Ausland

«Eine Gewehrkugel kostet in Syrien heute drei Dollar»

Interview: Chantal Hebeisen. Aktualisiert am 10.10.2012

Vor bald 19 Monaten begann in Syrien der Aufstand gegen Bashar al-Assads Regime. Mazen Adi ist Oppositioneller der ersten Stunde und erzählt vom Alltag in der Diktatur und im Bürgerkrieg.

1/12 Wirft der internationalen Gemeinde mangelnde Unterstützung vor: Der syrische Oppositionelle Mazen Adi.
Bild: Chantal Hebeisen

   

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Chronologie der Aufstände in Syrien

Chronologie der Aufstände in Syrien
Die Ereignisse in Syrien seit dem Beginn der Proteste im März 2011.

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Zur Person

Mazen Adi wurde 1953 in Hama geboren und lebte bis zu seiner Flucht in der Hauptstadt Damaskus. Er ist mit einer Ärztin verheiratet und hat zwei Töchter und einen Sohn.

Adi ist syrischer Oppositioneller der ersten Stunde und Mitglied der linksgerichteten Syrischen Demokratischen Volkspartei, zu der auch bekannte Namen wie George Sabra gehören. Von 1980 bis 2005 gehörte Adi zur dreiköpfigen Parteiexekutive. 2005 hat die alte Garde Platz gemacht für den Parteinachwuchs. Der 58-Jährige blieb aber weiterhin Parteidelegierter im nationalen Koordinationskomitee für den demokratischen Wandel sowie bei der Erklärung von Damaskus. Wegen kritischer Äusserungen in den Medien gegen das Regime wurde er zwei Monate nach Beginn der Revolution für 5 Monate inhaftiert. Nach seiner Freilassung hat er das Land verlassen und lebt seit dem 22. Dezember 2011 in Paris.

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Herr Adi, die aktuelle Situation in Syrien scheint verfahren, weder Opposition noch Regime gelingt es, den Krieg zu beenden. Wie will die Opposition weiter vorgehen?
Das ursprüngliche Ziel des Regimes war es, die Opposition so niederzuschlagen wie 1982 in Hama, als das Militär einen ganzen Stadtteil zerstörte und ein riesiges Massaker anrichtete. Dieser Akt hat das Volk derart eingeschüchtert, dass sich das Regime damit weitere 30 Jahre Angstherrschaft sichern konnte. Der Assad-Clan regierte das Land so, als sei es sein Bauernhof und die Bevölkerung seine Knechte. Diese Taktik hat aber dieses Mal nicht funktioniert, denn das syrische Volk lässt sich nicht mehr unterdrücken. Unser Ziel ist es, das Regime zu entmachten, doch dazu müssen sich die Kräfteverhältnisse im Land verändern. Die Revolution muss die Oberhand gewinnen. Das gelingt uns momentan aber ohne die Hilfe der Internationalen Gemeinschaft nicht.

Was erwarten Sie denn konkret von der Internationalen Gemeinschaft?
Wir fordern, dass es Russland und dem Iran verboten wird, das Regime mit Waffen zu versorgen. Dem Irak muss untersagt werden, Waffentransporte, die für Syrien bestimmt sind, über seine Luft- und Landwege zuzulassen. Ausserdem dürfen keine iranischen Militärschiffe mehr den Suezkanal in Ägypten passieren, um Waffen an Assad zu liefern. Im Moment können die Schiffe dort ungehindert passieren. Alle Waffenlieferungen an das Regime sollen gestoppt werden. Zweitens fordern wir, dass die Internationale Gemeinschaft ein Übergangskomitee, sei dies nun der Syrische Nationalrat oder ein anderes Gremium aller Oppositionsparteien, als Vertretung des syrischen Volkes akzeptiert und Bashar al-Assad als Machthaber fallen lässt. Drittens soll ein Fonds errichtet werden, der dem syrischen Volk zugutekommt. Aktuell sind über 2000 Schulen im Land zerstört, vier bis fünf Millionen Syrer sind heimatlos, und es gibt viele Verletzte, die versorgt werden müssen. Wir verlangen, dass die Gelder des Regimes, die auf Konten überall auf der Welt lagern und momentan eingefroren sind, in diesen Fonds eingespeist werden.

Sie fordern also keine militärische Intervention der Internationalen Gemeinschaft?
Nein, wir brauchen keine militärische Unterstützung aus dem Ausland, sondern die Anerkennung eines Übergangskomitees und das Geld der blockierten Konten, damit wir uns selbst bewaffnen und die Kräfteverhältnisse im Land ändern können.

Für solche Massnahmen bräuchte es aber die Zustimmung aller UNO-Mitglieder.
Wenn die USA und die Abendländer wollten, könnten sie Russland und dem Iran die Waffenlieferungen verbieten. Aber offensichtlich ist dieser Wille nicht vorhanden, denn alles hat seinen Preis. Und wollte man das syrische Volk schützen, gäbe es eine einfache Möglichkeit, um beispielsweise das Regime daran zu hindern, mit seinen Flugzeugen aufzusteigen. Die Methode wurde bereits 1982 im Libanon von den USA eingesetzt. Mittels Schallwellen wird die Überwachung des Flugraumes verhindert. So könnte verhindert werden, dass Zivilisten bombardiert werden.

Sie werfen der Internationalen Gemeinschaft also mangelnde Hilfe vor?
Ja! Sie hat Assad alle Zeit und Mittel gelassen, um die Revolution niederzuschlagen. Jeden Tag sterben 200 bis 300 Leute, und es passiert einfach nichts. Wir hoffen aber, dass mit der Zeit der Druck auf die Regierungen weltweit so zunimmt, dass die Internationale Gemeinschaft handeln muss. Es gab bisher viele Unterstützungsbekundungen – aber es blieb immer nur bei Worten. Die USA haben angekündigt, dass sie vor den Wahlen im eigenen Land nicht eingreifen werden – es sei denn, Syrien würde chemische Waffen verwenden. In diesem Fall würden sie sich auch über das Veto von China und Russland hinwegsetzen. Dies bedeutet, dass sie eigentlich die Möglichkeit hätten, einzugreifen, aber sie wollen nicht.

Am 27. Januar 2011, noch vor Beginn der Revolution, wagten laut Mazen Adi über 2000 Markthändler in Damaskus etwas, was seit 30 Jahren nicht mehr vorgekommen war: Sie demonstrierten gegen die Verhaftung des Sohnes einer ihrer Kollegen öffentlich. Zum ersten Mal boten sie den herbeigeeilten Sicherheitskräften die Stirn und riefen ihnen entgegen: «Das syrische Volk lässt sich nicht erniedrigen.» Überfordert mit der Situation musste die Polizei den Innenminister um Hilfe bitten. Doch die Demonstranten liessen sich erst besänftigen, als der Sohn des Händlers wieder auf freiem Fuss war.

Dieses Ereignis war laut Mazen Adi ein erstes Anzeichen dafür, dass das Volk bereit war für die Revolution. Nachdem in Daraa im Februar laut einem Bericht der Organisation Human Rights Watch mehrere Kinder durch das Regime gefoltert worden waren, fand am 15. März 2011 die erste Demonstration gegen Bashar al-Assads Regierung in den Souk, den Marktgassen von Damaskus, statt. Nur rund 100 Leute folgten dem Aufruf. Am 16. März fand vor dem Innenministerium eine zweite, angekündigte Demonstration statt, an der auch Mazen Adi teilnahm. Nach fünf Minuten mussten sich laut Adi die rund 500 Aktivisten bereits wieder zerstreuen, weil die Sicherheitskräfte eingriffen. Bilanz: rund 60 Festnahmen, davon wurden 35 erst nach mehreren Wochen wieder freigelassen.

Sie sprachen vorher von Bewaffnung – wieso haben die Aktivisten, die ja zu Beginn friedlich demonstriert haben, plötzlich selbst zur Waffe gegriffen?
Richtig, die Revolution war zu Beginn komplett pazifistisch. Die Aktivisten waren bereit, gegen die bewaffneten Sicherheitskräfte des Regimes anzutreten. Es gab immer wieder Tote, und trotzdem demonstrierten sie weiter unbewaffnet. Sie hofften, dass sie durch die Internationale Gemeinschaft unterstützt und beschützt werden. Dies traf aber nicht ein. Einige von Assads Soldaten weigerten sich, auf ihre unbewaffneten Mitbürger zu schiessen, und desertierten. Damit setzten sie sich aber selbst einer grossen Gefahr aus, denn wenn sie erwischt wurden, brachte das Regime sie um. Einerseits mussten also diese Deserteure einen sicheren Zufluchtsort finden, andererseits wollte man die Demonstranten vor den Gewehrsalven und den Snipern der Sicherheitskräfte schützen. Deshalb trugen jene Aktivisten, die in der Frontlinie marschierten, mit der Zeit eine Waffe und schützten so die Demonstranten. Dieses Recht wird übrigens von den Vereinten Nationen anerkannt. Mit der Zunahme der Militärgewalt des Regimes schützten die Aktivisten auch ihre Quartiere mit Waffengewalt. So ist der öffentliche bewaffnete Widerstand, der heute unter dem Namen Freie Syrische Armee bekannt ist, entstanden. Assad wollte weder verhandeln noch eine politische Lösung finden.

Erst am 30. März 2011 nahm Bashar al-Assad erstmals öffentlich Stellung zu den Vorkommnissen im Land. Statt sich zu entschuldigen, verhöhnte er die Opfer von Daraa und stellte die Ereignisse als Verschwörung gegen Syrien dar. Assads Worte entflammten die Revolution erst richtig. Dies war so gewollt, schätzt Mazen Adi, der Assads Rede zwei Tage später auf dem Fernsehsender al-Jazeera kommentierte und über die aktuellsten Ereignisse im Land berichtete. Für zwei Monate sollten TV- und Radiointerviews den Oppositionellen, der eigentlich als Ingenieur in einem Hochbaubüro angestellt war, beschäftigen. Weil er in den Beiträgen seinen richtigen Namen nannte, musste er sein Haus, wo er mit seiner Frau, einer Ärztin, und seiner jüngsten Tochter lebte, verlassen.

Drei Freunde boten ihm abwechselnd Unterschlupf an. Das Regime spürte ihn dennoch auf. Am 10. Mai 2011 nahm man ihn fest und brachte ihn mitten in der Nacht in sein Ingenieursbüro – an Händen und Füssen gefesselt. Was die Sicherheitskräfte nicht wussten: Adi war seit zwei Monaten nicht mehr in seinem Ingenieursbüro; ein befreundeter Künstler hatte ihm sein Atelier als Arbeitsplatz überlassen – Künstler galten als unverdächtig. Seine Ingenieurskollegen hatten für ihn den Anschein erweckt, dass er noch arbeiten würde. «Warum tust du das? Warum trittst du vor die Presse und bringst dich damit selber in Schwierigkeiten? Du hast doch alles – einen guten Job, ein Auto und ein Haus. Was fehlt dir denn?», redeten die Sicherheitskräfte auf ihn ein. Die Trophäe, die sie in Adis Büro ergatterten: Ein Laptop der ersten Generation, den er seit Jahren nicht mehr benutzt hatte.

Im Gefängnis steckte man Adi die ersten 19 Tage in Isolationshaft – im dritten Untergeschoss und ohne Fenster. Adis Anklage: Verbreiten von Lügen und Zufügen eines Reputationsschadens (dem Land). «Physische Folter wandten sie bei mir nicht an – dafür war ich als langjähriger Oppositioneller zu bekannt», sagt Adi über die 5 Monate, die er im Gefängnis verbracht hat. Freigelassen wurde er dank einer List seines Anwalts. «Er hat mich vor dem Zivilgericht als unwissend hingestellt», sagt Mazen Adi. Am 16. Oktober 2011 kam er gegen Kaution frei.

Es ist vermutlich nicht so einfach, unter einem solch strikten Regime an Waffen heranzukommen. Woher hat die Opposition ihre Waffen erhalten?
Es hat schon immer Schmuggler gegeben, die Waffen illegal ins Land bringen.

Aus welchem Land?
Aus verschiedenen Ländern. Aber auch Mitglieder des Regime-Militärs verkaufen Waffen an die Aktivisten. Assad hat sich so oft der Korruption bedient, deshalb ist heute fast jedermann käuflich.

