Ausland

Perspektiven: Wo Mächte entstehen und vergehen

Von Artur K. Vogel. Aktualisiert am 26.11.2011 2 Kommentare

China und Indien sind die künftigen Weltmächte, das ist bekannt. Und nirgendwo wird einem das eindrücklicher vordemonstriert als in Burma/Burma.

Das «Missing Link» zwischen China und Indien: Myanmar, im Bild die Haupstadt Rangun.

Das «Missing Link» zwischen China und Indien: Myanmar, im Bild die Haupstadt Rangun.

Fussnoten

1) Thant Myint-U: Where China Meets India – Burma and the New Crossroads of Asia, London 2011.

2) Amitav Ghosh: Der Glaspalast, btb-Taschenbuch bei Goldmann, 2002.

George Orwell: Tage in Burma, Diogenes-Taschenbuch, 15. Aufl. 1982.

3) «Der Spiegel», 2. Oktober 2011.

4) «Der Bund», 25. Mai 2010.

China und Indien sind die künftigen Weltmächte, das ist bekannt. Und nirgendwo wird einem das eindrücklicher vordemonstriert als in Burma/Burma, dem «Missing Link» zwischen den zwei Riesenländern, wie sich der burmesische Autor und Wissenschaftler Thant Myint-U ausdrückt 1).

Historisch hat Indien in Burma eine grosse Rolle gespielt: Nach mehreren Kriegen vertrieben die Briten 1885 den letzten burmesischen König, Thibaw, und unterstellten das Land ihrer indischen Kolonialverwaltung. Niemand hat das Schicksal Thibaws spannender beschrieben als der indische Autor Amitav Ghosh, während sich George Orwell, der als Polizeioffizier in den 1920er-Jahren in Burma stationiert war, in seinem ersten Roman kritisch mit den Kolonialisten auseinandersetzte 2).

Statt Briten und Inder dominieren jetzt die Chinesen. Mandalay etwa, Thibaws letzte Hauptstadt, 1857 von seinem Vater Mindon gegründet, war vor kurzem noch ein verschlafenes Kaff. Heute gleicht Mandalay mit einer Million Einwohnern einer quirligen chinesischen Provinzstadt mit überbordendem Strassenverkehr, Kaufhäusern, chinesischen Restaurants und einem Viertel, in welchem Buddha-Statuen aus Marmorblöcken gehauen werden, für den Export nach China bestimmt.

Grosse Gedanken – neu gedacht

China hat, wie Thant Myint-U schreibt, den alten Traum der Engländer von einer direkten Verbindung via Burma nach Indien wieder aufleben lassen: «Ebenso, wie britische Planer vor einem Jahrhundert auf die Landkarte schauten und grosse Gedanken dachten, tun chinesische Planer heute dasselbe» – mit weit mehr Erfolg: Burma ist auf dem besten Weg, zu «Chinas Kalifornien» zu werden, hat Thant Myint-U beobachtet. Dank neuen Verkehrswegen, Flugverbindungen und einer geplanten Pipeline könnte Burma zu Chinas Westküste werden, welche das Reich der Mitte selber nicht besitzt: ein direkter Zugang zum Golf von Bengalen.

Ebenso, wie die britische Kolonialisierung vor allem der Ausbeutung diente, verficht auch China vor allem seine ökonomischen Interessen. Und ausgerechnet die USA sind massgeblich dafür verantwortlich, dass die Chinesen in Burma praktisch walten können, wie es ihm beliebt. Denn Washington hat Burma, das seit 1962 von Generälen diktatorisch regiert wird und erst seit einem Jahr so etwas wie eine scheue Demokratisierung versucht, mit drakonischen Sanktionen belegt: Exporte in die USA sind verboten; Weltbank und Währungsfonds dürfen dem Land keine Kredite gewähren; das Verbot von Finanztransaktionen macht es für burmesische Firmen fast unmöglich, mit dem Westen Geschäfte zu tätigen.Indien, Thailand und vor allem China sind nur allzu gern in die Lücke gesprungen, und die Chinesen sind mit den herrschenden Generälen und ihren verzweigten Clans – der für Diktaturen typischen verfilzten, korrupten Oligarchie – eine lukrative Symbiose eingegangen: Grosszügige Zahlungen an die burmesische Oberschicht im Gegengeschäft gegen grosszügigen Zugriff auf burmesische Rohstoffe.

