«Das ganze Gerede um Demokratie ist doch die reinste Heuchelei»

Peter Scholl-Latour erklärte seinem deutschsprachigen Publikum die Welt. Aus Anlass seines Todes publizieren wir ein Interview noch einmal, das er DerBund.ch/Newsnet Ende 2007 gab.

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Herr Scholl-Latour, ist Ihnen langweilig, wenn Sie in der Schweiz sind?
Nein, gar nicht. Ich bin gerne in einem Land, das so in sich ruht wie die Schweiz. Ich bin ja hier während des Zweiten Weltkriegs zur Schule gegangen, fünf Jahre in Saint-Michel (dem Jesuitenkolleg im Kanton Freiburg, die Red.). Aber die Schweiz ist natürlich kein Berichterstattungsgebiet. Der Blocher mag hier die Gemüter erregen, aber er ist kein Weltphänomen (lacht).

Was würden Sie denn als aktuelles Weltphänomen bezeichnen?
Den Aufstieg der Schiiten. Sie stellen zwar nur 15 Prozent der islamischen Welt, sind aber konzentriert zwischen dem Hindukusch und dem Libanon. Hier haben sie die Mehrheit und ein beinahe durchgehendes Territorium.

Und seit dem Sturz Saddams ist der schiitische Iran eine regionale Grossmacht.
Er steht im Zentrum und ist dabei, am Persischen Golf die Vormacht zu erobern. Aber auch der Irak ist überwiegend schiitisch. Und der Libanon hat eine Bevölkerung, die beinahe zur Hälfte schiitisch ist. Der Anspruch der Hizbollah, an der libanesischen Politik beteiligt zu sein, ist deshalb durchaus berechtigt.

Aber im Libanon gingen Hunderttausende mit westlicher Gesinnung auf die Strasse.
Mit vielen Fahnen erweckt man rasch den Eindruck, dass die Mehrheit proamerikanisch ist. Doch zahlreiche Libanesen sind Schiiten, etwa 40 bis 45 Prozent. Wer da Fahnen geschwenkt hat, waren die Jungs und Mädchen der besten Gesellschaft.

Welche Rolle spielen die Amerikaner?
Auch sie konzentrieren sich auf die Schiiten. Deshalb hat Präsident George W. Bush auch seine Nahostkonferenz einberufen. Alle arabisch-sunnitischen Staaten, die mit den USA halbwegs verbündet sind, schlottern vor Angst wegen der Schiiten und des Iran. Dies war das eigentliche Thema beim Nahostgipfel in Annapolis, nicht die Israeli und die Palästinenser.

US-Aussenministerin Condoleezza Rice reist aber häufig nach Jerusalem und Ramallah.
Sie ist ein kluges Mädchen, spielt gut Klavier und spricht recht gut russisch, wie man mir in Moskau gesagt hat. Aber vom Orient hat sie keine Ahnung. Auch die Idee, die Potentaten des Orients unter die Regie einer Frau zu stellen, zumal einer schwarzen, ist ein Unding. Die Araber sind Rassisten.

Und das Schicksal der Palästinenser ist ihnen tatsächlich gleichgültig?
Für die Araber ist der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern von zweitrangiger Bedeutung. Die Europäer etwa haben karitativ auch viel mehr getan für die Palästinenser als die ganze Arabische Liga, die ein Sauhaufen ist. Die Saudi sind in erster Linie die Todfeinde der Schiiten. Deshalb waren sie in Annapolis. Gemeinsam mit den Amerikanern versuchen sie nun, eine Front gegen die Schiiten aufzubauen.