Wie viel kostet denn aktuell eine Waffe in Syrien?
Eine einzelne Gewehrkugel kostete vor Beginn der Revolution 35 syrische Pfund, umgerechnet rund einen US-Dollar. Jetzt kostet die Kugel bereits 150 syrische Pfund, also umgerechnet drei Dollar. Der Durchschnittslohn in Syrien lag vor der Revolution bei etwa 10'000 syrischen Pfund, also rund 200 Dollar. Heute ist es aber weniger. Die Freie Syrische Armee verwendet hauptsächlich Kalaschnikows und M-16-Gewehre. Weil alles so teuer ist, haben Aktivisten in Aleppo begonnen, in einer Fabrik Munition zu produzieren. Innerhalb der Revolution hat sich eine grosse Kreativität entwickelt. Beispielsweise haben die Aktivisten ein Programm entwickelt, das die Festplatte bei Computern automatisch löscht, wenn diese vom Regime beschlagnahmt werden. In einem Dorf haben sie sogar einmal Wespennester zur Verteidigung eingesetzt. (lacht) Als die Sicherheitskräfte eintrafen, haben sie die Wespennester nach ihnen geworfen und konnten sie so zurückdrängen. Sie verwenden alles, was sie finden können.

Kritiker monieren, die Opposition sei jeweils nicht genügend vorbereitet für ihre Operationen. Was sagen Sie dazu?
Die bewaffneten Aktivisten haben nur begrenzte Mittel zur Verfügung, denn niemand hat sie zu Beginn unterstützt. Es gab in der Vergangenheit viele Konfrontationen, bei denen sich die Freie Syrische Armee zurückziehen musste, weil sie keine Munition mehr hatte. Sie hat weder genügend Waffen noch genügend Geld, um sich diese Waffen zu besorgen. Aber sie wurde gezwungen, auf die immer stärkeren Repressionen Assads zu reagieren. Die Taktik der bewaffneten Opposition ist es deshalb nicht, Städte einzunehmen und sie um jeden Preis zu halten, sondern Assads Militär zu schwächen. Es geht lediglich darum, wer länger durchhalten wird: Assads Regime oder die oppositionellen Aktivisten. Mit Sicherheit werden dies die Aktivisten sein, denn sie haben keine Wahl – es gibt für das syrische Volk kein Zurück mehr.

Mal davon ausgegangen, dass die internationale Gemeinschaft nicht eingreifen wird – wie viele Monate wird es noch dauern, bis ein Umsturz der Kräfteverhältnisse gelingen wird?
Einige Monate, vielleicht aber auch noch ein Jahr. Ich halte es zwar für unwahrscheinlich, dass wirklich niemand eingreifen wird. Aber die internationale Gemeinschaft wird warten, bis sie sieht, dass Assads Sturz nur noch Formsache ist. Denn es gibt ein Interesse daran, Syrien so stark wie möglich zu schwächen. Selbst Ban Ki-moon hat während einer Uno-Konferenz den Konflikt in Syrien als Bürgerkrieg bezeichnet – obwohl er weiss, dass es laut internationalem Gesetz kein Bürgerkrieg ist. Von Anfang an und bis heute ist es eine Revolution und kein Bürgerkrieg. Weltweit gab es noch keine Revolution, die von 100 Prozent des Volkes unterstützt wurde. Das syrische Volk hat das Recht, verteidigt zu werden. Immer wieder finden Massaker statt, und niemand aus der internationalen Gemeinschaft bewegt sich. Und dies, obwohl der Sicherheitsrat gegründet wurde, um Völker zu beschützen und den Frieden zu sichern. In diesem Fall werden Vetos ausgesprochen, damit Russland und der Iran weiterhin Waffen an Assad liefern können. Das ist ein Skandal. Die syrische Revolution hat dieses Ränkespiel beleuchtet und muss zu einer Änderung des Gesetzes führen. Ansonsten hat die Uno keine Berechtigung mehr.

Wie will die Opposition den Krieg beenden?
Bereits jetzt kann man beobachten, dass das Regime schwächer geworden ist. Innerhalb des Regimes sind bereits Risse zu beobachten. Es wird der Moment kommen, wo auch der härteste Kern um Assad wegschmelzen wird. Eine Möglichkeit wäre dann, dass Bashar al-Assad und seine Familie ins Ausland fliehen. Alle Oppositionsparteien haben am 3. Juli 2012 einen Vertrag unterzeichnet, der das Ziel dieser Revolution definiert: das Regime zu stürzen und einen multiplen demokratischen Staat zu errichten.

Gelingt dieser Umbruch, wird Mazen Adi nach Damaskus zurückkehren. Er will sich dann weiter um die Medienarbeit und die interne Kommunikation der Opposition kümmern.

Werden Sie also nicht mehr auf Ihrem ursprünglichen Beruf als Ingenieur arbeiten?
(lacht) Nein, das sicherlich nicht. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.10.2012, 20:01 Uhr

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