Ausland

Von der verdorbenen zur anerkannten Krankheit

Von Jan Knüsel. Aktualisiert am 30.04.2010

Kurz vor der Eröffnung der Expo hat China nach zwanzig Jahren sein Einreiseverbot gegen HIV-Infizierte und Aidskranke aufgehoben. Nicht nur in Peking findet ein Umdenken statt.

Kein Tabu mehr: Gesundheitsminister Chen Zhu informiert im November 2009 über die Aids-Problematik in China.

Kein Tabu mehr: Gesundheitsminister Chen Zhu informiert im November 2009 über die Aids-Problematik in China.
Bild: Keystone

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Einreiseverbot

In diesen Ländern herrscht noch ein grundsätzliches Einreiseverbot für HIV-Infizierte und Aidskranke. Die Restriktionen variieren jedoch.


  • Brunei

  • Äquatorialguinea

  • Papua Neuguinea

  • Katar

  • Russland

  • Sudan

  • Vereinigte Arabische Emirate

  • Jemen


Quelle: www.hivtravel.org

Der Zeitpunkt hätte nicht besser sein können: Kurz vor der Eröffnung der Weltausstellung in Shanghai hat China sein über zwanzigjähriges Einreiseverbot für HIV-Infizierte oder Aidskranke aufgehoben. Dies bedeutet, dass Touristen künftig bei der Einreise nach China nicht mehr gezwungen sind, ihren HIV-Status anzugeben. Der Grenzkontrolle wird es auch nicht mehr erlaubt sein, zufällige HIV-Tests an Ausländern vorzunehmen.

Die Regierung habe eingesehen, dass das Verbot nur wenig Auswirkungen auf die Prävention und Eindämmung der Krankheit habe, heisst es in einer Mitteilung der Nachrichtenagentur «Xinhua». Bis 1995 war der HIV-Test notwendig, um überhaupt ein Visum für China zu erhalten. Noch im März war dem australischen Schriftsteller Robert Dessaix wegen seiner HIV-Infektion die Einreise nach China zu einem Literatur-Festival verweigert worden.

Das Verbot habe zu Unannehmlichkeiten bei der Austragung internationaler Anlässe geführt, erklärte die chinesische Regierung weiter. Bereits an den Olympischen Spielen von Peking 2008 wurde das Verbot temporär aufgehoben. Für die Expo rechnen die Veranstalter mit vier Millionen ausländischen Besuchern.

Chinas wegweisender Entscheid

Mark Stirling, der China-Koordinator des Uno-Aidsbekämpfungsprogramms Unaids, hält Chinas Beschluss für einen wichtigen Schritt: «Es gibt 50 Länder in dieser Welt, die Restriktionen gegen Personen mit HIV oder Aids erlassen haben. Chinas Entscheid wird eine entscheidenden Einfluss auf diese Regierungen haben», sagt er gegenüber der «China Daily». In rund acht Ländern gilt noch ein totales Einreiseverbot für HIV-Infizierte oder Aidskranke. 110 Länder, darunter die Schweiz, kennen keine Restriktionen.

Auch Experten in China befürworten die Entscheidung. Li Dun, Rechtsprofessor an der Universität Tsinghua, sagt, dass solche Restriktionen diskriminierend seien und bei der Bekämpfung von Aids nichts bringen. Gerade wenn man berücksichtige, dass in China selbst 740'000 Menschen HIV-Positiv sind. Seit 1985 sind offiziell 49'845 Chinesen an Aids gestorben. Laut «China Daily» ist die Dunkelziffer noch viel höher.

Der internationale Sinneswandel

Für Zhang Beichuan, Medizinprofessor an der Universität Qingdai, ist dieser Entscheid für Chinas Gesellschaft eine wichtige Botschaft: «Früher wurde Aids gleichgesetzt mit einem verdorbenen Lebensstil. Nun behandelt die Regierung die Krankheit aus einer Perspektive des Gesundheitswesens.» Noch bleibt aber viel Aufklärungsarbeit. Laut einer Umfrage des Onlineunternehmens «Sohu» befürwortet aus Angst vor einer Weiterverbreitung des Virus eine Mehrheit der Chinesen das Einreiseverbot.

China ist nicht das einzige wirtschaftlich bedeutende Land, das ein solches Verbot kennt. Erst gerade im Januar haben die USA ihr 22-jähriges Einreiseverbot für Menschen mit HIV oder Aids aufgehoben. Ähnlich wie in China wurde das Verbot Ende der 1980er auf dem Höhepunkt der globalen Panik um die Krankheit erlassen. Auch Südkorea ist dem amerikanischen Vorbild gefolgt und hat seinen Reisebann im Januar gelockert. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.04.2010, 18:18 Uhr

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