Ausland

«Bei Negativszenarien muss man vom Schlimmsten ausgehen»

Von Robert Mayer. Aktualisiert am 02.11.2011 85 Kommentare

Auch das griechische Kabinett will eine Abstimmung über das EU-Rettungspaket. Die Kritik aus dem Ausland hält jedoch an: Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone sei wahrscheinlicher geworden, sagt Credit-Suisse-Ökonom Oliver Adler.

Das Kabinett im Rücken, das Ausland gegen sich: Auch die Europäische Zentralbank wird Papandreou kaum mehr Geld leihen.

Das Kabinett im Rücken, das Ausland gegen sich: Auch die Europäische Zentralbank wird Papandreou kaum mehr Geld leihen.
Bild: Keystone

«Die Reaktion der Märkte scheint nachvollziehbar»: Oliver Adler ist seit Dezember 2009 Leiter der internationalen Volkswirtschaftsanalyse bei der Credit Suisse. (Bild: PD)

Deutschland versteht Griechen nicht mehr

Eigentlich hat das politische Berlin auf ein paar ruhige Tage gehofft. Nach dem Eurogipfel von vergangener Woche schien die Gemeinschaftswährung fürs Erste gerettet. Europa habe bewiesen, dass es handlungsfähig sei, verlautete aus dem Kanzleramt. Am G-20-Treffen vom Donnerstag könne sich der Kontinent selbstbewusst präsentieren.

Daraus wird nun wohl nichts. Die überraschende Referendumsankündigung des griechischen Premiers hat die deutsche Regierung auf dem falschen Fuss erwischt. Offenbar ist sie nicht vorab informiert worden. Es handle sich «um eine innenpolitische Entwicklung in Griechenland, über die der Bundesregierung bisher keine offiziellen Informationen vorliegen», hiess es in einer Stellungnahme am späten Montagabend. Kanzlerin Merkel telefonierte am Dienstag mit dem französischen Präsidenten, Nicolas Sarkozy. «Deutschland und Frankreich sind entschlossen, die vollständige und umgehende Umsetzung der Gipfelentscheidungen zu gewährleisten, die heute notwendiger sind denn je», hiess es darauf in einer gemeinsamen Erklärung. Schon heute findet in Cannes ein Krisentreffen statt. Mit dabei: Merkel, Sarkozy, mehrere internationale Institutionen – und Vertreter der Griechen.

Hinter der diplomatischen Fassade scheint es zu brodeln. Merkels Koalitionspartner lässt erkennen, wie tief die Verärgerung über Papandreous Schachzug ist. Die Griechen verhielten sich «merkwürdig», sagte FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle. Es sehe so aus, als wolle sich Athen aus Zusagen herauswinden. Und es könne nicht sein, dass Griechenland die eigene Misere nicht bekämpfe, aber auf europäische Hilfe hoffe.

«Riskant, aber mutig»

Noch drastischer äusserten sich deutsche Bankanalysten. Einer bezeichnete den Schritt des griechischen Premiers als «Selbstmord», ein anderer sagte, die Geduld der internationalen Gemeinschaft sei langsam zu Ende. Sollte Griechenland die abgemachten Reformen nicht durchführen, werde es kein Geld mehr bekommen. Genährt wird der deutsche Frust vom Gefühl, der Zahlmeister Europas zu sein – und dafür nicht den nötigen Dank zu bekommen. Die Boulevardpresse berichtet seit Monaten in empörtem Ton über antideutsche Proteste in Athen. «Hat der Griechen-Premier uns alle verarscht?», titelte gestern die Onlineausgabe der «Bild». Auch viele Politiker sind der Ansicht, deutsche Hilfe könne es nur gegen entsprechende Gegenleistungen geben. Wenn sich die Empfängerländer nicht an die Vorgaben hielten, müsse das Konsequenzen haben.

Die Nachrichten aus Athen haben diese paternalistische Grundstimmung verstärkt. CDU-Innenpolitiker und EuroRebell Wolfgang Bosbach forderte gestern bereits einen Stopp der Hilfszahlungen an Griechenland. Solange völlig offen sei, wie es politisch weitergehe, könne Athen nicht ständig weitere Milliardenhilfen erwarten.

Verständnis für Papandreou gab es aus dem linken Lager. Der griechische Premier gehe einen «riskanten, aber mutigen Weg», sagte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Der Grüne Jürgen Trittin lobte den griechischen Premier ebenfalls für seinen «Mut, die Bevölkerung in einer sehr riskanten Abstimmung von der Notwendigkeit des Reformprogramms zu überzeugen».

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Korrektur-Hinweis

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Die Märkte haben fast schon panisch auf die Ankündigung eines Referendums in Griechenland reagiert – zu Recht?
Die Reaktion der Märkte scheint mir für einmal nachvollziehbar. Der überraschende Entscheid des griechischen Premiers hat die Unsicherheit mit einem Schlag wieder drastisch erhöht, nachdem der Eurogipfel von Mitte letzter Woche wenigstens bei der Umschuldung Griechenlands einen wichtigen Schritt vorwärtsgekommen war. Jetzt steht die Angst vor einem unkontrollierten Schuldenausfall erneut im Raum – dieses Szenario fürchten die Marktakteure weitaus am meisten.>

Angenommen, die Griechen lehnen die Beschlüsse des Eurogipfels tatsächlich ab, ist dann ein Staatsbankrott unausweichlich?
Ich bin mir über einen solchen Abstimmungsausgang gar nicht so sicher. Den Griechen dürfte noch bewusst werden, dass die Konsequenzen bei einem Nein für sie weitaus dramatischer sind als für die übrige Welt. Nehmen wir die gut 200 Milliarden Euro, die Griechenland ausländischen Privatgläubigern schuldet: Müssten sie im Falle einer Staatspleite von den übrigen Euroregierungen übernommen werden, ist das zwar optisch eine riesige Summe, doch im Vergleich zur Wirtschaftsleistung der Eurozone entspricht sie nur 3 Prozent.

