AKW-Ausstieg: Warum die Deutschen doppelt so schnell sind

Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 30.05.2011 143 Kommentare

Nur noch gut zehn Jahre braucht Deutschland, bis das letzte AKW abgeschaltet wird. In der Schweiz dauert es noch mehr als doppelt so lange. Warum? Ein Vergleich in 7 Punkten.

1/6 Beide wollen raus aus der Atomenergie, das Tempo könnte unterschiedlicher nicht sein: Bundesrätin Doris Leuthard und Kanzlerin Angela Merkel an einer Messe 2010 in Berlin.
Bild: Keystone

   

Dossiers

Artikel zum Thema

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Deutschland hat in der vergangenen Nacht den Fahrplan für den Atomausstieg festgelegt. Demnach sollen die letzten deutschen Meiler spätestens Ende 2022 vom Netz. Die sieben im Zuge des dreimonatigen Atommoratoriums abgeschalteten Reaktoren sowie der Pannenreaktor Krümmel sollen für immer stillgelegt werden. Sechs weitere Meiler sollen bis spätestens Ende 2021 abgeschaltet werden. Die drei modernsten Meiler sollen bis Ende 2022 laufen dürfen. Ein späteres Rückkommen auf die Option Atomenergie, die sogenannte Revisionsklausel, soll es definitiv nicht mehr geben. Es gebe eine «Klarheit des Ergebnisses», dieses sei auch «nicht revidierbar», hiess es. Teile der Koalition hatten eine solche Überprüfungsklausel ins Gespräch gebracht.

Deutschland

Restlaufzeit
Bis 2022 soll das letzte AKW vom Netz gehen. Der Ausstieg erfolgt schrittweise. Acht ältere Reaktoren, die nach Fukushima abgestellt wurden, sollen gar nicht mehr erst hochgefahren werden. Wobei eines davon noch bis 2013 als Reserve behalten wird. Sechs weitere Meiler machen 2021 dicht. Die drei letzten 2022.
Fazit: Ein sehr ambitiöser Plan mit Unsicherheiten.

Politik
Im Jahr 2000 hat die rot-grüne Regierung unter Kanzler Schröder den Atomausstieg beschlossen. Seit dieser Zeit werden Projekte für erneuerbare Energien stark gefördert. Die neue Regierung unter Kanzlerin Merkel macht nun Nägel mit Köpfen. Und legt ein Enddatum fest. Eine Mehrheitsregierung kann in Deutschland Entscheide rasch durchbringen und mit der Umsetzung beginnen.
Fazit: Deutschland kann schneller agieren und die Pläne umsetzen.

Opposition gegen die Regierungspläne
Ein Teil der Wirtschaft, allen voran die Energiekonzerne und die energieintensiven Branchen, hat vor einem Ausstieg gewarnt. Der gesellschaftliche Druck für einen Ausstieg aber ist in Deutschland dermassen gross, dass sich die Ausstiegswarner diesem beugen müssen.
Fazit: Der Widerstand gegen den Ausstieg ist kleiner.

Hürden auf dem Weg zum Ausstieg
Das veraltete Stromnetz. Um den Windstrom aus dem Norden in grossen Mengen ins Land zu verteilen, braucht Deutschland ein neues Stromnetz. Einspracheverfahren drohen dessen Ausbau zu verzögern. Darum liegt die Forderung nach rascheren Planungsverfahren auf dem Tisch.
Fazit: Nicht jedes Windrad und jede Solaranlage müssen mit Widerstand rechnen.

Künftiger Strommix
22 Prozent Atomstrom muss Deutschland bis 2022 ersetzen. Das sollen die erneuerbaren Energien bringen. Laut verschiedenen Studien soll das machbar sein. Deutschland hat mit Wind, Fotovoltaik und Biomasse bereits 12 Prozent (Ende 2010) erreicht. Im Gegensatz zur Schweiz hat Deutschland praktisch keinen Strom aus Wasserkraft und dagegen über 50 Prozent aus fossilen Energieträgern. Der Druck, diesen Anteil abzubauen, wird aus klimapolitischen Gründen anhalten.
Fazit: Deutschland ist zwar stark bei neuen Erneuerbaren. Insgesamt aber ist man viel abhängiger von nicht erneuerbaren Energien.

Notszenario
Sollte sich zeigen, dass das Tempo nicht eingehalten werden kann, würde vorübergehend auf fossile Energieträger wie Kohle und Gas zurückgegriffen. Deutschland ist Nettostromexporteur, kann sich also theoretisch einen Rückgang der eigenen Stromproduktion leisten. Zudem ist Deutschland ins europäische Stromnetz eingebunden und kann im Notfall von Überkapazitäten anderer profitieren.
Fazit: Trotz raschem AKW-Ausstieg kommt es nicht zum Lichterlöschen.

Option Atomenergie
Den sogenannten Ausstieg vom Ausstieg will selbst die schwarz-gelbe Koalition verunmöglichen. Eine Revisionsklausel kommt nicht ins Gesetz. Der gesellschaftliche Druck ist so gross, dass das auch gar nicht infrage käme.
Fazit: Deutschland fällt hier einen mutigen Entscheid und will definitiv nichts mehr von Atomkraft wissen.


