Der Weg vom Helden zum Schurken
Von Peter Nonnenmacher, London. Aktualisiert am 29.01.2010 2 Kommentare
Leidenschaftlicher Hass: Vor dem Irak-Ausschuss in London liessen Demonstranten eine Blair-Maske in Flammen aufgehen. (Bild: Reuters)
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Wie tief kann man fallen? So tief wie Luzifer, der mal ein Engel war? Tony Blair wurde ja ursprünglich auch wie eine Lichtgestalt gefeiert. Er war der Erlöser der Labour Party aus dem Dunkel 18-jähriger politischer Ohnmacht. Er war der junge Premierminister, der mit seinem Charme Gegner entwaffnete und mit seinen Ideen alle Welt beeindruckte. Dreifacher Wahlsieger, Top-Redner, kluger Stratege, ein geborener Gewinner. Der britische Regierungschef mit dem längsten Honeymoon aller Zeiten. Einer, dem sie vertrauten, von dem sie sich verstanden fühlten.
Und nun? Nun versteht Tony Blair die Welt nicht mehr. Jene, die ihn vor wenigen Jahren hochleben liessen, könnten ihn kaum leidenschaftlicher hassen. Den Hoffnungsträger sehen sie als Zerstörer aller Träume. Von seinem heutigen Auftritt beim Irak-Ausschuss, der die Hintergründe der Irak-Invasion ausleuchten soll, sprechen Kritiker Blairs erbittert als vom Auftritt eines «Kriegsverbrechers». Demonstranten wollen ihre Hände rot färben, um vergossenes Blut in Erinnerung zu rufen. Angehörige von im Irak getöteten Soldaten drohen mit Schmährufen oder Schlimmerem im Verhandlungssaal.
Rechtsexperten haben gewarnt
Dies sei kein Tribunal, hat der Ausschuss-Vorsitzende Sir John Chilcot schon mehrfach betont. Niemand sei angeklagt, niemand stehe vor Gericht. Aber die Volksseele, die einst Blair innig liebte, wäre einem Schauprozess gegen den Ex-Premier nicht abgeneigt. Tony Blair, heisst es, habe Bevölkerung, Parlament und Kabinett getäuscht. Er habe entgegen seinen öffentlichen Beteuerungen George W. Bush früh schon bedingungslose Gefolgschaft gelobt und zusammen mit dem amerikanischen Präsidenten einen illegalen Krieg vom Zaun gebrochen, der den Mittleren Osten noch tiefer in die Krise stürzte und Hunderttausenden irakischer Zivilisten das Leben kostete.
Im Vorfeld der Anhörung Blairs, Anfang dieser Woche, haben bereits die vormals leitenden Rechtsexperten des Aussenministeriums übereinstimmend bekräftigt, dass sie die Regierung vor einer Aktion warnten, die sie für «ungesetzlich» hielten. Niemand aber habe ihnen Gehör schenken wollen. Ein Echo dieser Warnung war inzwischen auch aus Holland zu hören, wo eine Regierungskommission den Irak-Einsatz zum illegalen Krieg erklärte.
Belohnung für die Festnahme Blairs
In Grossbritannien hat der prominente Bürgerrechtler und Jura-Professor Philippe Sands die Vermutung ausgesprochen, dass Blair vor Auslandsreisen nun wohl seine Anwälte konsultiere, um kein «Pinochet-Erlebnis» befürchten zu müssen. Ein Kolumnist der Londoner Zeitung «Guardian», George Monbiot, hat die Website www.arrestblair.org ins Leben gerufen, die eine Belohnung für die Festnahme des Ex-Premiers verspricht.
Tony Blairs Biograf und früherer Bewunderer Anthony Seldon, der Blair einmal als «politischen Koloss» einstufte, wirft ihm mittlerweile «Perversität» vor. Tony Blair werde all seine Errungenschaften eigenhändig zerstören, wenn er weiter stur seine Irak-Aktion verteidige und sich weigere, Realitäten zur Kenntnis zu nehmen und Selbstkritik zu üben. Seine Wandlung «vom Populisten zum Überzeugungstäter» sei dem Mann letztlich zum Verhängnis geworden.
Saddam Hussein in jedem Fall «entfernen»
Das ist auch das Urteil derer, die Tony Blair im Chilcot-Ausschuss gern zur Rechenschaft gezogen sähen. Vor allem eine Bemerkung, die Blair kürzlich im BBC-Fernsehen machte, hat einen neuen Sturm der Empörung ausgelöst. Blair sagte nämlich, er hätte es für rechtens gehalten, Saddam Hussein auch dann «zu entfernen», wenn er gewusst hätte, dass es keine Massenvernichtungswaffen im Irak gab. Bis dahin war die Bedrohung durch Saddams – vermeintliche – Waffen als einziger Grund für die britische Teilnahme an der Invasion gehandelt worden. Mit Bedarf an Regimewechsel argumentierten nur die Amerikaner.