Chinesen plündern die burmesischen Teakwälder. Auf dem Irrawaddy, dem fast 2200 Kilometer langen Fluss, der Burma von Nord nach Süd durchfliesst und nahe der alten Hauptstadt Rangun in den Indischen Ozean mündet, kann man unablässig riesige Flösse und Transportschiffe beobachten, mit dem wertvollen Holz beladen. Zudem bauen die Chinesen Mineralien, Edelmetalle und Edelsteine ab. Und im nördlichen Kachin-Staat, dort, wo die Flüsse Mali und Nmai zusammenfliessen und den Irrawaddy bilden, wollten chinesische Investoren einen gewaltigen Staudamm bauen, um Elektrizität zu erzeugen, die nach China hätte geliefert werden sollen – und das, obwohl weite Gebiete Burmas noch nicht elektrifiziert sind. Hier, am Oberlauf des Irrawaddy, stiessen die Chinesen allerdings auf Hindernisse.

Am 30. September 2011 gab die burmesische Regierung überraschend bekannt, der Dammbau werde gestoppt. Dazu meinte der «Spiegel» 3): «Ausschlaggebend für die überraschende Verhängung des Baustopps (...) war offensichtlich ein geheimer 900-Seiten-Bericht über die Risiken des Mega-Damms am Irrawaddy, der Mitte September durch eine gezielte Indiskretion an die Öffentlichkeit gekommen ist – ironischerweise vermutlich durch chinesische Wissenschaftler. Dies führte dazu, dass der Streit um den Staudamm zum Lackmus-Test für Reformen und Demokratisierung in Burma wurde. Er befeuerte auch die schwelende Diskussion über den Einfluss Chinas auf das arme Nachbarland mit den vielen Rohstoffen.»

Chinas Einflusssphäre

Doch der Rückschlag beim Myitsone-Kraftwerk ändert nichts an der Tatsache, dass China in Burma zügig seine Einflusssphäre ausbaut. Und Burma ist kein unbedeutendes Ländchen, sondern mit 680 000 Quadratkilometern genauso gross wie Frankreich und mit rund 55 Millionen Einwohnern auch fast so bevölkerungsreich.

Wenn wir davon ausgehen, dass China nicht nur Burma in seine Einflusssphäre bringt, sondern auch in Laos, Kambodscha, Vietnam, Nordkorea zum dominanten Faktor wird, können wir uns das Ausmass einer künftigen chinesischen Hegemonie plastisch vorstellen. Und während wir aus dem fernen Europa mehr oder weniger unbeteiligt zuschauen und uns höchstens darüber ärgern, dass China im Weltsicherheitsrat, dem es als Vetomacht permanent angehört, immer wieder Pläne des Westens zu Fall bringt, wird man in der Region zunehmend unruhig. Erst vor kurzem hat Japan – einst selber eine imperialistische Regionalmacht – wieder militärische Manöver abgehalten. Denn in Japan hält man China nicht nur für eine aufstrebende Wirtschaftsmacht. Man traut dem kommunistischen Grossreich durchaus auch militärische Interventionen zur Durchsetzung seiner Interessen zu. «Die chinesische Marine (...) zeigt ihre zunehmende Stärke in den Gewässern um Japan und bestätigt ihr Bestreben, die USA als Seemacht im Pazifik abzulösen. (...) Chinas Kampf um die Oberhand im Pazifik schürt Ängste in Japan», schrieb etwa die ehemalige japanische Verteidigungsministerin Yuriko Koike 4).

Europas Niedergang

Welche Lehren können wir Europäer daraus ziehen? Gar keine, fürchte ich. Ebenso, wie das alexandrinische, das mongolische, das römische oder das sowjetische Reich und das britische Empire einst implodierten, werden auch Europa – das gar nie eine politische Einheit war, erst nach dem Zweiten Weltkrieg beziehungsweise nach dem Fall der Mauer zu so etwas wie politischer Kohäsion fand und gegenwärtig sein Scheitern als ökonomische Weltmacht probt – sowie die USA ihre dominierende Position in der Welthierarchie verlieren.

Rückblickend werden Historiker das 15. bis 19. Jahrhundert als Epoche der kulturellen und wirtschaftlichen Hochblüte Europas definieren, das 20. Jahrhundert als die kurze Epoche amerikanischer Hegemonie und das 21. – oder wenn wir und unsere Kinder sehr viel Glück haben, das 22. – Jahrhundert als Periode ihres Niedergangs. (Der Bund)

Erstellt: 26.11.2011, 09:16 Uhr

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2 Kommentare

Jutta Maier

26.11.2011, 09:39 Uhr
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Was für eine bedrückende Situation. Zum Glück habe ich keine kinder in diese Welt gesetzt. Antworten



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