Ausland

Martin Sturzenegger
Stv. Ressortleiter News


«Wie eine Verdurstende, die das Wasser suchte»

Aktualisiert am 02.04.2012 17 Kommentare

Über zehn Jahre lang stand Aung San Suu Kyi unter Hausarrest. Nun wurde die 66-Jährige ins burmesische Parlament gewählt. Korrespondent Tobias Matern über die Auferstehung einer Volksheldin.

1/9 Bad in der Menge: Aung San Suu Kyi fährt nach dem Erdrutschsieg ihrer Partei durch Rangung. (1. April 2012)
Bild: Reuters

   

Erfolg für Aung San Suu Kyi

Die Partei von Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi hat bei der Nachwahl in Birma offenbar einen deutlichen Sieg gefeiert. Die Nationale Liga für Demokratie (NLD) habe mindestens 43 der 44 Parlamentssitze erobert, um die sich beworben hatte, sagte Parteisprecher Han Than. Ein Sprecher der Wahlkommission bestätigte inoffiziell zunächst nur, dass die NLD alle sechs Wahlkreise in der Metropole Rangun gewonnen habe. Ergebnisse aus abgelegeneren Gegenden würden bis Mitte der Woche erwartet, hiess es.

Nach dem Wahlsieg Suu Kyis in ihrem eigenen Wahlkreis südlich von Rangun bekräftigte ein Berater von Präsident Thein Sein die Möglichkeit, dass die Friedensnobelpreisträgerin einen Posten im Kabinett erhalten könnte. «Alles ist möglich. Sie könnte angesichts ihrer Fähigkeiten jede verantwortungsvolle Position übernehmen», sagte Nay Zin Latt.

Suu Kyi selbst feierte am Montag mit Tausenden Anhängern ihren Wahlsieg. «Es ist nicht so sehr unser Triumph, sondern der Triumph des Volkes, das entschieden hat, sich am politischen Prozess in diesem Land zu beteiligen», sagte die Oppositionsführerin vor einer jubelnden Menge ausserhalb ihrer Parteizentrale. «Wir hoffen, dass das der Anfang einer neuen Ära sein wird.»

Insgesamt standen bei der Nachwahl am Sonntag 45 frei gewordene Sitze im 664 Mitglieder zählenden Parlament zur Wahl. Die vom Militär gestützte Regierung würde auch bei einer offiziellen Bestätigung des Erdrutschsieges der NLD die Kontrolle über beide Kammern behalten. (dapd)

Historischer Sieg: Aung San Suu Kyi wurde ins Parlament gewählt. (Video: Reuters)

*Tobias Matern ist Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» und des «Tages-Anzeigers». Er hält sich zurzeit in der ehemaligen burmesischen Hauptstadt Rangun auf.

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Herr Matern*, Aung San Suu Kyi hat den Einzug ins Parlament geschafft. Wird sich die politische Situation in Burma nun ändern?
Heute wurden nur 45 der 664 Parlamentssitze vergeben. Auch wenn ihre Partei, die Nationale Liga für Demokratie (NLD), alle angestrebten Sitze holen würde, kann sich die politische Situation nicht direkt verändern. Die Regierung wird weiterhin fest in der Hand von ehemaligen Militaristen bleiben. Mit ihrer Wahl bekommt Aung San Suu Kyi aber erstmals eine legale Bühne, um sich zu präsentieren. Bisher war sie die Staatsfeindin Nummer eins und wurde von den letzten Wahlen im Jahr 2010 ausgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt konnte man nicht davon ausgehen, dass sie nun eine politische Rolle spielen könnte.

Nach Jahren des Ausschlusses wird die 66-Jährige nun plötzlich als Teil der politischen Lebens akzeptiert. Weshalb gerade jetzt?
Die Regierung verfolgt einen Masterplan, der im Westen etwas unterschätzt wird. Der neue, reformorientierte Präsident Thein Sein möchte das Land aus der Isolation befreien. Konkret sollen die westlichen Sanktionen aufgehoben und die Abhängigkeit zu China gedrosselt werden. Das ist nur möglich, wenn Aung San Suu Kyi miteingebunden wird. Dazu kommt, dass Thein Sein, obwohl er ein früherer General ist, realisiert hat, wie weit sein Land zurückgefallen ist. Unter dem früheren Präsidenten waren Reformen nicht möglich. Jetzt verfolgt die Regierung ihre Version von Demokratie. Das hat mit westlicher Demokratie zwar nicht viel zu tun, aber es ist dennoch ein bedeutender Schritt für dieses Land.

