«Er propagiert die totale Verwestlichung Chinas»
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 09.12.2010 23 Kommentare
Andrea Riemenschnitter ist Professorin für moderne chinesische Sprache und Literatur an der Universität Zürich.
(Bild: pd)
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Umfrage
Das Friedensnobelpreiskomitee hat mit der Wahl von Liu Xiaobo China verärgert. Was halten Sie von der Wahl?
Ich begrüsse die Wahl.
Es ist eine unnötige Provokation.
Hätte anderen Kandidaten vorgezogen.
2676 Stimmen
Was bedeutet die Nobelpreisvergabe an Liu Xiaobo für China?
In China zieht man die Augenbrauen hoch, reagiert verärgert. Der Westen zeichnet jemanden aus, der im eigenen Land als Unruhestifter in Haft genommen wurde. Dies wird als Provokation, als Einmischung von aussen aufgefasst.
Wird Liu Xiaobo nun erst recht hart angefasst werden oder versucht man gegenüber dem Westen ein positives Zeichen zu setzen und lässt ihn bald frei?
Das kommt darauf an, wie der Westen mit China darüber ins Gespräch kommt. China geht normalerweise mit solchen Angelegenheiten sehr geschickt um, kennt sich auf dem Parkett diplomatischer Machtspiele gut aus.
Was heisst das?
China könnte eine Freilassung im diplomatischen Verkehr an Bedingungen knüpfen. Wie genau das abgehen wird, ist schwer zu sagen. Aber China ist immer für Überraschungen gut.
Liu Xiaobos Frau äusserte sich im Vorfeld skeptisch gegenüber einer allfälligen Vergabe des Preises an ihren Mann. Sie fürchtete sich vor Repressalien.
Es ist zu hoffen, dass das Nobelpreiskomitee weiss, was es tut, wenn es jemanden auszeichnet. Ich könnte mir vorstellen, dass China ihn bald ausreisen lassen wird wie vormals Liao Yiwu.
Was zeichnet Liu Xiaobo als Autoren aus?
Er schreibt sehr publikumswirksam, seine ersten Bücher waren Bestseller – solange sie erlaubt waren. Er hat ursprünglich Literatur studiert, sich mit der westlichen Philosophie auseinandergesetzt, bis er sich der Politik und den Menschenrechten zuwandte. In den 80er-Jahren hat er sich mit einigen Studenten zu einer Lyrikergruppe zusammengetan, die viel Beachtung fand.
Seine Bücher sind in China verboten, bekommen die Chinesen seine Texte dennoch zu lesen?
Ja, im Internet findet man alles. Er ist in China ein bekannter Mann, der allerdings auch unter seinen Lesern nicht immer unumstritten ist.
Weshalb?
Er ist sehr radikal, kompromisslos, propagiert die totale Verwestlichung Chinas. Besonders provozierte er, als er meinte, Hongkong habe vom Kolonialregime profitiert. Diese Aussage hat ihm dann später leidgetan. Er kann hitzig werden, wenn es um seine Sache geht. So auch beim Studentenaufstand von 1989, wo er eine tragende Rolle spielte.
Haben Sie ihn einmal getroffen?
Nein, ich kenne ihn nur aus seinen Publikationen. Darin sticht seine kompromisslose Haltung hervor, dafür ist er auch zu bewundern. Er opfert sein Glück für das Allgemeinwohl, er ist ein Idealist, wie sie in der Geschichte Chinas immer wieder vorgekommen sind.
Sie tönen doch etwas skeptisch über die Wahl des Nobelpreiskomitees. Weshalb?
Es besteht ein wenig die Gefahr, dass wir zu sehr auf das schauen, was die anderen aus unserer Sicht falsch machen, statt vor der eigenen Tür zu kehren oder die gemeinsamen, geteilten Probleme auch als solche zu behandeln. Ich hoffe und wünsche Liu Xiaobo, dass der Friedensnobelpreis dazu beiträgt, Türen zu öffnen, statt weiter als Affront und Einmischung in die inneren Angelegenheiten Chinas missverstanden zu werden. China müsste dabei über einen wesentlich grösseren Schatten springen als Oslo, aber Oslo sollte zumindest ein Zeichen setzen, wie es gehen könnte.
Was sollte man von Liu Xiaobo gelesen haben?
Ich empfehle seine Aufsatzsammlungen, da äussert er sich als Aktivist. Als Literat ist er im Westen kaum bekannt, ich wüsste auch nicht von Übersetzungen, höchstens mal ein einzelnes Gedicht. Hier im Westen wird er als Intellektueller gelesen, nicht als Schriftsteller. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.10.2010, 13:46 Uhr
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23 Kommentare
wieder einmal etwas mut und sachverstand beim nobelpreis-komitee. dies im gegensatz zu letztem jahr, wo der preis völlig unverständlich an obama ging, welcher den krieg gegen irak weitergeführt und den krieg gegen afghanistan sogar noch verstärkt hat ..... Antworten
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