Ausland

«Der Pilot muss unter irrsinnigem Druck gestanden haben»

Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 12.04.2010

Vieles deutet darauf hin, dass die polnische Staatsmaschine in Smolensk gegen den Willen des Piloten zur Landung ansetzte. Das sagt Aviatik-Experte Hansjörg Bürgi.

Völlig zerstört: Das polnische Regierungsflugzeug stürzte im Nebel vor Smolensk ab.

Völlig zerstört: Das polnische Regierungsflugzeug stürzte im Nebel vor Smolensk ab.
Bild: Keystone

Herr Bürgi, die polnische Regierungsmaschine stürzte beim vierten Landeanflug ab. Was, glauben Sie, war die Unfallursache?
Der Pilot muss unter einem irrsinnigen Druck gestanden haben. Das war mir schlagartig klar, als ich hörte, dass er trotz Nebel viermal versuchte zu landen. Schliesslich ist bei jedem Flug auch ein Ausweichplatz vorgesehen. Die alternativen Landemöglichkeiten wären aber etwas weiter weg gewesen, in Minsk oder Moskau. Das hätte bedeutet, dass die polnischen Regierungsvertreter nicht rechtzeitig zu der Gedenkfeier gekommen wären.

Sie gehen also davon aus, dass der Pilot die Landung gegen seinen Willen probiert hat?
Ich vermute schon, dass er gefragt hat, was er in dieser Situation tun soll. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass er selbst entschied, die Maschine unter solchen Bedingungen zu landen. Das wäre schlicht unbegreiflich.

Also könnte, wie vermutet wird, das Wort des Präsidenten den Ausschlag zur Landung gegeben haben?
Gut möglich. Immerhin waren genug Entscheidungsträger an Bord. Und es ist ja nicht der erste Unfall, der so passiert. Das wiederholt sich immer wieder.

Wovon sprechen Sie?
Um bei jedem Wetter – und bei Nullsicht - landen zu können, sind drei Faktoren wichtig: Flughafen und Maschine müssen entsprechend ausgerüstet sein; und der Pilot muss entsprechend ausgebildet sein. Das war hier offensichtlich nicht der Fall. Ich bezweifle, dass der dortige Flugplatz über ein Instrumenten-Landesystem verfügt.

Sind technische Mängel als Absturz-Ursache auszuschliessen?
Ja. Auch wenn die Staatsmaschine vielleicht nicht mehr ganz «State of the Art» war: Sie war mit 20 Jahren noch funktionstüchtig und wurde ausserdem erst kürzlich gewartet.

Gab es Kommunikationsprobleme mit dem Tower?
Das ist möglich. Der Tower riet dem Piloten offenbar, auf den alternativen Flugplatz auszuweichen. Doch am Ende entscheidet immer der Pilot. Die Fluglotsen können höchstens eine Empfehlung abgeben. In diesem Fall war der Hinweis klar und als Warnung zu verstehen.

Mit anderen Worten: Höchstwahrscheinlich hat menschliches Versagen zum Absturz geführt.
Ja, davon ist auszugehen. Dieser Absturz hätte auf jeden Fall verhindert werden können.

Welche Erkenntnisse kann nun die Auswertung der Blackbox noch bringen?
Sie wird Klarheit schaffen. Man wird erfahren, was gesprochen wurde. Was hat der Tower gesagt? Wer hat möglicherweise dreingeredet?

Wann ist mit der Auswertung zu rechnen?
Ich habe gehört, es solle Ende dieser Woche passieren. Meistens dauert es allerdings etwas länger. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.04.2010, 13:21 Uhr


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