Indes liegt Tony Blairs stetig wachsende Unbeliebtheit nicht nur in seiner Mit-Urheberschaft des Irak-Kriegs begründet. Seit der Labour-Politiker von seiner Partei im Sommer 2007 aus dem Amt gedrängt wurde, hat er sich eine neue, höchst einträgliche Karriere geschaffen, was vielen seiner Landsleute äusserst sauer aufstösst. In kürzester Zeit hat er seinen Namen, aber offenbar auch sein Ehrenamt als Emissär des Nahost-Quartetts dazu benutzt, sich selbst in ein lukratives Unternehmen zu verwandeln und in die Liga der Grossverdiener vorzustossen. Inzwischen soll er bereits 7,5 Millionen Pfund im Jahr verdienen. Allein sein Beratervertrag für die Investment-Bank J. P. Morgan Chase trägt ihm angeblich 2 Millionen im Jahr ein, eine ähnliche Rolle bei Zurich Financial Services noch eine weitere halbe Million.
6000 Pfund pro Redeminute
Mindestens ebenso viel wie am Bankengeschäft verdient er als persönlicher Ratgeber für Regierungen und für den privaten Sektor, unter dem Firmenschild «Tony Blair Associates» (TBA). Unter anderem berät er die Herrscher von Kuwait und einen staatlichen Investment-Fonds in Abu Dhabi. Er stellt Kontakte zwischen Privatkunden und Regierungen her und soll ein gut bezahltes Angebot der Supermarktkette Tesco erhalten haben, die sich im Nahen Osten ausdehnen will.
Auch eine Reihe karitativer Stiftungen religiöser, sozialer und sportlicher Art betreibt Blair. Mehreren afrikanischen Regierungen versucht er, bessere Investment-Chancen zu verschaffen. Aus diesen Unternehmungen fliesst ihm kein Einkommen, wohl aber die Möglichkeit zusätzlicher Geschäftsbeziehungen zu. Nicht ganz so bescheiden zeigt er sich bei seinen Rednerauftritten rund um die Welt. Für die Minute kann er bis zu 6000 Pfund verlangen, umgerechnet zirka 10'200 Franken.
Kritik an Blairs Empire
Die amerikanische Universität Yale beschäftigt ihn als Dozenten für Fragen des Glaubens und der Globalisierung. Für seine Memoiren, die nach den im Mai erwarteten britischen Parlamentswahlen erscheinen sollen, sind ihm bereits 4,6 Millionen Pfund zugeflossen. Dazu kommen üppige Rentenzahlungen und diverse Immobilienspekulationen. Zurzeit verfügen die Blairs über fünf Häuser und zwei Wohnungen.
Ein wahres Empire – «Blair Inc.» – habe der erst 56-jährige Ex-Premier aus dem Boden gestampft, staunte jüngst die «Financial Times». Freilich sei auch Kritik daran laut geworden, dass Blairs Firma vielfach das Tageslicht scheue und dass «eine unangenehme Verquickung von offiziellen Pflichten, Spendenbeschaffung und wachsenden kommerziellen Interessen» bei diesem Venture bestehe.
Blair ein «sozialpolitischer Unternehmer»
Weniger zurückhaltend beurteilen britische Politiker die Methoden ihres Ex-Kollegen, der neuerdings als «sozialpolitischer Unternehmer» firmiert. Dass Blair just vorige Woche vier Vorträge zum Preis von «mehreren Hunderttausend» Pfund mit einem Hedge-Fund vereinbart hat, dessen Gründer zugleich mit Riesensummen die konservative Partei unterstützt, hat bereits böses Blut im Labour-Lager geschaffen. Zumal verlautete, Blair wolle im bevorstehenden Wahlkampf noch einmal für seine alte Partei die Trommel rühren.
Ob sie noch einen für sich werben lassen will, den etliche Briten mittlerweile als Kriegsgewinnler, wenn nicht sogar als Kriegsverbrecher betrachten – das muss die Regierungspartei erst noch entscheiden. Der Finanzsprecher der Liberalen, Lord Oakeshott, kann jedenfalls kaum glauben, dass Blair sich nun sogar von «Tory-Spendern» und «Hedge-Fund-Profiteuren» bezahlen lässt: «Der Mann kennt ja wirklich überhaupt keine Scham.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.01.2010, 04:00 Uhr
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2 Kommentare
Mitgegangen - mitgefangen oder besser gesagt, Blair war einer der US-Marionetten und billiger Handlanger.Liess sich vom Kriegsruf animieren und hoffte zuletzt, es würden Gelder aus dem Kriegsgeschäft in die marode englische Wirtschaft gespült - Retter der Nation. Wie leichtgläubig und unwissend sind eigentlich solche hochgestellte Persönlichkeiten und das Volk gab auch noch den Segen dazu! Antworten
Tony Blair war und ist ein Kriegsverbrecher und gehört auf die gleiche Anklagebank gesetzt wie Hr. Bush. Er war einfach der Eloquentere und somit bessere Lügner und schaffte es im Gegensatz zu Georgie-Boy, zwei zusammenhängende Sätze aufs mal zu sagen und mit der richtigen Gestik und Mimik zu kombinieren. Mich hat er nie überzeugen können und ich verstehe alle, die Rachegelüste gegenüber ihm hegen Antworten
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