Aber Saudiarabien ist alles andere als ein stabiler Partner.
Die Saudi sind offiziell zwar proamerikanisch und machen ständig Konzessionen. Doch die wahabitische Lehre, eine eigentliche Sekte, ist das Intoleranteste, was es überhaupt gibt. Da die Saudi sehr viel Geld haben, können sie diese extreme Form des Islam verbreiten, die mit dem Koran gar nicht vereinbar ist. Sie finanzieren die Moscheen in Westeuropa, in Bosnien, in Afrika. Das wäre an sich nicht schlimm. Aber von hier aus wird diese extreme Form des Islam verbreitet. In Saudiarabien ist sogar das Symbol des Kreuzes verboten. Die Swissair hatte deshalb Probleme in Riad. Sie dürfen keine Bibel dorthin mitnehmen, es darf keine Messe gelesen werden. Dabei leben 800'000 katholische Philippinos als Gastarbeiter, um nicht zu sagen als Sklaven, in Saudiarabien. Dieses Land ist einer der beiden grössten Gefahrenherde überhaupt.

Welches Land ist der andere?
Pakistan. Es hat 170 Millionen Einwohner und neigt zu religiöser Hysterie, weit mehr als etwa die Perser. General Pervez Musharraf ist zwar kein Genie, im Grunde aber ein ganz redlicher Mann. Nun aber hat er seine Schwierigkeiten mit den Islamisten. Und man wirft ihm vor, er sei nicht demokratisch legitimiert. Dafür holt man Schreckensgestalten wie Benazir Bhutto (das Interview wurde vor Bhuttos Ermordung am 27. Dezember 2007 geführt, die Red.) und Nawaz Sharif aus der Schublade heraus

Erhält die Demokratie so nicht eine Chance?
Bhutto und Sharif sind die korruptesten Figuren, die es gibt. Das ist ein Rückfall ins tiefste Feudalzeitalter. Sie haben natürlich ihre Anhänger. Aber das sind brutale Leute, und Musharraf wird geschwächt. Die Armee ist das Rückgrat dieses Staates. Wenn sie gespaltet wird, was jetzt droht, bricht der Staat auseinander. Und Pakistan hat die Atombombe. Das ganze Gerede um Demokratie ist doch die reinste Heuchelei.

Hat der Kreuzzug für die Demokratie von Bush und Blair gar nichts gebracht?
Man hat den Libyer Moammar al-Qadhafi in die Arme geschlossen, weil er sich unterwarf. Dabei war Ghadhafi der einzige Staatschef, der internationalen Terrorismus betrieben hat. Von Nordirland bis zu den Südphilippinen. Mit geringer Wirkung zwar, weil er ein Dummkopf ist, ein Spinner, der in Europa weit überschätzt wird. Aber er war ein Verbrecher. Saddam Hussein hat dagegen den internationalen Terrorismus nicht unterstützt. Er hat allerdings im Innern gewütet und zahllose Leute umgebracht.

Der Sturz Saddam Husseins liegt inzwischen bald fünf Jahre zurück.
Aber der Krieg im Irak ist verloren, und ein geeinter Irak ist nur schwer vorstellbar. Im Moment läuft wieder eine gezielte Desinformationskampagne, wonach sich die Lage beruhigt habe. Dies wird auch bereitwillig aufgenommen. Aus Ignoranz, es geht ja kein Journalist an Ort und Stelle. In der Provinz Anbar aber, dem grossen Zentrum des sunnitischen Aufstands, arbeiten die Sunniten sehr eng mit den Saudi zusammen. Die Stämme sind grenzübergreifend, und beide Seiten fürchten, dass die Schiiten in Bagdad die Macht ergreifen . . .

. . . und die Sunniten verdrängen.
Die sunnitischen Nationalisten sagen sich, dass die Amerikaner noch zwei, drei Jahre da sind. Wenn danach aber die Schiiten erstmals in der Geschichte den Ton angeben, dann ist es aus für die Sunniten. Dann sind sie höchstens noch eine geduldete Minderheit. Deshalb nähern sie sich den Amerikanern an. So kommt es wieder zum alten Bündnis zwischen den saudischen Kräften um Osama Bin Laden und den Amerikanern, um gegen die Schiiten zu kämpfen. Das ist natürlich nicht Bin Laden in Person. Das geht nicht. Aber es ist seine Anhängerschaft. Bin Laden war ja früher ein Rekrutierungsagent der Amerikaner. Aber die haben nichts dazugelernt.

Zumindest scheint ein Angriff auf den Iran heute eher unwahrscheinlich.
Der Iran ist ein relativ stabiles und auch relativ tolerantes Land. Die Frauen sind in führenden Stellungen. Präsident Mahmoud Ahmadinejad ist nicht der einzige Herr im Staat, wie man hier meint. Er hat noch Khamenei über sich, Rafsanjani ist sein innenpolitischer Gegner, sein Vorgänger Khatami spielt auch noch eine Rolle. Es gibt eine Vielfalt an politischen Richtungen, im Parlament wird heftig gestritten. Der Iran ist ein relativ liberales Land im Vergleich zu andern islamischen Staaten.

Was steckte hinter dem angeblich eingestellten Atomprogramm?
Die Iraner wollten die Bombe nie, um Amerika anzugreifen. Das wäre völlig blödsinnig, sie würden von den USA ja ausgelöscht. Zudem haben sie die dazu notwendigen Raketen gar nicht. Zurückschlagen würde auch Israel, das heute etwa 100 Atombomben hat, u. a. auf U-Booten im Indischen Ozean. Von dort aus könnten sie den Iran verwüsten. Jedes Land, das Atomwaffen besitzt, hat sie zur Abschreckung.

Die Rhetorik von Ahmadinejad geht weiter.
Andere haben auch schon so geredet. Abgesehen davon sind die Übersetzungen nicht über alle Zweifel erhaben. Er hat nicht gesagt: «Ich will Israel auslöschen.» Er hat gesagt: «Israel hat keine Existenzberechtigung.» Das hat Khatami auch schon gesagt. Wie alles werden auch die Übersetzungen manipuliert. Ich sympathisiere nicht mit Ahmadinejad. Aber man muss die Kirche, besser die Moschee, im Dorf lassen.

Wie hat sich die Welt verändert, seit Sie als Journalist begonnen haben?
Früher war die Welt viel sicherer. Sie war auch irgendwie zivilisierter, so komisch das auch klingt. 1956 fuhr ich per Autostopp durch die Sahara. Da gab es keine Strassen, nur Pisten. Gegen Bezahlung konnte ich auf Lastwagen mitfahren. Die Chauffeure waren Schwarze oder Araber. Nie kam ich auf den Gedanken, dass mir etwas zustossen könnte. Ich war im Iran zur Zeit von Mossadegh, der Ölfirmen verstaatlicht hatte. Der Aufruhr war gross. Aber ich bekam von den freundlichen Leuten immer zu essen und den besten Platz im Bus. Oder in Lagos, Nigeria, bin ich nachts stundenlang spazieren gegangen. Heute schaffen Sie keine zehn Minuten, ohne überfallen zu werden. Wenn Sie Glück haben, stehen Sie danach noch in der Unterhose da.

Ist es politisch auch schlechter geworden?
Ich habe die Kolonialregimes ja noch kennen gelernt. Damals herrschte viel mehr Sicherheit. 1956 bin ich mit dem Schaufelboot den ganzen Kongo hochgefahren. Heute wäre das extrem gefährlich.

Mitte des 20. Jahrhunderts befreiten sich die Kolonien, es herrschte der Kalte Krieg. Teilen Sie die Einschätzung, dass es heute einen Krieg der Kulturen gibt?
Selbst im kleinen Land Osttimor tobt zwischen Katholiken und Muslimen ein solcher Kampf. Es gibt keine Gemeinsamkeiten. Dasselbe Problem besteht auf den Philippinen

Ist die Türkei ein Beispiel dafür, dass gemässigte Kräfte für eine gewisse Entspannung sorgen können?
Passen Sie auf mit der Türkei. Ich habe das Land 1951 mit dem Bus kennen gelernt. Damals gab es keine Moschee, die offen war, keine Koranschulen, Sie sahen in der Stadt keine Frau mit einem Kopftuch. Die Armee wachte darüber, dass der Laizismus eingehalten wurde. Es durfte kein Muezzin zum Gebet rufen. Heute schiessen in der Türkei dagegen die Minarette überall aus dem Boden. Man kann den Türken jedoch nicht vorwerfen, dass sie zum Islam zurückfinden. Aber da werden noch viele Konzessionen gemacht werden.

Welche Rolle spielt die türkische Armee?
Sie stellte früher die europäische Ausrichtung der Türkei sicher. Wenn ein Offizier in der Moschee gesehen wurde, flog er aus der Armee. Ebenso ein Offizier, dessen Frau ein Kopftuch trug. Der Einfluss der türkischen Generäle im Nationalen Sicherheitsrat entspricht aber nicht unseren demokratischen Vorstellungen. Also fordert die EU immer wieder, dass die Militärs entmachtet werden. Dabei sind sie der letzte Widerstand gegen die Re-Islamisierung der Türkei.

Soll die Türkei in die EU integriert werden, um dies zu verhindern?
Ich bin ein deklarierter Gegner des türkischen Beitritts. Heute gibt es 70 Millionen Türken, und bald werden es 100 Millionen sein. Damit wäre die Türkei mit Abstand der stärkste Staat Europas. Dabei gehört die Türkei gar nicht zu Europa. Ich habe nie Schwierigkeiten gehabt, wenn ich dies den Türken sagte. Man muss nur nicht so besserwisserisch auftreten wie die Amerikaner und die Europäer. Frau Merkel zeichnet sich da besonders aus. Mit erhobenem Finger weist sie immer auf die Menschenrechte hin.

Wie sehen Sie die türkische Zukunft?
Die Türken sind die Erben eines Grossreichs. Die standen einst vor Wien, sie belagerten Malta. Sie haben den ganzen Orient beherrscht. Ihr Einfluss reichte bis nach China, die Uiguren sind ja auch Türken. Ich sage ihnen immer, sie seien ein eigenes gleichberechtigtes Imperium, das sich nicht Europa anzuhängen brauche, zumal Europa seit der Osterweiterung geschwächt ist. Umso mehr wäre die Türkei ein möglicher Partner für die EU. Ich meine nicht die so genannte privilegierte Partnerschaft von Angela Merkel. Das wollen die Türken nicht mehr hören. Ich denke an ein Bündnis.

Was erwarten Sie im Nordirak, wo ja die Türkei ihre Ansprüche geltend macht?
Das Lage ist sehr heikel, weil die Kurden im Nordirak die Verbündeten der Amerikaner waren. Die USA sind aber auch auf den türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik angewiesen, weil sie sehr verwundbar geworden sind. Von dort kommt das Gros des Nachschubs ins Land. Über Aqaba in Jordanien kommt nicht viel, Basra im Südirak ist so gut wie zu, die Briten sind nur noch am Flugplatz, den Hafen kontrollieren sie nicht mehr.

Erwarten Sie, dass der Konflikt im Nordirak eskaliert?
Wenn die irakischen Kurden Kirkuk mit seinen grossen Erdölvorräten für sich gewinnen, wird die Türkei militärisch intervenieren. Und die Amerikaner würden dann definitiv realisieren, dass man nicht gleichzeitig ein Freund der Türken und ein Freund der Kurden sein kann.

Sind die USA in der Lage, all die erwähnten Brandherde zu löschen?
Nein, sie versagen ja überall. Das liegt nicht daran, dass sie dumm wären. Aber sie sind dem asymmetrischen Krieg nicht gewachsen. Sie haben mit der Luftwaffe und der Navy technische Wunder vollbracht, zum Beispiel den Stealth-Bomber. Deswegen ist Amerika technisch auch immer noch führend, weil das Geld in die Rüstung fliesst, die ein Instrument der technischen Weiterentwicklung ist. Aber militärische Erfolge können sie nicht mehr vorweisen.

Aber die USA sind doch seit dem Zweiten Weltkrieg eine militärische Supermacht.
Doch bereits der Koreakrieg hat mit einem Patt geendet, Vietnam verloren sie. Und seither ist jede Operation schief gegangen, sogar Somalia. Gut, sie haben den General Noriega in Panama stürzen können. Aber es war ein Riesendurcheinander. Auch in Nicaragua haben sie mit ihren Contras ein USA-höriges Regime installiert. Aber inzwischen sind die Sandinisten wieder an der Macht. Dann der Hugo Chávez. Ich überschätze ihn nicht. Aber er vertritt eine neue Kategorie Führer, die in Lateinamerika an die Macht gekommen ist.