Schweiz

Restlaufzeit
Bis circa 2034 zieht die Schweiz noch eigenen Atomstrom. Auch hierzulande aber erfolgt der Ausstieg etappenweise. Der Bundesrat geht von Gesamtlaufzeiten von 50 Jahren aus und kommt damit auf folgende Endzeiten: Beznau I 2019, Beznau II und Mühleberg 2022, Gösgen 2029 und Leibstadt im Jahr 2034.
Fazit: Mehr Zeit, dafür mehr Anteile zu ersetzen.

Politik
Bis vor Fukushima rechnete man hierzulande damit, dass dereinst bis zu drei neue AKW den Strom der Zukunft liefern könnten. Mit Fukushima ist die Stimmung gekippt. Der Bundesrat hat auf Ausstieg umgeschaltet. Allerdings muss er – anders als in Deutschland – sich auf einen langen politischen Prozess einstellen. Vernehmlassung, parlamentarische Debatte und allenfalls Volksentscheid können gut vier Jahre in Anspruch nehmen.
Fazit: Das politische System verzögert den Ausstieg.

Opposition gegen die Regierungspläne
Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse warnt davor, die Option Atomenergie zu begraben. Im Parlament kommt es zum Showdown zwischen AKW-Stoppern und Ausstiegswarnern. Die Abstimmung pro/kontra Ausstieg dürfte knapp ausgehen.
Fazit: Die letzte Schlacht ist noch nicht geschlagen.

Hürden auf dem Weg zum Ausstieg
Nicht nur die Erneuerung des Stromnetzes, auch der Ausbau von Anlagen für erneuerbare Energien droht durch Einsprachen verzögert zu werden. Kein Wunder, ist jetzt die Rede von einem Masterplan für die Energiewende, und als Teil davon soll eine Beschleunigung der Verfahren erreicht werden.
Fazit: Nach der Politik drohen die Verbände den Umstieg zu verzögern.

Künftiger Strommix
39 Prozent Atomstrom muss die Schweiz laut Bundesrat bis 2034 ersetzen. Und das vorab mit erneuerbaren Energien. Ob das gelingt, ist weitgehend davon abhängig, welche Weichenstellungen die Politik vollzieht. Förderabgabe, Lenkungsabgabe und ein Wechsel des Steuersystems stehen zur Debatte. Die Schweiz hat den grossen Vorteil, mit 60 Prozent Strom aus Wasserkraft bereits jetzt über einen riesigen Anteil an erneuerbarer Energie zu verfügen.
Fazit: Die Wasserkraft ist bei der Stromerzeugung für die Schweiz Gold wert.

Notszenario
Auch wenn aus klimapolitischen Gründen unbeliebt, gelten Gaskraftwerke als Notlösung für den Schweizer Ausstieg. Von bis zu acht Kraftwerken war zuletzt die Rede. Zudem kann auch die Schweiz auf die Einbindung ins europäische Stromnetz zählen. Zu Spitzenverbrauchszeiten wird die Schweiz künftig noch mehr als bisher auf Stromimport angewiesen sein.
Fazit: Ohne Option Gaskraftwerke wäre die Unsicherheit (zu) gross und eine Mehrheit für den Ausstieg fraglich.

Option Atomenergie
Doris Leuthard hat zwar am letzten Mittwoch den Ausstieg propagiert. Am Wochenende wollte sie aber nicht mehr ausschliessen, dass mit neuer Technologie ein Rückkommen wieder möglich würde. Diese Frage wird zu einem der Knackpunkte in der hiesigen Debatte.
Fazit: Eine totale und definitive Abkehr scheint für gewisse Kreise undenkbar.


(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.05.2011, 14:12 Uhr

143

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

143 Kommentare

dieter baumann

30.05.2011, 14:25 Uhr
Melden 46 Empfehlung

Die Physikerin aus Deutschland hat's begriffen - Gratulation. Hierzulande sind wir Schweizer wieder mal daran das tägliche Risiko auf die leichte Schulter zu nehmen, allen voran die FDP, welche einfach nichts lernen will (kann?). Die erneuerbaren Energien sind die Zukunft und schaffen Arbeitsplätze für den Export - also Wohlstand. Deutschland wird profitieren - machen wir es ebenso !! Antworten


Heinz Köhli

30.05.2011, 14:22 Uhr
Melden 37 Empfehlung

Ob Deutschland oder die Schweiz. Die Kernenergie wird sich technologisch rasant weiterentwickeln. Deutschland und die Schweiz sind gut beraten, auf allen Energieformen am Ball zu sein und die CO2-Problematik nicht zu schubladisieren. Gerade in der Schweiz wird der Ausstieg vom Ausstieg früher kommen als heute angenommen. Momentan freut sich zumindest Frankreich an den beiden Sackgassenturbos. Antworten



Ausland

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Ausland

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

MARKETING COMMUNICATIONS MANAGER Level Consulting AG, Wallisellen

Teamleader /  Purchasing Manager MAS Management Assets Services AG, Basel

Leiter/in Energieverteilung Engineering Management Selection E.M.S. AG, BE

Gratis ePaper für «Bund»-Abonnenten

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate