, bietet sich die Bildsprache des Films an. Ein Drama mit Aussicht auf ein Happy End hätte dieser Gipfel werden sollen. Möglichst kein Thriller.

Die Länder der Eurozone, bedrängt von Schulden und von Zweifeln und vom Druck der Märkte, wollten ihren Rettungsplan präsentieren – den grossen Befreiungsschlag, den sie vor einer Woche in Brüssel ausgehandelt hatten. Sie wollten den restlichen Mitgliedern des Gremiums der mächtigsten Industrie- und Schwellenländer beweisen, dass mit einem Schuldenschnitt für Griechenland, einer Stärkung des Europäischen Stabilitätsfonds und einer Aufstockung der Eigenmittel der europäischen Banken alles wieder gut werden würde. Bald. Dass damit die Finanzplätze und die Ratingagenturen beruhigt werden könnten. Dass so keine anderen, grösseren Länder wie Italien und Spanien in den Strudel geraten. Dass China sich ohne Sorge stärker einbringen könne mit seinen Milliarden. Und dass dann eine neue Zeit anbrechen würde in Europa, eine ohne Schulden und Exzesse.

Standpauke für Papandreou

Das war der Plan, das Script. Nun ist alles anders, auch das Genre. Der Gipfel ist nun doch ein Thriller mit ungewissem Ausgang. Mit seinem «Coup», wie manche französische Zeitungen die Abhaltung eines Referendums in Griechenland nannten, hat Giorgos Papandreou das Drehbuch radikal umgeschrieben. Ohne Rücksprache mit seinen europäischen Partnern, einfach so. Am meisten ärgerten sich jene beiden Politiker über das Solo, die sich in den letzten Wochen am meisten engagiert hatten für Griechenland und für das Überleben der Eurozone: Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy.

Sie luden Papandreou zu einem Vorgipfel, einem ausserordentlichen Krisengipfel am Mittwochabend in Cannes, um ihm ins Gewissen zu reden. Wohl auch, um ihm die Meinung zu sagen über das, was sie als einen Vertrauensmissbrauch erachten. Von Sarkozy, der von Natur aus ein eher cholerischer Mensch ist, heisst es, er sei förmlich ausser sich gewesen, als er zum ersten Mal vom Referendum hörte. Für den Franzosen nimmt sich die Programmänderung besonders bitter aus – nicht nur aus noblen gesamteuropäischen Gründen, die ihn sicher auch animieren, sondern auch aus innenpolitischen und persönlichen Überlegungen.

Sarkozy interessierte nur die Hauptrolle

Sarkozy hatte sich erhofft, dass er als Gastgeber und Regisseur des G-20-Gipfels in die Rolle des Retters der Weltwirtschaft schlüpfen und so seine Statur als Staatsmann mit internationalem Leistungsausweis etwas aufbessern könnte. Ihn interessierte nur die Hauptrolle in diesem Film – ein halbes Jahr vor der nächsten Präsidentschaftswahl. Und so trat er nach dem vermeintlich erfolgreichen Gipfel von Brüssel zum ersten Mal nach langer Zeit wieder am Fernsehen auf, lobte die Zusammenarbeit mit «Madame Merkel», der er aber bestenfalls eine zweite Hauptrolle zuhielt, und betonte das Wir in allen seinen Sätzen jeweils, als wäre es ein Ich – zum Beispiel in diesem: «Wir haben wichtige Beschlüsse getroffen, die uns eine Katastrophe ersparen. Die ganze Eurozone stand kurz davor, in einer Kaskade weggetragen zu werden.»

Die Franzosen sollten spätestens nach diesem Auftritt von Cannes erkennen, dass sie in Krisenzeiten kein Interesse daran haben können, einen anderen, linken Präsidenten zu wählen, den Sozialisten François Hollande also, der weder je Minister war noch je eine internationale Rolle spielte in seiner Karriere. Seine Berater im Elysée räumen denn auch unumwunden ein, dass sich Sarkozy in den letzten Monaten seines Mandats gezielt präsidialer, formaler und staatsmännischer gebe, um seine Unbeliebtheit im Volk zu kompensieren. Politanalysten aller Couleur sind auch der Meinung, dass Sarkozy nur dann eine Wiederwahlchance habe, wenn er sich als starker, ruhiger, souveräner Krisenmanager profiliere.

Die Griechen zur Räson bringen

Und nun? Ist die Rolle schon tot? Oder kann er die Griechen doch noch zur Räson bringen, in allerletzter Minute? Oder schafft er es wenigstens, dass Papandreou das Referendum sehr bald abhält und möglichst so formuliert, dass es angenommen wird? Gelingt es Sarkozy so, die Spannung aus dem Krimi zu nehmen, wahres Gift in Krisenzeiten? Und kann er die Chinesen überzeugen, trotz vieler Unwägbarkeiten in die Glaubwürdigkeit Europas zu investieren?

Das Set ist bestellt. Cannes ist grau und verhangen. Es soll regnen in diesen Tagen. Geplant waren Sonne und Aufbruch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2011, 19:24 Uhr

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12 Kommentare

Roger Walser

03.11.2011, 07:05 Uhr
Melden 40 Empfehlung 0

Solche Sachen können einem geschehen, wenn man in einer Fantsiewelt lebt und seine Augen vor der Wirklichkeit verschliesst. Irgendwann ist der Zeitpunkt erreicht, wo kein Kitt und keine Farbe mehr reichen um die Mängel in der Grundkonstruktion zu überdecken. Das erfahren die Euroländer zurzeit auf die harte Tour. Antworten


Üelu Schlüchter

03.11.2011, 07:20 Uhr
Melden 19 Empfehlung 0

Noch einen Unterschied zum Thema Politik und Bürger: Der/die PolitikerIn braucht den Bürger, der Bürger indessen den/die PolitikerIn nicht. Antworten



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