«Ihr Europäer denkt bei Scharia immer gleich an abgehackte Hände»
Von Thomas Schmid. Aktualisiert am 20.01.2011 43 Kommentare
Der Journalist Hamadi Jabali sass 16 Jahre in Tunesien im Gefängnis. Er ist Generalsekretär der verbotenen Islamistenpartei Ennahda.
Verfahren gegen Ben Ali
In Tunesien hat die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen Machthaber Zine al-Abidine Ben Ali eröffnet. Es soll klären, ob der 74-Jährige und seine Familie sich illegal Vermögen angeeignet und dieses ins Ausland geschafft haben. Ben Ali hatte sich am Freitag nach 23 Jahren an der Macht nach Saudi-Arabien abgesetzt.
Die neue Übergangsregierung vertagte ihre für Mittwoch geplante erste Sitzung. Sie soll jetzt heute Donnerstag abgehalten werden. Gleichzeitig gab einer der neuen Minister bekannt, dass alle politischen Gefangenen freigelassen worden seien, auch von den Mitgliedern der islamistischen Partei Ennahda sei niemand mehr in Haft. Derweil fanden auch am Donnerstag wieder in einigen Städten des Landes Demonstrationen gegen die Besetzung aller Schlüsselministerien durch Ex-Getreue Ben Alis statt.
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Ihr Chef, Rachid al-Ghannouchi, hat im Londoner Exil kurz vor der Bildung der neuen Regierung gesagt, er könne sich eine Beteiligung vorstellen. Sie sind dagegen. Gibt es einen Konflikt in Ihrer Partei?
Ich weiss nichts von den Äusserungen von Herrn Ghannouchi. Aber wir lehnen eine Beteiligung an dieser Regierung ab. Wir wollen eine Regierung, an der sich alle beteiligen, ohne Ausnahme.
Auch die RCD, die Partei Ben Alis, die Staatspartei?
Wir sind gegen Einschränkungen. Aber schauen Sie auf die Strasse! Das Volk hat sich gegen die Politik der RCD ausgesprochen. Wer in die Repression verwickelt ist, kann nicht an der Regierung beteiligt werden. Ich habe Premier Ghannouchi getroffen und ihm gesagt: Sie haben einen Fehler gemacht, Sie haben eine Regierung gebildet, die keine Legitimität hat, weil sie bestimmte Segmente der Gesellschaft ausschliesst. Zudem hätte der Regierungsbildung eine freie Diskussion vorangehen müssen.
Was muss eine künftige Regierung als Erstes tun?
Man muss Massnahmen ergreifen, um die Lage zu beruhigen. Es braucht zunächst eine Generalamnestie. Noch immer sind 5000 Menschen im Gefängnis, weil sie islamistischer Umtriebe bezichtigt werden. Dann muss allen politischen und gesellschaftlichen Kräften erlaubt sein, frei zu arbeiten, sich zu äussern, sich zu versammeln.
Die Europäische Union, vor allem Frankreich, hat Ben Ali lange unterstützt, weil er die islamistische Gefahr gebannt hat.
Was den Islam betrifft, herrscht in Europa eine Psychose. Ich habe neun Jahre in Paris gelebt. Ich kenne die Mentalität in Europa. Ich habe versucht, Europäer zu verstehen, mich in die Lage eines Europäers zu versetzen. Es wäre gut, wenn die Europäer versuchen würden, den Islam zu verstehen. Bevor man jemanden verurteilt, soll man mit ihm sprechen und ihm zuhören. Ben Ali hat die Vorurteile der Europäer genutzt, um seine Herrschaft zu stabilisieren.
Tunesien ist ein laizistischer Staat. Sind Sie für die Einführung von Elementen der Scharia, des islamischen Gesetzes, in eine neue Verfassung, die Sie fordern?
Ihr Europäer denkt bei Scharia immer gleich an Hände, die man Eierdieben abhackt. Aber wenn man Hände abhacken müsste, dann Ganoven wie Ben Ali, die das Land ausgeplündert haben, die eine Diktatur errichtet haben. Im Ernst: Welches Gesetz in Tunesien angewandt wird, haben nicht wir zu entscheiden, sondern das Volk. Wir sind für demokratische Wahlen, für eine demokratisch legitimierte Macht.
In Tunesien sind die Frauen rechtlich den Männern quasi gleichgestellt. In Algerien und Marokko, wo die Islamisten politischen Einfluss ausüben, haben die Frauen weniger Rechte.
Gott hat den Frauen einen Platz zugewiesen. Es ist ein privilegierter Platz. Wenn in einer Familie beide, der Mann und die Frau, arbeiten, muss der Mann für die Familie sorgen. Die Frau kann mit ihrem Geld machen, was sie will.
Im Islam darf der Mann vier Frauen haben. Sie sind für Gleichberechtigung: Darf die Frau vier Männer haben?
Ich selbst habe nur eine Frau. Und das soll die Regel sein. Weitere Frauen darf ein Mann nur haben, wenn die erste Frau einverstanden ist und alle Frauen vom Mann gleichbehandelt werden. Das ist doch fast unmöglich. Zudem ist noch kein Mann je schwanger geworden. Bei der Frau weiss man bestimmt, dass sie die Mutter ihres Kindes ist, beim Mann nicht.
Wo verorten Sie Ihre Partei Ennahda: Ist sie mit der konservativen AKP des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan vergleichbar oder eher mit der palästinensischen Hamas oder den ägyptischen Muslimbrüdern?
Wir haben Affinitäten mit der AKP, und wir haben Respekt vor dem Kampf der Hamas gegen die israelische Besetzung.
Ihre Partei ist verboten. Hat die Ennahda Strukturen, Zellen in Tunesien?
Noch nicht. Unter Ben Ali war das unmöglich. Er hat die politische Landschaft zerstört, selbst seine eigene Partei.
Mobilisieren Sie jetzt gegen die neue Regierung?
Wir haben keine funktionierenden Strukturen. Wir können gar nicht mobilisieren. Aber das ist auch gar nicht nötig. Die Leute gehen von sich aus auf die Strasse. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.01.2011, 11:52 Uhr
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43 Kommentare
Frau Schellenberger sie haben 100% recht- leider ist es aber dabei geblieben. Der Islam hat keinen Fortschritt gemacht- das Christentum schon: wir verbrennen niemanden, wir foltern nicht mehr- Scharia hingegen.... in vielen muslimischen Ländern sind Frauen Sklaven, der Lebensstandard praktisch Null- Beispiel der Iran in den letzten 50 Jahren...zurück ins Mittelalter- aber Atomwaffen müssen her. Antworten
die sharia ist ein barbarisches rechts system in dem menschen die hände abgehackt werden in dem frauen gesteinigt werden und in dem frauen als bürger zweiter klasse behandelt werden und so etwas hat im jahr 2011 kein recht zu existieren. Antworten
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