Bedauern Sie den Machtverlust der USA?
Wir haben mit den Amerikanern gute Erfahrung gemacht. Sonst wären wir unter die Knute der Nazis oder der Sowjets gekommen. Harry Truman war ein grosser Präsident, der Marshall-Plan und der Atlantikpakt herausragende Leistungen. Ich bin auch heute noch für den Atlantikpakt. Nur die Organisation des Atlantikpakts, die Nato, entspricht überhaupt nicht mehr den Bedürfnissen der Zeit, auch nicht den Bedürfnissen der Europäer.

Ist eine Pax Americana, eine von den USA durchgesetzte Friedensordnung, trotzdem wünschenswert?
Die Pax Americana wäre nicht das Schlechteste. Sie würde aber auf der amerikanischen Form des Parlamentarismus sowie einer hemmungslosen Marktwirtschaft gründen. Das funktioniert aber eben nicht. Das sieht man in Asien: Während Vietnam unter kommunistischer Herrschaft ein blühendes Land wird, haben die Philippinen Probleme. Dort wurde das amerikanische Modell übernommen. Es herrscht zwar immer noch eine Oligarchie, aber man huldigt dem Stimmzettel-Fetischismus der Amerikaner. Und die absolut freie Wirtschaft geht natürlich auf Kosten der armen und kleinen Leute.

Trotz der segensreichen Globalisierung?
Ich bin kein Attac-Anhänger. Aber da diese Globalisierungs-Gurus immer nur falsch liegen, wirklich in allem, äussere ich mich auch zu wirtschaftlichen Dingen. Die Briten initiierten mit ihrem Imperium eine weit wirksamere Globalisierung als heute die Amerikaner. Damals gab es den Spruch des Matrosen, der den Finger ins Meer taucht und sagt: Schmeckt salzig, muss britisch sein. Ganz zu schweigen von der Wirkung des Römischen Reichs oder jenem von Karl V. Dessen Instrument war die katholische Kirche. Vor allem haben die Amerikaner bei ihrer Globalisierung nicht bedacht, dass sie nicht ihnen selbst, sondern den Chinesen zu Gute kommt. Die sind ja heute überall, sogar in Afrika.

Auch Europa hat Afrika wieder entdeckt. Kann die EU zur globalen aussenpolitischen Kraft werden?
Wirtschaftlich geht es ganz gut, der Euro steht fabelhaft. Doch Europa hat keine Strategie. Mit 27 Staaten können Sie keine Aussenpolitik machen und keine Verteidigung organisieren. Das ist grotesk. Die Engländer wollen nicht, die Italiener sind nicht so schlecht, wie man immer sagt. Aber sie sind keine treibende Kraft. Die Spanier haben eine zu eigenwillige Position. Der Impuls müsste vom deutsch-französischen Kern ausgehen. Aber dafür hat die jetzige Kanzlerin keinen Sinn, weil es ein karolingisches Projekt ist. Merkel kommt aber aus der Okermark. Und bis dahin ist Karl der Grosse nicht gekommen. Im vergangenen Sommer erschien Merkel in Heiligendamm als die mächtigste Frau Europas. Aber sie tanzte nur einen Sommer. Dann kam Nicolas Sarkozy. Der machte ihr zwar eine grosse Liebeserklärung, wird ihr aber ganz sicher nicht die Führung Europas überlassen.

Wird Nicolas Sarkozy eher eine französische oder eine europäische Aussenpolitik verfolgen?
Das ist noch nicht zu erkennen. Aber er hat Merkel zumindest in Amerika ausgestochen. Wahrscheinlich liebt Bush die Kanzlerin heiss und innig, nur ist er nicht mehr lange Präsident.