Was erhofft sich die Regierung konkret von Aung San Suu Kyi?
Innerhalb der angestrebten Öffnung ist sie die Stimme der Opposition, die im Westen gehört wird. Angenommen Aung San Suu Kyi äussert sich kritisch zu den Sanktionen, was sie bisher noch nicht getan hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass diese auch gelockert würden. Sie hat mehr Einfluss und mehr Möglichkeiten als andere Politiker, weil sie einen Prominenten-Status geniesst.

Strebt Thein Sein tatsächlich eine Öffnung an oder ist er bloss eine Marionette der immer noch mächtigen Militaristen?
Er gehört tatsächlich zu einem neuen Reformlager, das zurzeit das Ruder in der Hand hält. Es wurden etliche Reformen angestossen, sodass die Traditionalisten es schwer haben, ihren rückwärtsgewandten Kurs durchzusetzen. In Anbetracht dessen wäre es für den Westen tatsächlich an der Zeit, die Sanktionen zu lockern, um den Reformkurs des Präsidenten zu stützen.

Die Regierung spricht von einem «geordneten» Übergang zur Demokratie. Was meint sie damit?
Die Regierung hat zwar kein westliches Verständnis von Demokratie, aber es findet ein Reformprozess von oben statt. Das ist in etwa das Gegenteil von dem, was zurzeit im arabischen Frühling geschieht, bei dem eine Veränderung von unten stattfindet, die von der breiten Basis vorangetrieben wird. Die burmesische Regierung hat sich jedoch die Mehrheit von vornherein gesichert und die letzten Wahlen im Jahr 2010 manipuliert. Sie ist ausschliesslich mit ehemaligen Mitgliedern des Regimes besetzt. Doch nun wurde die Macht dazu genutzt, sanfte Reformen im Sinne des Volkes einzuführen. Dies sollte der Regierung angerechnet werden.

Dann wird der Prozess der Öffnung, den Burma zurzeit durchlebt, weiter fortgesetzt?
Innerhalb von wenigen Monaten ist tatsächlich sehr viel passiert. Touristen sind plötzlich willkommen, die Hotels und Flughäfen in der Hauptstadt Rangun werden renoviert, die Zensur gelockert und der Dialog zu Aung San Suu Kyi gesucht. Hätte man dieses Szenario vor einem Jahr geschildert, wäre man als Fantast abgetan worden. Ein wichtiger Wandel ist auch der realistische Wechselkurs zum Dollar, den die Regierung heute beschloss. Er soll künftig 1 zu 6 betragen. Bisher lag der Kurs zum Dollar bei sagenhaften 1 zu 800.

Die Regierung bot Aung San Suu Kyi einen Ministerposten an. Sie lehnte ab, weshalb?
Sie will das Land verändern, möchte sich aber nicht vereinnahmen lassen und das Feigenblatt einer Regierung sein, die nicht gewählt worden ist. Ich finde, sie spielt das im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehr gut aus. Sie macht deutlich, dass sie auf ihrem bisherigen Kurs besteht. Sie steht wie niemand anders in diesem Land für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte.

Aung San Suu Kyi wird in Burma wie eine Heilige verehrt.
Eine Rundfahrt durch die Region macht dies besonders deutlich. Als ich eine Frau kürzlich darauf ansprach, sagte diese: «Wir erwarten nichts, aber wir lieben sie.» Es gibt aber auch viele Leute, die eine unglaublich hohe Erwartung haben. Es herrscht eine tief verankerte Liebe und Zuneigung, die im Begriff «Mutter Suu» ihren Ausdruck findet. Die Leute strömten heute zur Urne, weil sie der Frau ihre Zuneigung ausdrücken wollen.

