Ausland

Der König der Wendehälse

Von René Lenzin, Mailand. Aktualisiert am 07.03.2011 4 Kommentare

Der Neapolitaner Pietro Mastranzo hat in fünf Jahren siebenmal die Partei gewechselt.

Für welche Partei wird er bei den nächsten Wahlen kandidieren? Pietro Mastranzo ist auf dem Transfermarkt der Politik sehr agil.

Artikel zum Thema

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Kaum ein Tag vergeht, an dem Silvio Berlusconi nicht den Zuzug eines weiteren Spielers in seiner Squadra vermelden könnte. Nein, nein, wir sprechen hier nicht von der AC Milan, wir sprechen von der Regierungskoalition im italienischen Parlament. Im Transatlantico, der Wandelhalle der Abgeordnetenkammer, herrscht derzeit intensivster Transfermarkt. Der Premier ist gerade dabei, sich jene Mehrheit wieder zusammenzubasteln, die er nach dem Abgang seines früheren Verbündeten Gianfranco Fini eigentlich schon verloren hatte.

Einige seiner Zuzüge sind erstmalige Umsteiger. Etwa der in der Schweiz gewählte Antonio Razzi, den Berlusconi seinem Intimfeind Antonio Di Pietro abzuluchsen vermochte. Andere sind Habitués, welche die Seiten schon mehrmals gewechselt haben – meist belohnt mit einem prestigeträchtigen Regierungsamt, mit einem lukrativen Mandat in Wirtschaft oder Verwaltung oder mit der Aussicht auf einen erfolgversprechenden Listenplatz bei kommenden Wahlen. Um das Manöver nicht allzu plump erscheinen zu lassen, treten die Umsteiger und Rückkehrer nicht in Berlusconis Popolo della Libertà ein, sondern sammeln sich im «Gruppo dei responsabili», in der Fraktion der Verantwortungsvollen. Weniger schmeichelhaft ist die Bezeichnung, die ihnen der politische Gegner gibt: «voltagabbana», was so viel wie «Wendehals» oder «Wetterfahne» bedeutet.

Unerreichter Rekordwert

Auch wenn etliche nationale Parlamentarier schon erstaunliche Mehrfachvolten gedreht haben, ist der König der Wendehälse allerdings nicht einer der Ihren, sondern ein Kommunalpolitiker in Neapel. Pietro Mastranzo hat in der laufenden Legislatur sage und schreibe siebenmal die Fraktion gewechselt. Auf einer Liste der Zentrumsunion UDC gewählt, hat der 62-Jährige der Reihe nach zum «Gruppo misto», zur Bürgerbewegung «Initiativa Popolare», zur «Margherita», zum «Partito Democratico», zur «Udeur», zu den «Popolari per il Sud» und zu «Forza Italia» gewechselt. Und das in nicht ganz fünf Jahren. Macht im Schnitt einen Fraktionswechsel so alle acht Monate.

Was soll die Aufregung, könnte Pietro Mastranzo fragen, ich bin doch nicht der Einzige! Tatsächlich hat es sein Ratskollege Roberto De Masi in der gleichen Zeit auf sechs Wechsel gebracht, und 18 weitere sind zwischen drei- und fünfmal umgestiegen, wie eine Lokalzeitung kürzlich vorgerechnet hat. Wenn Mastranzo nun trotzdem in den Schlagzeilen steht, ist es, weil seine acht Hüte in fünf Jahren laut verschiedenen Experten einen bisher in ganz Italien unerreichten Rekordwert darstellen.

Unbeschränkte Wechselmöglichkeiten

Und dabei hat er sein Transferpotenzial noch gar nicht ausgeschöpft. Bei insgesamt 60 Mitgliedern zählt das Stadtparlament Neapels 18 Fraktionen, davon acht mit nur einem Mitglied. Theoretisch hat Mastranzo gar unbeschränkte Wechselmöglichkeiten, weil er jederzeit eine eigene Fraktion gründen könnte. Allerdings nicht mehr in dieser Legislatur, die immerhin noch bis im Mai hätte dauern sollen und noch den einen oder andern Wechsel erlaubt hätte. Dieser Tage hat sich das Parlament nämlich vorzeitig aufgelöst, weil elf Mitglieder der regierenden Mitte-links-Koalition das Lager gewechselt und der Bürgermeisterin Rosa Russa Iervolino die Mehrheit entzogen haben.

Ob und für welche Partei Pietro Mastranzo in den Wahlen vom 15. Mai antritt, ist derzeit noch offen. Was dem Rekordmann der Wendehälse in seiner Sammlung noch fehlt, ist übrigens Berlusconis Popolo della Libertà (PdL). Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Vielleicht verhilft ihm seine Agilität auf dem politischen Transfermarkt dereinst zu einem Platz auf einer PdL-Liste. Es sei denn, dass so viel Wendigkeit selbst dem erfolgreichsten Transferchef im Lande unheimlich wäre.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2011, 10:57 Uhr

4

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

4 Kommentare

Emil Roduner

07.03.2011, 12:37 Uhr
Melden

Die Wandelhalle des Abgeordnetenhauses heisst wohl so, weil sich die Abgeordneten darin wandeln.... Antworten


Mariangela De Luca

07.03.2011, 14:06 Uhr
Melden

Das ist Teil der italienischen Kultur bzw. Geschichte. Droht eine Niederlage, so wechselt man das Lager und geht zu den Siegern über, so schon geschehen im 1. Weltkrieg und im 2. Weltkrieg gleich nochmals. Sich seinen Sieg von Anfang an mit fairen Mitteln zu erkämpfen und den Sieg auch fair zu verteidigen, ist wohl zu anstrengend. Antworten




Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!