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Das Ende der Show
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Breivik brüstete sich am Prozesstag mit seinen Taten
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«Das war es wohl.» Der Gesichtsausdruck des geständigen Massenmörders Anders Behring Breivik sprach zum Ende des zweiten Prozesstages Bände: bleich, zerknittert und verzweifelt wirkte der 33 Jahre alte Rechtsextremist nach sechs intensiven Stunden im Gerichtssaal 250, die gemäss Prozessdrehbuch eigentlich ganz ihm gehören sollten.
«Ich habe Fehler gemacht und meine Strategie geändert», sagte Breivik gleich zu Beginn seiner fast 70 Minuten langen «Grundsatzrede» am Vormittag, mit welcher er seine Bluttaten vom 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utöya als «ersten kleinen Schritt auf dem Weg zu einem europäischen Bürgerkrieg» charakterisierte. Statt des wie in seinem sogenannten Manifest angekündigten «kreuzritterlichen Propagandafeldzugs» gestaltete sich der gestrige Tag im Osloer Amtsgericht zur definitiven Dekonstruktion des «Mythos Breivik», wie ihn eine norwegische Tageszeitung noch vor wenigen Tagen umschrieben hatte.
Wikipedia-Autodidakt
Mit schwacher Stimme, zitternden Händen und zugekniffenen Augen las Breivik von seinen Papieren ab. Mit einer in sich logischen Rede sollte, so hatte der Verteidiger des Massenmörders Geir Lippestad am Vorabend angekündigt, das Gericht davon überzeugt werden, dass es sich bei Breivik nicht um eine psychotisch-schizophrene Person handelt, sondern um einen politisch denkenden, rationalen Menschen.
Die Rede zeigte: Hier versuchte ein schwer gestörter, fanatischer Mann aufzuzeigen, was er sich auf Wikipedia und anderen Internetquellen alles zusammensuchen kann, um zu belegen, dass Europa «seit dem Ende des nationalistischen Zeitalters 1945 von einer diktatorischen Konspiration der Multikulturalisten und Sozialdemokraten geführt wird».
Breivik fand die Anschläge «brutal, aber notwendig»
Kaum jedoch hatte er die Vorzüge des zerstörerischen Hitlerregimes als «letzte wahre Demokratie» gerühmt, nannte Breivik sodann das Schweizervolk als vorbildlich in seinem «Volksentscheid gegen den Bau von Minaretten». Mehr noch: Obwohl Breivik in seinen Ausführungen wiederholt die «Masseneinwanderung aus Asien» als grösstes Übel bezeichnete, nannte er wenige Sätze später Länder wie «Taiwan, Südkorea, Japan und China» als «perfekteste Beispiele» dafür, dass moderne Demokratien auch heute noch möglich seien.
Da ihm ursprünglich für seine Rede höchstens 30 Minuten eingeräumt worden waren, wurde Breivik in der zweiten Hälfte seiner Präsentation wiederholt durch Richterin Wenche Elizabeth Arntzen unterbrochen und aufgefordert, auf den Punkt zu kommen. Doch einen solchen Punkt gab es nicht, und Breivik verirrte sich in immer neuen losen Zitaten, unsauber recherchierten Fakten und undeutlichen Hinweisen auf «meine Gesinnungsgenossen» im In- und Ausland: Konkret vermochte Breivik letztlich nur gerade zwei schwedische Nazimörder sowie die im letzten Winter aufgedeckte Zwickauer Terrorzelle als Partner zu nennen: «Wir sind die Einzigen, die uns gegen den Untergang Europas einsetzen.» Er betonte schliesslich, dass die «Anschläge vom 22. Juli brutal, aber notwendig waren» und er «deshalb sofort freigelassen werden» solle.
Breivik konnte weder Netzwerke, die er mitbegründet haben soll, noch absolvierte Ausbildungen belegen
War die morgendliche Rede ein propagandistisches Desaster, so belegte die nachmittägliche Befragung durch Staatsanwältin Inga Bejer-Enge, wie schwach die Rechtfertigungslinien des durch das jahrelangen Spielen von Onlinekriegsgames geprägten «Kreuzritters» sind: So sollen Breivik zum Beispiel persönlich erlittene Gewalttaten durch «muslimische Extremisten» dazu bewogen haben, den bewaffneten Kampf aufzunehmen.
Weder solche Übergriffe noch irgendwelche organisatorischen Netzwerke, die er mitbegründet haben soll, oder Ausbildungen, die er absolviert haben will, konnte Breivik belegen. Zum Ende der Befragung sagte Breivik enttäuscht: «Ich kann verstehen, wenn mir niemand glaubt, aber das ist so in einer Gesellschaft, die zu 100 Prozent von marxistischen Medien dominiert wird.»
Schulbub und Monster
Zeitweise wirkte Breivik derart hilflos, dass die Staatsanwältin einen Ton anschlug, der schon beinahe Mitleid ausdrückte, und sie behandelte den Massenmörder wie einen kleinen Schulbuben. Dabei blieb der zweite Tag im zehnwöchigen Prozess die Antwort auf die Frage schuldig, wie er letztlich jenes Monster werden konnte, als das er am 22. Juli auftrat und – so Breivik in einem Anflug an Selbstlob gestern – «die spektakulärste Operation in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg» durchführte.
Was Breiviks «Fehler» und «Strategiewechsel» betreffen, dachte er keineswegs an die begangenen Bluttaten, selbst wenn er einmal sagte, dass «er das von ihm ausgelöste Leid nicht abschätzen könne», sondern die ursprünglich gewählte Rhetorik: Nach seiner Verhaftung nannte er sich nämlich «Oberkommandant der norwegischen Widerstandsbewegung» und sprach von «zahlreichen Terrorzellen im ganzen Land, die jederzeit zuschlagen könnten.
Die gross angekündigte und von vielen befürchtete Breivik-Show blieb aus
«Diese Luftschlösser», so Breivik, «drohen mich in die Klappsmühle zu bringen.» Er betonte, dass er mit einer «gemässigteren Rhetorik vielleicht ernster genommen» würde. Daraus wurde nichts, die gross angekündigte und von vielen befürchtete Breivik-Show blieb aus.
Die norwegische Taktik der möglichst grossen Transparenz und demokratischen Rechtsstaatlichkeit im Umgang mit einem erklärten Feind dieser Ordnung ist aufgegangen: Nach nur zwei Prozesstagen steht Anders Behring Breivik – der selbsternannte «Kaiser des norwegischen Urvolkes» nackt da. Nur: Damit ist die Tragödie nicht rückgängig zu machen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.04.2012, 10:47 Uhr
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