Ist es nicht auch gefährlich, wenn die ganze Hoffnung auf eine Person projiziert wird?
Aung San Suu Kyi sagt explizit, dass dieses Land auch ohne sie überleben kann. Dennoch ist ihre Rolle sehr wichtig: Sie gilt als einigende Figur für ein System, das über Jahre viel Ungerechtigkeit hervorgebracht hat. Angenommen sie würde bei den nächsten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2015 gewinnen, dann wäre sie immer noch jünger als Nelson Mandela, als dieser Präsident von Südafrika wurde. Zwischen diesen Charakteren gibt es bei allen Unterschieden eine wichtige Parallele: Sie sind für das Volk die personifizierte Hoffnung.

Aung San Suu Kyi ist hier und im Westen omnipräsent. Man erhält den Eindruck, als ob sie die einzige wäre, die dem Land Freiheit und Demokratie bringen kann.
Das ist ein Trugschluss. Aung San Suu Kyi hatte etliche Weggefährten, die ein ähnliches Schicksal wie sie durchlebten. Daraus hat sich beispielsweise die National Democratic Front (NDF) abgespalten, die später zu den Wahlen angetreten ist. Diesen Schritt hatte die Lady (Anm. d. Red.: Spitzname von Aung San Suu Kyi) ihren ehemaligen Weggefährten bis heute nicht verziehen. Im Gegenteil: Das Angebot einer geeinten Opposition hat sie bisher ausgeschlagen. Dabei wäre dies sehr wichtig für das Land.

Aung San Suu Kyi hat über 10 Jahre unter Hausarrest verbracht. Wer derart isoliert lebt, kann doch auch etwas weg vom Fenster sein?
Sie ist schon alleine aufgrund ihres Charismas und dem Umstand, dass sie die Tochter eines Nationalhelden ist, nicht weg vom Fenster. Bisher konnte sie sich aber immer auf ihre Oppositionsrolle konzentrieren. Nun muss sie zeigen, welches politische Programm hinter ihrer Person steckt.

Aung San Suu Kyi machte zuletzt keinen besonders fitten Eindruck. Ist sie krank?
Genaueres über ihren Gesundheitszustand ist nicht bekannt. Bei einem Auftritt am letzten Freitag wurde sichtbar, dass ein ernormer Druck auf den schmalen Schultern dieser zierlichen Frau lastet. Mein Eindruck ist, dass sie sich ein wenig übernommen hat. Während des Hausarrests durfte sie keinerlei Kontakt zum Volk pflegen, weshalb sie nun, wie eine Verdurstende, die das Wasser gesucht hat, jede Gelegenheit zum öffentlichen Auftritt wahrnimmt. Mit ein wenig Erholung dürfte sich ihre Verfassung aber wieder verbessern.

Wie gross ist die Gefahr, dass sie erneut unter Hausarrest gestellt wird?
Wenn die Macht in den Händen der reformorientierten Politiker wie Thein Sein bleibt, ist die Gefahr eines erneuten Hausarrests wohl gebannt. Wenn das Land am Öffnungsprozess festhält, dann halten grosse Institutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) Einzug. Unter Beobachtung dieser Institutionen dürfte es für die Regierung sehr schwer sein, einen Hausarrest zu rechtfertigen. Ich denke, die Mechanismen haben bereits jetzt soweit gegriffen, dass die Regierung nicht einfach so jemanden wegsperren kann.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.04.2012, 22:59 Uhr

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17 Kommentare

markus roth

02.04.2012, 08:31 Uhr
Melden 10 Empfehlung 0

Aung hat sehr wohl eigene politische vorstellungen und ein programm. In den wahlen 1990 erhielt ihre partei 59% aller stimmen und 81% aller parlamentssitze (wikipedia) und somit wäre sie präsidentin geworden, aber sie wurde eingesperrt. 1992 erhielt die den Nobels Friedenspreis. Antworten


Karl von Bruk

02.04.2012, 04:24 Uhr
Melden 6 Empfehlung 0

Die mit Abstand am besten dastehenden Laender Asiens sind Japan und Thailand, die (abgesehen von relativ kurzen Besetzungen waehrend und nach Kriegen) nie altkolonial ausgebeutet wurden. Burma wurde vor der britischen Kolonisierung vom britischen Kolonialspion Baiden Pauell als Paradies auf Erden beschrieben. Nach der Kolonisierung mit bigotter Zwangsmissionierung mutierte es zur Hoelle auf Erden Antworten



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