«Der Journalismus wurde regelrecht zerquetscht»
Von René Lenzin. Aktualisiert am 08.02.2010 5 Kommentare
Enrico Mentana. (Bild: Keystone)
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Enrico Mentana in Zürich
Der 55-jährige Enrico Mentana gehört zu Italiens berühmtesten Fernsehmoderatoren. Er hat 1980 beim Staatssender RAI debütiert und 1992 zu Berlusconis Medienimperium gewechselt. Dort machte er das «Tg5», die Tagesschau des Senders Canale 5, zur meistgeschauten Nachrichtensendung Italiens und hatte auch mit dem Politmagazin «Matrix» grossen Erfolg. Nach diversen Konflikten verliess er Mediaset im Februar 2009. Heute Abend hält Mentana in Zürich einen Vortrag zum Thema «Fare giornalismo oggi in Italia» – Journalismus in Italien heute. (len)
ETH, Rämistr. 101, Saal HG G 60, 18 Uhr.
Was heisst es, Journalist zu sein in einem Land, dessen Premierminister mehrere Fernsehsender und Zeitungen besitzt?
Journalismus in Italien ist wie Journalismus in der Schweiz oder sonst wo auf der Welt. Es heisst ja immer, bei uns sei die Medienfreiheit gefährdet, aber das stimmt nicht. Ich darf sagen und schreiben, was ich will. Es gibt Zeitungen, die nur gegen Berlusconi schreiben, Zeitungen, die nur für Berlusconi schreiben, und Zeitungen, die je nach Thema für oder gegen Berlusconi schreiben.
Es heisst auch, Berlusconis Sender hätten die Gesellschaft und die Politik Italiens verändert. Stimmt das?
Es stimmt insofern, als Berlusconi das kommerzielle Fernsehen in Italien gross gemacht hat. Die Veränderungen haben aber nicht mit der Person Berlusconis zu tun, sondern mit der Logik des kommerziellen Fernsehens. Was speziell ist in Italien, ist Berlusconis Interessenkonflikt. Aber der ergab sich erst mit seinem Einstieg in die Politik.
Ist das Fernsehen ein Spiegel der Gesellschaft oder ein Motor der Veränderung?
Weder noch. Das Fernsehen hat viel mehr eine Vereinheitlichungsfunktion. In seiner Entstehungszeit trug es dazu bei, das Land zu einen. Heute bringt es die globalisierte Kultur in unsere Stuben und sorgt dafür, dass die Jungen überall auf der Welt die gleichen Kleider tragen und dieselbe Musik hören.
Die 18-jährige Noemi Letizia, die von Berlusconi regelmässig besucht wurde, sagte, sie wolle Abgeordnete oder Fernsehstar werden. Denkt nur Noemi so, oder machen auch andere junge Italiener keinen Unterschied mehr zwischen solchen doch sehr unterschiedlichen Tätigkeiten?
Zunächst einmal gilt es festzustellen, dass viele Jugendliche davon träumen, mit einer Fernsehkarriere berühmt und reich zu werden, nicht nur in Italien. Dass Noemi Letizia Fernsehen und Politik gleichsetzt, hängt auch mit der Qualität der Politik zusammen. Deren Niveau ist stark gesunken und unterscheidet sich kaum mehr von der Showwelt.
Und Silvio Berlusconi führt die beiden Welten zusammen, indem er immer wieder junge und frühere Showgirls auf die Wahllisten seiner Partei setzt.
Die Linke füllt ihre Listen mit ihren Funktionären. Ist das etwa viel besser? Die undemokratische Zusammenstellung der Wahllisten ist ein Grund für die schlechte Qualität der Politik.
Vor Ihrem Abgang bei Mediaset haben Sie gesagt, die Firma habe sich in ein Wahlkampfinstrument Berlusconis verwandelt. Das war sie doch immer schon.
Nein, vor zehn Jahren herrschte bei Mediaset wirklicher Pluralismus. Da haben auch Journalisten wie Michele Santoro gearbeitet, die politisch links stehen. Wäre unabhängiger Journalismus nicht möglich gewesen, wäre ich nicht 17 Jahre bei Mediaset geblieben.
Und warum hat sich die Situation verändert?