Wen wünschen Sie sich als seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin?
Im Moment sieht es nach Hillary Clinton aus. Aber auch sie hat schon sehr kriegerische Erklärungen abgegeben. Ganz gut kenne ich Senator John McCain, ein ehrenwerter und netter Mann. Aber der geht jetzt auch auf die radikale Seite und will Bush rechts überholen. Es hat sich psychologisch in den USA einiges verändert. Der religiöse Fundamentalismus der Evangelikalen ist heute mächtiger als früher.

Hat George W. Bush das Land so stark geprägt?
Nein. Er selber wurde getragen von dieser Welle. In seiner Jugend war er ja ein Tunichtgut, ein schwerer Alkoholiker. Dann hatte er seine Erleuchtung und wurde wieder geboren. Und seither glaubt er an seine göttliche Mission. Deswegen ist nicht auszuschliessen, dass er doch noch einen Krieg gegen den Iran anfängt, obwohl dies wirklich allen strategischen und wirtschaftlichen Interessen der Amerikaner zuwiderlaufen würde.

Aus der weiten Welt zurück in die Schweiz: Sehen Sie eine aussenpolitische Rolle für unser kleines Land?
(Lacht) Bleibt so, wie ihr seid, solange wie ihr könnt. Vielleicht ist es vernünftig, irgendwann in die Eurozone reinzugehen. Aber wartet noch ein bisschen ab. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.08.2014, 17:15 Uhr)

«Ich gehe nicht irgendwohin, um Abenteuer zu erleben»

Herr Scholl-Latour, Sie sind eine Reporterlegende. Wie wird man das?
Das Wort Legende sollte man besser erst anwenden, wenn ich im Grab liege. Sie müssen also noch ein bisschen warten.

Seit Jahren bewegen Sie sich auf Kriegsschauplätzen. Hatten Sie je Angst?
Angst ist ein Selbsterhaltungstrieb, ein ein ganz gewöhnlicher Instinkt. Wer keine Angst hat, kommt um. Ich bin nicht ängstlich veranlagt, aber die Angst ist unentbehrlich, um zu überleben.

Wann haben Sie um Ihr Leben gefürchtet?
(Überlegt.) Ich war in etlichen Situationen, bei denen man umkommen kann. Aber wenn Sie Auto fahren, können Sie auch umkommen. Ich war aber immer froh, wenn ich eine schwierige Situation heil überstanden hatte.

Wie zum Beispiel 1973, als Sie vom Vietcong gefangen genommen wurden?
Das war gar nicht so gefährlich, da ich die Vietnamesen kannte. Ich wusste, dass uns da nicht viel passieren würde. Schlimm wäre nur gewesen, wenn wir nach Hanoi hätten marschieren müssen. Da kann man vor Erschöpfung sterben. Wären wir hingegen in Kambodscha den Roten Khmer in die Hände gefallen, hätten wir keine Chance gehabt. Auch in Afrika war es gefährlich, etwa während der Aufstände der Mai-Mai im Kongo. Dagegen sind die Vietnamesen zivilisierte Leute.

Wie gerieten Sie in deren Gefangenschaft?
Niemand wusste, wo in Südvietnam welche Truppen waren. Ich wollte deshalb erkunden, wo sich der Vietcong aufhielt und traf dann auf reguläre nordvietnamesische Truppen. Wir waren mit den Autos unterwegs und stiessen auf ein Schild mit dem Zeichen des Vietcong. Ich wollte gerade wenden, als die Soldaten bereits mit ihren Kalaschnikows aus dem Gebüsch traten. Wir mussten uns ruhig verhalten. Ich gab dem Nächststehenden die Hand. Der musste dafür schon mal sein Gewehr aus der Hand nehmen und konnte deshalb nicht schiessen. Sie waren sehr höflich. Sie nahmen meinen Mitarbeitern die TV-Kameras ab und gaben uns dafür sogar eine Quittung.

Haben Sie als Journalist davon profitiert, dass Sie zuvor bereits mit der französischen Armee in Indochina waren?
Als deutsch-französischer Doppelbürger diente ich zwei Jahre in einer französischen Fallschirmeinheit. Wir gehörten zu den ersten Franzosen, die in Vietnam landeten. Die Erfahrung des Partisanenkriegs hat mich stark geprägt und kam mir als Journalist immer zugute. Auch heute haben wir es mit Partisanenkriegen zu tun, obwohl Israeli und Amerikaner vom asymmetrischen Krieg reden. Ich kenne nichts anderes. In konventionellen Schlachtkategorien habe ich nie gedacht.

