Ausland

Aufmarsch gegen die Politiker

Von Martin Läubli, Kopenhagen. Aktualisiert am 14.12.2009

Proteste in Kopenhagen sind laut und gut geplant. Es gibt aber auch ruhige Momente. Protokoll eines Wochenendes.

Polizeiaufmarsch in Kopenhagen.

Polizeiaufmarsch in Kopenhagen.
Bild: Keystone

Der «Action-Guide» führt den Aktivisten gründlich in die Kunst des Demonstrierens ein: Es braucht gute Schuhe, damit man weglaufen kann. Ersatzkleider sind von Vorteil, falls die Polizei Pfefferspray und andere Chemikalien einsetzt. Energieriegel werden empfohlen. Die Notfallnummer ist auf der Haut zu notieren. Und ganz wichtig: kein Messer auf sich tragen, auch kein Schweizer Armeemesser. So etwas provoziert die Polizei. An die Frauen gerichtet: kein Make-up auftragen, das verstärkt den Effekt von Tränengas.

Die Regeln hat das Climate Collective zusammengetragen. Das Kollektiv ist ein breites Netzwerk von Aktionsgruppen mit der Basis in Dänemark. Es will «die Klimakatastrophe verhindern» und ist für die gesamte Logistik aller grossen Aktionen während der Klimakonferenz verantwortlich, und es unterstützt Ideen, die zu «neuen Lebensformen» führen und die «destruktive Wachstumsphilosophie des Kapitalismus ausschalten».

Samstag, 12. Dezember, 13 Uhr: Global Day of Action. Es ist sonnig, aber bitterkalt. Die Musik dröhnt über den Platz des Parlaments. Mannshohe Pandas wippen im Takt der Musik. Die Demonstranten marschieren aus allen Richtungen zum Besammlungsplatz. Kein «Blabla» endlich «Action», fordern sie auf den Tafeln. Andere fallen durch ihre Rettungsringe auf. Die Jungsozialisten sind mit roten Fahnen da. Tibeter protestieren gegen schmelzende Gletscher. Junge schwarz Gekleidete stolzieren durch die Reihen – ohne Botschaft. Der schwarze Block wird vermutet. Es wird geredet, aufgerufen, die Stimmung ist aufgeheizt. Um 14.30 Uhr setzt sich der Tross in Bewegung. Das Ziel: das Konferenzzentrum Bella Center, wo diese Woche Minister und Staatshäupter über die Zukunft des Klimaschutzes entscheiden. Die Polizei wird später von 30 000 Demonstranten sprechen, die Organisatoren von 100 000, etwa 400 werden verhaftet, die meisten angeblich vom schwarzen Block.

Samstag, 12. Dezember, 22.30 Uhr: After-Party im Klimaforum 09 hinter dem Hauptbahnhof. Hier ist die Konferenz für das Volk mit Ausstellungen und Vorträgen, ein Treffpunkt für die Stadtbevölkerung, vor allem aber für junge Umweltaktivisten. Demonstranten füllen allmählich das Zentrum. Sie sind erschöpft. Sie kauern und liegen, diskutieren und schlafen. Eine Deutsche ärgert sich über den grundlosen Polizeieinsatz. «Da war keine Aggression, alles lief friedlich, die Medien werden wieder nur von den Verhaftungen schreiben.» Und nicht von der weltweiten Solidarität, für die eine junge Französin aus Paris angereist ist.

Ein Deutscher hätte den Politikern nächste Woche gerne seinen Vorschlag zur Rettung der Welt unterbreitet, doch sein Bus fährt schon am Sonntag, für 30 Euro geht es nach Hause. In der Halle wummern die Lautsprecher, der DJ treibt an, doch die Stimmung bleibt dumpf. Dafür fliesst reichlich Bier.

Sonntag, 13. Dezember, 8.30 Uhr: Meditation im gelben Saal des Klimaforums. Eine Handvoll ist zur täglichen Besinnung gekommen. Es geht um Ereignisse, die stark machen. Man erzählt von seinen Erfahrungen. «Viele haben Angst, dass auf der Konferenz nichts passiert», sagt die Gesprächsleiterin.

Sonntag, 13. Dezember, 11 Uhr: Kulturzentrum beim Assistenz-Friedhof, westlich der Innenstadt. Seit 45 Stunden wird hier nonstop gesungen. «Singen für die Erde», heisst die Aktion. Zwei Tage wird sie dauern, es verbleiben noch 3 Stunden. Die Veranstaltung ist offen. Fünf Sängerinnen und Sänger stehen um Kerzen in der ehemaligen Kapelle. Sie summen, singen, rufen. Es ist ein Kommen und Gehen. Ein Klangteppich, mal laut, mal leise. Reine Improvisation. «Ein harmonischer Klang für die Entscheidungsträger an der Klimakonferenz nächste Woche», sagt die Organisatorin.

Sonntag, 13. Dezember, 13 Uhr: Zweite grosse Demonstration, diesmal beim Hafen. Die Organisatoren sehen in der Transportindustrie «das Herz des Kapitalismus». Der sonst friedliche Demonstrationszug wird auseinandergerissen. Rund hundert Polizeigrenadiere halten Journalisten und Kameraleute von einer Schar Jugendlicher fern. Ein Polizist schlägt mit dem Knüppel. Niemand weiss, was genau passiert ist. Einmal mehr werden Mitglieder des schwarzen Blocks unter den Demonstranten vermutet. Es gibt Verhaftungen. «Lasst sie frei», wird skandiert. Polizeihunde bellen. Demonstranten legen sich auf die Strasse. Polizeibusse mit Blaulicht sperren den Verkehr. Heute ist das Dänische Ministerium im Visier der Aktivisten.

Die dänische Polizei nimmt am Sonntag Aktivisten fest. Foto: Jens Norgaard Larsen (Reuters) (Der Bund)

Erstellt: 14.12.2009, 11:07 Uhr

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