Der elfte Vorname
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 18.02.2011 8 Kommentare
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Seine Eltern tauften ihn mit zehn Vornamen: Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jakob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Er selbst legte sich noch einen elften Vornamen zu: Doktor. Und dieser macht ihm nun Ärger.
Denn ein deutscher Rechtsprofessor wies dem deutschen Verteidigungsminister Dr. Guttenberg nach, dass er ganze Passagen seiner Doktorarbeit aus Reden, Studien, Zeitungsartikeln abgeschrieben hat. Teils wörtlich, teils geschmückt durch Füllwörter. Nun sucht halb Deutschland weitere kopierte Stellen: Bei Redaktionsschluss waren es 32 – Tendenz steigend.
Nichts ist originell
Was ist davon zu halten? Eigentlich ist das Plagiat nur die radikalste Form der Normalität. Kultur ist nichts anderes als eine Kette von geistigen Diebstählen. Gedanken wachsen aus Gedanken, Bücher aus Büchern, Zeitungsartikel aus Zeitungsartikeln. Egal ob es sich um politische Ansichten, persönliche Haltung, ja sogar um Gefühle wie Liebe oder Schmerz handelt – nichts im Leben ist wirklich originell. Es ist fast immer Vorformuliertes: Man sieht, man sagt, man fühlt, was man gelesen hat. Und noch öfter, was andere gelesen haben. Es bleibt eine offene Frage, ob man je überhaupt einen originellen Gedanken hatte. (Zeige mir jemanden, der stolz «Das ist meine Meinung!» sagt – und ich zeige dir einen Dummkopf.)
Daher ist das Plagiat als illusionsloses Kopieren nicht ganz unsympathisch. Fontane nannte es sogar «das einzig ehrliche Kompliment» unter Schriftstellern. Und Brecht bemerkte, dass ein wahrer Könner gerade daran zu erkennen sei, dass er gut Gemachtes nicht noch einmal neu mache.
Wenig Geschmack als Dieb
Der Fall des Ministers Guttenberg liegt dennoch anders. Rechtlich, weil es sich nicht um literarisches Werk, sondern um eine juristische Dissertation handelt. Und ästhetisch, weil die abgeschriebenen Passagen alles andere als brillant klingen: Sie lesen sich, als hätte jemand Gummidichtungen statt Diamanten geklaut. Guttenberg zeigte als Dieb wenig Geschmack.
Oder es war Strategie: Er tarnte seine Diebstähle hinter Langeweile. Und brachte es trotz allem auf immer noch über 1200 Fussnoten. Das zeigt die Tragik der akademischen Literatur – in ihrer Geringschätzung von Stil und ihrem Zitatfetischismus befördert sie Wiederkäuerei bis zur Hochstapelei.
Freiere Köpfe
Und sie verwirrt die Köpfe. Bereits Schopenhauer warnte vor zu viel Lektüre: Denn wer lese, denke gleichsam mit fremdem Kopfe und verliere die Fähigkeit, selbst zu denken. Und er schreibt: «Solches aber ist der Fall bei sehr vielen Gelehrten: Sie haben sich dumm gelesen.»
Das Fazit daraus? Es wäre klüger, wenn Studenten wie in englischen Universitäten nicht zunächst korrektes Zitieren lernen würden, sondern das Schreiben von Essays. Für die Noten zählen dann Stil, Schwung, Risiko. Klar: Dem Imitat entkommt auch dort niemand: Neu sind auch an solchen Gedanken nur die persönliche Mischung – und die Kopierfehler.
Aber diese Methode ergäbe freiere Köpfe. Statt frisierte wie jenen des Freiherrn zu Guttenberg. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.02.2011, 21:16 Uhr
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8 Kommentare
hr. Göttschi- sie vergleichen Aepfel und Bananen. Die Demonstrationen in arab. Ländern haben wenig mit'tricksen' zu tun- dafür umso mehr mit Korruption- diese Affaire hat mit Unehrlichkeit zu tun- der Herr schadet sich selber, nicht einem ganzen Land. Wenn sie wegen so einer Lappalie demonstrieren würden haben sie zuwenig zu tun :) Antworten
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