In welchem Land waren Sie noch nie?
Nur in einem einzigen, Ost-Timor. Aber für nächstes Jahr habe ich bereits eine Reise dorthin gebucht. Ich werde dort meinen 84. Geburtstag feiern. Sehr attraktiv ist es wohl nicht, kulturell aber hoch interessant. Aber ich will mir kein Urteil erlauben, bevor ich nicht dort gewesen bin.

Sind Sie durch Ihren Beruf zum Pessimisten oder gar zum Zyniker geworden?
Weder noch. Ich versuche Realist zu sein, vor allem angesichts der Desinformationswelle, die über uns hereinbricht. Ein verrücktes Beispiel war kürzlich diese Nahost-Konferenz in Annapolis. Da wurden wir einmal mehr an der Nase herumgeführt. Nichts ist dabei herausgekommen. Gewisse Zeitungen schrieen aber schon wieder «Hurra».

Sie berichteten meistens aus dem Krieg. Sind Sie süchtig nach dem Nervenkitzel?
Nein. Ich finde es einfach interessant. Es ist wie ein spannender Roman, der sich jeweils vor mir abspielt. Ich gehe aber nicht irgendwohin, um Abenteuer zu erleben. Und bevor ich in ein Krisengebiet reise, mache ich meine Schularbeiten.

Was halten Sie von Journalisten, die sich bei den US-Truppen einbetten lassen?
Überhaupt nichts. Das ist Zensur. Die Journalisten werden dorthin geführt, wo die Iraker oder Afghanen den amerikanischen Truppen gegenüber gerade freundlich gesinnt sind. Das ist eine gezielte Irreführung.

Welchen Konflikt haben Sie als den brutalsten in Erinnerung?
Die Nazis waren sehr schwer zu übertreffen. (rs/chm)

Peter Scholl-Latour im Gespräch mit Christof Münger (l.) und Res Strehle (r.) (Bild: Thomas Burla / TA)

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Peter Scholl-Latour

Er kennt die Welt wie kaum ein zweiter: Peter Scholl-Latour, 1924 in Bochum geboren, ist seit 60 Jahren unterwegs und berichtet über Krisen und Kriege. Bereits als Bub lernte er die Schweiz kennen: Seine Eltern schickten den 12-Jährigen 1936 ins Jesuitenkolleg Saint-Michel im Kanton Freiburg, um ihn vor den Nazis zu schützen. Gegen Kriegsende wollte er sich Titos Partisanen anschliessen, geriet aber in die Fänge der Gestapo. 1945 meldete sich der deutsch-französische Doppelbürger beim französischen Commando Parachutiste Ponchardier für den Krieg in Indochina. Zurück in Paris, studierte und promovierte Scholl-Latour an der Sorbonne in Politologie und Islamkunde.

Seither ist er als Journalist tätig. Für die ARD berichtete er über die Unruhen im kolonialen Afrika. Von Paris aus, wo er von 1963 bis 1969 das ARD-Studio leitete, reiste er regelmässig als Korrespondent nach Vietnam. In den 70er-Jahren war er WDR-Programmdirektor, dann für das ZDF wieder in Paris. 1983 stieg er beim «Stern» ein, als Chefredaktor und Herausgeber.

Heute zählt Peter Scholl-Latour zu den erfolgreichsten deutschen Sachbuchautoren. In seinem neuestes Werk «Zwischen den Fronten» führt er den Leser von New York über Bagdad bis nach Peking. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Autobiografie, wie Scholl-Latour im Vorwort betont. Deren Niederschrift stehe erst an, wenn ihn sein Gesundheitszustand «zur benediktinischen Tugend der ‹stabilitas loci›» verurteile. Peter Scholl-Latour besuchte die Schweiz auf Einladung des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI).

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