Der Bipolarismus mit seiner unversöhnlichen Konfrontation zwischen den politischen Blöcken hat zu einer Verhärtung auch in den Medien geführt. Hier die Gruppe De Benedettis mit «Repubblica» und «Espresso» als Organ der Linken, dort Berlusconis Medien als Organ der Rechten. Der Journalismus wurde regelrecht zerquetscht, wobei das auch die Schuld der Verleger ist, die nie nur Verleger sind, sondern immer auch noch in der Politik mitmischen.
Zum Schluss hat man Ihnen verboten, Antonio Di Pietro in Ihre Sendungen einzuladen. Mit welcher Begründung?
Di Pietro hat Mediaset als eigentliches Verbrechersyndikat bezeichnet. Da habe ich schon ein gewisses Verständnis, dass sie ihn nicht mehr in den Sendungen wollten. Als Journalist konnte ich das aber natürlich nicht akzeptieren.
Und wer hat Ihnen gesagt, Sie dürften ihn nicht mehr einladen: Berlusconi selbst oder sein Statthalter und Verwaltungsratspräsident Fedele Confalonieri?
Es war nicht so, dass es einen Verwaltungsrats- oder Geschäftsleitungsbeschluss gegeben hätte. Und es hat mir auch niemand direkt ins Gesicht gesagt, ich dürfe ihn nicht mehr einladen. Man hat mir einfach zu verstehen gegeben, dass es nicht mehr erwünscht sei.
Zum Bruch kam es, als Canale 5 «Big Brother» ausstrahlte statt eine Sondersendung zum Tod der Komapatientin Eluana Englaro, wie Sie es wünschten. War das ein politischer oder ein wirtschaftlicher Entscheid des Senders?
Man könnte sagen, es sei ein herzloser Entscheid gewesen. Aber in der Logik des kommerziellen Fernsehens war er absolut folgerichtig. Das ist, wie wenn einer während eines Generalstreiks als Einziger seinen Laden offen halten. Politisch war der Entscheid schon daher nicht, weil Berlusconi Eluanas Fall ja auch ausgeschlachtet hat und von einer Sondersendung hätte profitieren können.
Wie würden Sie den Zustand der aktuellen italienischen Politik beschreiben?
Die Rechte hat eine komfortable Mehrheit und profitiert dabei vor allem von der Schwäche der Linken. Man sollte Ursache und Wirkung nicht verwechseln: Berlusconi hat nicht die Linke verdrängt, sondern die Früchte von ihrer Schwäche geerntet. Die italienische Linke ist hoffnungslos zerstritten. Der einzige gemeinsame Nenner ist das Nein zu Berlusconi, aber das ist kein politisches Programm und hilft nur Berlusconi. Veltronis Versuch, die moderate Linke im Partito democratico zu einen, ist gescheitert.
Und mit ihm auch der Bipolarismus?
Das ist nicht entscheidend. Der Partito democratico ist gescheitert, weil sich die Linke nicht darauf einigen kann, wer sie ist und was sie will.
Berlusconi regiert bereits zum zweiten Mal mit einer bequemen Mehrheit. Man hat aber nicht den Eindruck, dass er viel daraus macht, was dem Land dienen würde.
Es stimmt schon, dass sich sein Reformeifer in Grenzen hält. Allerdings muss man auch die Umstände berücksichtigen. Kurz nach seinem Amtsantritt 2001 geschahen die Attentate in New York, und 2008 kam die Finanz- und Wirtschaftskrise. Zusammen mit der hohen Staatsverschuldung haben diese Ereignisse den Spielraum für Reformen eingeengt.
Sie waren fast dreissig Jahre lang Fernsehjournalist. Fehlt Ihnen der Bildschirm?
Nein, er fehlt mir nicht. Zumal ich in absehbarer Zeit wieder zurückkehren werde.
Es gibt Gerüchte über Ihr Comeback bei Mediaset. Ist da was dran?
Warum sollte ich ausschliessen, zu Mediaset zurückzukehren? Wenn ich ein würdiges Angebot erhalte, nehme ich es an. Würdig heisst nicht, dass ich möglichst viel verdienen will, sondern nach meinen journalistischen Grundsätzen arbeiten kann.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.02.2010, 04:00 Uhr
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5 Kommentare
Der Mann ist ja total indoktriniert. Keinerlei Distanz zu Berlusconi und dem, was im Land geschieht. Wenn sein Vortrag heute Abend so wird, wie dieses Interview, dann viel Spaß. Vielleicht besser zu einem netten Italiener gehen und Zeit und Geld in einen süditalienischen Rotwein inverstieren. Antworten
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