Und wenn beim Referendum doch ein Nein herauskommt?
Dann ist ein unkontrollierter Staatsbankrott eher wahrscheinlich, wenn auch nicht zwingend. Nach einem Nein gibt es zwei Optionen: Entweder spricht man nicht mehr miteinander, oder man kehrt an den Verhandlungstisch zurück. Letzteres wäre doch noch möglich, schon weil die griechische Bevölkerung laut Meinungsumfragen in der Eurozone verbleiben will. Im Übrigen ist Griechenland ja heute schon de facto bankrott. Nur sagt das keiner so klar, und man gibt dem Land weiter Kredit, um eine unkontrollierte Insolvenz zu vermeiden.

Müsste Griechenland bei einem negativen Abstimmungsausgang aus der Eurozone austreten, wie von verschiedenen Politikerstimmen zu hören ist?
Ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion ist mit der Ansetzung des Referendums sicher wahrscheinlicher geworden. Falls sich das Land im Zuge der Volksbefragung um die am Eurogipfel eingegangenen zusätzlichen Sparvorgaben foutieren sollte, wird es wohl von allen Krediten aus dem Ausland abgeschnitten. Auch die Europäische Zentralbank wird den griechischen Banken kaum mehr Geld leihen. In einem solchen Fall bleibt keine andere Wahl mehr als das Ausscheiden aus der Eurozone.

Ein Austritt aus der Eurozone, so heisst es, sei überhaupt nicht vorgesehen und geregelt. Kann Griechenland dem Euro tatsächlich einfach so den Rücken kehren?
Ein einseitiger Entscheid Griechenlands zum Austritt ist durchaus möglich. Das Parlament kann beschliessen, die Mitgliedschaft zur Eurozone aufzukündigen und eine neue Währung einzuführen. Die griechische Notenbank wird diesen Entscheid dann umsetzen müssen. Ein solcher Übergang würde aber unweigerlich in ein Chaos münden, ähnlich oder noch schlimmer wie das 2001/2002 in Argentinien der Fall war. So müssten für gewisse Zeit alle griechischen Bankkonten gesperrt werden, um die Kapitalflucht zu unterbinden.

Was muss jetzt angesichts der neuen Verunsicherung in den Märkten getan werden, um eine weitere Eskalation abzuwenden?
Am wichtigsten ist, sich für mögliche Negativszenarien zu wappnen, und dabei muss man leider vom Schlimmsten ausgehen. Vor allem müssen jetzt andere Euroländer vor einer Ansteckung geschützt werden, wobei Italien im Fokus steht. Dazu bedarf es drastischer Massnahmen, erst mal von Italien selbst mit Blick auf seine dringend sanierungsbedürftigen Staatsfinanzen. Ferner müssen die Mittel des Eurorettungsfonds EFSF massiv aufgestockt werden ...

... dazu hat der jüngste Eurogipfel auch Beschlüsse gefasst.
Die dort beschlossene Versicherungslösung – mit einer Verlustabdeckung der ersten 20 bis 30 Prozent auf neu herausgegebenen Staatsanleihen im Falle einer Insolvenz – halte ich aber für Augenwischerei. Da Deutschland seine Garantien für den EFSF nicht weiter erhöhen will, bleibt als einzige Option nur mehr eine Mittelzufuhr von aussen. Dies am ehesten über den Internationalen Währungsfonds, weil potenzielle Kreditgeber wie China offenbar nur über diesen indirekten Weg zu einem Engagement bereit sind. Gefordert ist schliesslich auch die Europäische Zentralbank: Sie muss ihre Aufkäufe von Staatsanleihen am Markt fortsetzen, wenn nötig weit über das bisher zurückhaltende Mass hinaus.

Morgen Donnerstag beginnt der G-20-Gipfel der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer in Cannes. Welches Signal müsste von dort in der jetzigen Lage ausgehen?
Es wäre auf jeden Fall äusserst hilfreich, wenn sich die G-20 auf eine wie auch immer geartete Mittelaufstockung beim Währungsfonds verständigen könnte. Da sich die USA gegen eine direkte Kapitalerhöhung sperren, müsste dies eben indirekt geschehen, etwa über ein vom IWF und anderen staatlichen Kreditgebern gesponsertes Vehikel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2011, 19:49 Uhr

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85 Kommentare

Sabrina Meier

02.11.2011, 07:45 Uhr
Melden 58 Empfehlung

Würden in sämtlichen EURO-Länder Volksabstimmungen, über den Verbleib ihres Landes in der EURO-Zone, durchgeführt werden, dann wären mindestens die Hälfte dieser Länder nicht mehr in der EURO-Zone dabei. Antworten


Catherine Hafner

02.11.2011, 08:56 Uhr
Melden 42 Empfehlung

Die EU hat Griechenland und Europa zerstört. Hoffentlich sagt das griechische Volk Nein. Man sollte die EU abschaffen, diese arrogante Politiker entlassen und endlich die Staaten frei geben aber man will eben keine freie Staaten sondern eine Weltdiktatur. Soziale Unruhen werden zunehmen, Chaos, damit die Völker gezwungen werden die Neue Welt Ordnung zu akzeptieren. Antworten



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