Ausland

Grosseinkauf in Peking

Von Jutta Lietsch, Peking. Aktualisiert am 24.08.2009

57 Kleidungsstücke für 100 Franken: Was He Bingmei in Peking auf einem Grossmarkt einkauft, sprengt die Vorstellungskraft mancher weiblicher Shoppingfans hierzulande.

He Bingmei. (Jutta Lietsch)

He Bingmei. (Jutta Lietsch)

He Bingmei schliesst die Wohnungstür leise hinter sich. Es ist früh am Morgen, Viertel nach vier. Draussen beginnt es zu dämmern, gegenüber brennt in einem einzigen Fenster Licht. Noch liegt die Wohnsiedlung mit ihren fünfstöckigen Häuserblocks in tiefster Ruhe, nur aus den Bäumen tönt der an- und abschwellende Gesang der Zikaden.

Härtere Zeiten

Zwanzig Minuten geht Frau He durch die leeren Strassen. An der Bushaltestelle der Linie 915, die sie vom Pekinger Vorort Shunyi in den Süden der Hauptstadt bringen soll, wartet schon eine Kollegin. Sie nicken einander zu, gesprächig ist niemand um diese Zeit. He ist 33 Jahre alt. Sie verkauft im überdachten Strassenmarkt gegenüber der Haltestelle Mädchenkleidung.

So früh wie heute steht sie in der Regel ein- bis zweimal in der Woche auf, um zum Kleidergrossmarkt zu fahren. Im vergangenen Jahr, als die Wirtschaft wegen der Olympischen Spiele boomte und von Krise noch nicht die Rede war, hatte sie es bequemer. Für die Fahrten zum Grossmarkt mietete sie sich mit fünf oder sechs anderen Händlerinnen einen kleinen Lieferwagen.

Jetzt laufen die Geschäfte schlecht. «Alle sparen», sagt sie, «ich auch.» Also ab in den Bus. Die Fahrt kostet nur 75 Rappen hin und zurück. Um diese Zeit sind auf diesem Teil der Strecke noch Sitze frei.

Traum von eigener Wohnung

Der Bus rollt durch die Strassen von Shunyi, wo rund 730000 Einwohner leben. Überall schiessen Neubauten in die Höhe. «Hier kostet der Quadratmeter 7000 Yuan», sagt He. Das sind etwas mehr als 1000 Franken. Wie in China üblich ist damit nur der Rohbau bezahlt. Die Einrichtung von Badezimmer und Küche, die Türen und der Bodenbelag kommen noch dazu. He träumt von einer eigenen Wohnung hier im Nordosten Pekings. Regelmässig durchforstet sie das Internet nach Angeboten. «Hätten wir nur schon vor vier Jahren zugeschlagen, als wir hergezogen sind«, sagt sie und seufzt.

Damals gab es gute Appartements für die Hälfte dessen, was sie heute kosten. Viele haben sich mit Immobilien eine goldene Nase verdient. Aber dafür hätten Frau He und ihr Mann einen grossen Kredit aufnehmen müssen. «Das haben wir uns nicht getraut», sagt sie. «Mir würde es nichts ausmachen, jeden Tag für wenig Geld zu essen, Teigfladen mit etwas Gemüse», fährt sie fort, «und eigentlich sollte es reichen, nur alle paar Jahre einmal nach Hause zu fahren. Dann könnten wir die Fahrkarten sparen.» Nach Hause, das heisst für sie Liuzhou, eine Stadt 3500 Kilometer entfernt im Südwesten Chinas. Von dort aus hatte sich die Familie im Herbst 2004 nach Peking aufgemacht.

Ihr Mann, der Englischlehrer Ma Xi, denkt allerdings anders: «Er findet, wir sollten das Leben geniessen und ruhig etwas für Ausflüge mit unserem Sohn ausgeben«, berichtet sie. Besuche bei den Eltern zweimal im Jahr gehören für ihn zum festen Jahresprogramm. «Meinem Mann ist es egal, dass wir nur zur Miete wohnen», sagt He.

Vor ein paar Tagen hat er sich den achtjährigen Sohn Ma Yue geschnappt, der gerade Ferien hat, und ist mit ihm an die Küste gefahren. Das kostet, aber: «Die beiden schwimmen so gern.» Sie ist froh, dass Vater und Sohn sich so gut verstehen.

Ausserdem hat die Familie bereits vor einiger Zeit in der Heimatstadt Liuzhou eine kleine, günstige Wohnung gekauft, die sie vermietet. «Im Notfall können wir da immer wieder hin», sagt He.

Todschick herausgeputzt

Es wird schnell hell, die Strassen beleben sich, im Bus wird es eng. Zweimal muss He umsteigen, bis sie nach zwei Stunden Fahrt um kurz vor halb sieben am «Rote-Brücke-Grossmarkt für Bekleidung» ankommt. He eilt zielstrebig in den hinteren Teil des Gebäudes: «Vorne sind die Waren teurer», erklärt sie. Drinnen preisen Händlerinnen T-Shirts und Jeans an.

Es sind überwiegend Frauen, die hier seit vier Uhr morgens arbeiten.

Viele sind todschick herausgeputzt. Es ist gerade Mode, sich im Stil koreanischer oder japanischer Püppchen aufzutakeln: weiss geschminkt, mit unendlich langen künstlichen Wimpern um die geschwärzten Augenlider, dazu toupierte Pferdeschwanz-Frisuren, glitzernde Haarspangen, funkelnde Ohrringe und schimmernde Sonnenbrillen.

Die Verkaufsgespräche sind sachlich, niemand verschwendet Zeit. He weiss genau, was sie will. Sie braucht nur eine gute Stunde, um mehrere Etagen voller Kinder- und Erwachsenenkleidung zu durchforsten. Bei jedem Kauf lässt sie sich eine Visitenkarte der Händlerin geben und die Warenbezeichnung präzise darauf notieren. Die fehlerhafte Kinderhose, die sie eine Woche zuvor erstanden hatte, wird anstandslos umgetauscht.

He füllt ihre Ausbeute in zwei schwarze Plastiksäcke: drei Kleider für umgerechnet je Fr. 3.80 ; zwei T-Shirts für je 2 Franken; vier Sporthemden für je Fr. 2.90 ; 18 einfarbige Shorts für je Fr. 2.30 ; vier zweifarbige Shorts für je Fr. 2.60 ; drei Paar Hosen für je Fr. 1.50 ; zwei Westen für je Fr. 1.70 ; ein Hemd für Fr. 1.50 ; zwei Kleider für je 2 Franken, 18 Bolero-Jäckchen aus Nylon-Spitze für insgesamt Fr. 14.50.

Kein Wort der Klage

In der grossen Selbstbedienungskantine im siebten Stock legt He eine kurze Frühstückspause ein. Über einer Schüssel Maissuppe zählt sie ihre Ausgaben zusammen: 698 Yuan; das sind rund 100 Franken. Jedes Stück wird sie bis zu Fr.1.50 teurer verkaufen, als sie es eingekauft hat. So verdient sie rund 300 Franken im Monat. «Meine Kunden sind nicht reich«, sagt sie, «ich kann meine Ware nicht teurer verkaufen.»

Es ist halb neun morgens geworden – Zeit, nach Shunyi zurückzukehren. Bis 18 Uhr wird He heute noch an ihrem Stand stehen, wie fast jeden Tag, auch am Wochenende. Sie beklagt sich nicht. «Kein Problem», sagt sie. (Der Bund)

Erstellt: 24.08.2009, 09:45 Uhr

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