Der Mann auf der Todesliste
Von Dario Venutti. Aktualisiert am 05.02.2010 4 Kommentare
Die Lüge einer ganzen Generation zerstört: Jovan Mirilo.
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Seit drei Jahren lebt Jovan Mirilo in einem freien Land, und trotzdem fühlt er sich wie im Gefängnis. Die kleine Wohnung in einem Wiener Arbeiterbezirk, die er mit seiner Lebensgefährtin und Tochter teilt, verlässt er nur selten. Der Serbe fürchtet den langen Arm der «Skorpione»: Frühere Mitglieder der aufgelösten Sondereinheit des serbischen Innenministeriums sollen ihm nach dem Leben trachten.
Glaubt man Amnesty International und serbischen Menschenrechtsaktivisten, treibt Österreich ihn direkt in die Armee seiner Häscher. Sein Asylgesuch wurde vor zwei Tagen abgelehnt. Findet Mirilo auch vor dem Appellationsgericht keine Gnade, wird er in wenigen Wochen nach Sid abgeschoben: in seine serbische Heimatstadt nahe der kroatischen Grenze, wo frühere Mitglieder der «Skorpione» heute Kaffeehäuser, Discos und Boutiquen betreiben.
Lebenslüge einer ganzen Generation zerstört
Mirilo hat in ihren Augen Hochverrat begangen: Vor fünf Jahren übergab er der Menschenrechtlerin Natasa Kandic ein Video, das die «Skorpione» selber gedreht hatten. Es zeigt, wie sie 1995 sechs Bosniaken bei Srebrenica in Bosnien exekutierten. Zuvor liessen sie sich von einem Popen segnen.
Das Video zerstörte die Lebenslüge einer ganzen Generation, wonach Serbien nicht im Krieg war und Serben keine Kriegsverbrechen begingen. Und es bildete die Grundlage für Kriegsverbrecherprozesse in Belgrad. Vier «Skorpione» wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.
Todesliste der «Skorpione»
Doch auch Jovan Mirilo musste büssen: Eine Facebook-Gruppe nennt ihn «verräterisches Vieh». In seiner Heimatstadt Sid wurde er auf der Strasse angepöbelt, in Kaffeehäusern und Läden nicht mehr bedient. Nachdem er Todesdrohungen erhalten hatte, flüchtete er nach Wien. «Die 'Skorpione' führen eine Todesliste: Alle, die bei der Veröffentlichung des Videos beteiligt waren, stehen darauf», sagt er.
Mirilo hatte sich das Band in einer Videothek in Sid beschafft. In der Stadt war dessen Existenz seit Jahren ein offenes Geheimnis, doch nur rund 300 Leute durften es sich ansehen. Um seine Helfer zu schützen, gibt Mirilo keine Details darüber preis, wie er in den Besitz des Videos kam.
Gutachten voller Fehler
Ein halbes Jahr nach seiner Flucht nach Wien erhielt er den Bruno-Kreisky-Preis. Die Stiftung des verstorbenen österreichischen Kanzlers zeichnet Personen aus, die sich Verdienste um die Menschenrechte erworben haben. Zu den Preisträgern gehören Ex-Uno-Generalsekretär Kofi Annan und der Schauspieler Karlheinz Böhm. Doch für das Bundesasylamt in Wien ist Mirilo ein Hochstapler, Betrüger und selber Mitglied der «Skorpione». Letzteres soll eine verblasste Skorpiontätowierung auf seinem Bauch belegen. Laut Mirilo stammt sie aus den 80er-Jahren, als die Sondereinheit noch gar nicht existierte.
Das Gutachten eines anonymen Ermittlers, auf den das Bundesasylamt seinen Entscheid stützte, ist laut der Wiener Wochenzeitung «Falter» voller Fehler: Passagen aus E-Mails wurden nur selektiv wiedergegeben, Aussagen manipuliert und ganze Sachverhalte ausgeblendet. Das Amt betreibe Rufmord, sagt ein Vertreter von Amnesty International in Wien.
Auf offener Strasse erschossen
Das Schicksal eines mit Mirilo befreundeten Einwohners von Sid wird im Gutachten mit keinem Wort erwähnt: Er hatte im Prozess gegen die «Skorpione» ausgesagt und war später in die Niederlande geflüchtet. Ein Jahr nachdem Den Haag ihn abgeschoben hatte, wurde er in Sid auf offener Strasse erschossen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.02.2010, 04:00 Uhr
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4 Kommentare
Wenn er ein Skorpion ist, oder andere Verbrechen begangen hat, dann soltte man ihn vor Gericht stellen. Abschieben und ihn der Rache aussetzen ist die billigste und feigste Methode! Das gilt für Österreich, Holland und jedes andere Land, welches so verfährt. Antworten
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