Ausland

Als Berlusconi um Mitternacht bei der Polizei anrief

Von Oliver Meiler, Rom. Aktualisiert am 02.11.2010 7 Kommentare

Italiens Premier hat sich für eine 17-Jährige verwendet. Im «Rubygate» geht es um mehr als die Vorlieben eines betagten Mannes für sehr junge Frauen.

1/7 Hält Italien zurzeit in Atem: Karima El Mahroug alias Ruby Rubacuori (Rubacuori bedeutet Herzensbrecherin).
Screenshot: Corriere.it

   

Ihr Bild erscheint nun ohne Pixelung in den italienischen Zeitungen. Auch die Augen werden jetzt gezeigt – nicht mehr nur die sehr rot geschminkten Lippen, das lange, schwarze Haar, der junge Körper in engen und kurzen Kleidern. Ruby ist gestern volljährig geworden, 18 Jahre alt. Sie liess ausrichten, dass sie an ihrem Geburtstag nicht gestört werden wolle. Und danach auch nicht mehr. Nie mehr. Es ist ein illusorischer Wunsch.

Zweifelhafte Sexpraktiken

Ruby Rubacuori (Herzensbrecherin), so eines ihrer Pseudonyme, Tochter eines marokkanischen Gemüsehändlers, aufgewachsen in Messina, von zu Hause ausgerissen mit 14, die Jugend in Heimen und Nachtclubs verbracht, steht im Zentrum einer jener Geschichten aus Italien, wie man sie im Ausland mit Schulterzucken zu quittieren pflegt. Als eine weitere Illustration dafür, dass der betagte Ministerpräsident des Landes eine Schwäche für sehr, sehr junge Frauen und für professionelle Liebesdienerinnen hat. Und dass Silvio Berlusconi seine private Vorliebe nicht kaschiert, darob bisher keinen politischen Schaden erlitten hat und stolz zu seinem Lebensstil steht.

Aus seiner Entourage heisst es, der Cavaliere sei nun mal ein Homme à Femmes, wie das John F. Kennedy, Bill Clinton und François Mitterrand auch gewesen seien. Diese pseudohistorische Argumentation überhöht den Chef politisch und verdrängt die Eigenheit, dass Berlusconi sich gerne auch mit minderjährigen Mädchen umgibt.

Premier erzwingt Freilassung

Und doch ist die Geschichte um Ruby alias Karima Keyek, die dreimal in Berlusconis Villa in Arcore an Partys mit zweifelhaften sexuellen Praktiken unter dem afrikanischen Namen «Bunga-Bunga» teilgenommen haben soll, ganz anders gelagert als frühere – politisch und juristisch brisanter. Sie sagt, sie habe nie Sex gehabt mit dem Premierminister. Darum geht es auch nicht. Zentral scheint, was am Abend des 27. Mai auf der Mailänder Quästur passierte. Die Polizei nahm Ruby fest, nachdem diese von einer Freundin bezichtigt worden war, Geld gestohlen zu haben. Ruby machte einige Anrufe, der Fall gelangte nach Rom – direkt ins Büro des Premiers. Und der soll sich dann mächtig ins Zeug gelegt haben, um das Mädchen freizubekommen.

Um Mitternacht telefonierte Berlusconi mit dem Assistenten des Mailänder Polizeichefs. Diesem sagte er laut einem Bericht des «Corriere della Sera»: «Dottore, ich wollte bestätigen, dass wir dieses Mädchen kennen, und wollte Sie vor allem darauf hinweisen, dass uns gesagt wurde, dass es sich um eine Verwandte des ägyptischen Präsidenten Mubarak handelt. Es wäre daher opportun, wenn sie nicht in ein Heim gebracht, sondern einer Vertrauensperson übergeben würde.» Mit Vertrauensperson war Nicole Minetti gemeint: 25, TV-Showgirl, Dentalhygienikerin des Premiers und Mailänder Regionalrätin von Berlusconis Popolo della Libertà.

Ein Herz für Leute in Schwierigkeiten

So kam es, dass Ruby, eine Diebin mit sehr prominentem Fürsprecher, Marokkanerin und nicht Ägypterin, um 2 Uhr morgens die Quästur entgegen der üblichen Praxis und dem Dafürhalten der Staatsanwaltschaft verliess. Und dies auf Druck des italienischen Ministerpräsidenten und unter Vortäuschung drohender diplomatischer Probleme. Berlusconi dementiert nicht, angerufen zu haben. Er sagt, er habe ein Herz für Leute in Schwierigkeiten. Heute weiss man, dass die Vertrauensperson Nicole Minetti Ruby nur abholte, sie dann aber an eine Brasilianerin weitergab, von der nichts bekannt ist.

So weit die Details dieses neuerlichen Skandals um Berlusconi. Die Linke fordert nun seinen Rücktritt wegen Machtmissbrauchs. Die katholische Zeitschrift «Famiglia Cristiana» hält den Premier für «krank». Der Papst spricht ihm nur halb verblümt ins Gewissen. Der Industriellenverband findet, Italien mache eine sehr hässliche Figur. Sein Geschäftspartner Fedele Confalonieri meint, Berlusconi müsse sehr schnell seinen Stil ändern. Sogar sein Alliierter Umberto Bossi taxiert Berlusconis Anruf bei der Quästur als unziemlich: «Das darf man nicht», sagt er und erwägt die Möglichkeit, Hand zu bieten für eine Übergangsregierung, falls Berlusconi bald stürzen sollte. Das muss der Premier fürchten, denn eine Übergangsphase würde wohl sein politisches Ende besiegeln.

Fini hat es in der Hand

Dafür müsste ihn aber Gianfranco Fini zuerst endgültig fallen lassen. Seit ihrem traumatischen Bruch vor einigen Monaten hält der Postfaschist Berlusconi und dessen rechte Regierungsmehrheit am Leben – und in Schach. Offenbar wartet er nur auf den richtigen Moment, um ihn zu stürzen. Jeden Tag registriert seine neue Partei Futuro e libertà Neuzuzüge aus Berlusconis Lager. Ein wahrer Aderlass ist im Gang, der nun noch stärker werden dürfte. Fini sagt, Berlusconis Verhalten im «Rubygaate» sei empörend: «Wenn das alles wahr ist, dann soll der Premier zurücktreten.» Und für einmal spricht hier nicht die linke Opposition, sondern die neue Rechte. Jener Mann, der den Vorhang in der Hand hält. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2010, 06:46 Uhr

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7 Kommentare

Michael Meienhofer

02.11.2010, 10:11 Uhr
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Er wird wohl in die Geschichte als als erster Polit-Casanova eingehen. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass in Italien schon bald jeder Bürger mitregieren kann. Antworten


Danny Meier

02.11.2010, 11:26 Uhr
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Herr Meienhofer, sie verwechseln Italien mit der Schweiz. In Italien hat man überhaupt kein Mitspracherecht. In der CH dagegen schon. Und als einstiger Bürger des Berlusconi Landes muss ich zugeben das dies eine weitere traurige Episode in der Historie Italiens ist. Schrecklich das dieses Land nicht fähig ist wenigstens den Schein zu wahren - etwa wie hier in der Schweiz. Antworten




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