«Entscheidend ist, ob China Kim Jong-un akzeptiert»
Interview: Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 19.12.2011 11 Kommentare
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Was bedeutet der Tod von Kim Jong-il für Nordkorea und die Stabilität auf der koreanischen Halbinsel?
Henrik Bork: Für eine Diktatur wie Nordkorea ist das ein kritischer Moment. Die zentrale Frage lautet: Wie wird sich der Macht- und Sicherheitsapparat in Pyongyang verhalten? Es herrscht grosse Nervosität in der Region. Es ist kein Zufall, dass Südkorea seine Truppen in Alarmbereitschaft versetzt hat. Auch China als Schutzmacht von Nordkorea sowie Japan verfolgen die Entwicklung in Nordkorea mit grösster Aufmerksamkeit. Man muss nun abwarten, ob es ruhig bleibt in Nordkorea. Eigentlich haben alle Staaten in der Region ein Interesse an Stabilität in Nordkorea.
Sind denn Unruhen zu erwarten?
Wenn jemand in Pyongyang eine andere Politik fordert oder eine andere Meinung vertritt, dann hat er jetzt Gelegenheit, sich zu Wort zu melden. Ich sehe aber keine Anzeichen für Proteste oder Unruhen. Die Elite von Nordkorea, die in Saus und Braus lebt, hat auch kein Interesse daran, dass sich etwas ändert. Und die Bevölkerung hat ganz andere Sorgen, sie kämpft um das Überleben. Nordkorea hängt eigentlich am Tropf der internationalen Hilfsorganisationen.
Wirtschaftsreformen wären dringend notwendig in Nordkorea. Sind wenigstens zaghafte Reformversuche zu erwarten?
Alle bisherigen Reformversuche Nordkoreas sind gescheitert. Es hat in den vergangenen Jahren eine halbherzige Währungsreform gegeben, die wieder aufgegeben werden musste. Gemeinsame Tourismusprojekte und eine Sonderwirtschaftszone mit Südkorea sind aus politischen Gründen versandet. Solange es Nordkorea nicht gelingt, sein Verhältnis zu den USA zu verbessern, wird sich an der internationalen Isolation des Landes vermutlich wenig ändern. Ob sich das nun unter dem neuen «starken Mann» ändern wird, muss abgewartet werden.
Kim Jong-il hat seit letztem Jahr seinen Sohn Kim Jong-un als Nachfolger aufgebaut. Kann es bei der Nachfolgeregelung noch eine Überraschung geben?
Ich rechne nicht damit. Entscheidend ist jedoch, ob China Kim Jong-un als neuen Machthaber von Nordkorea akzeptiert. Bis jetzt gibt es keine offizielle Stellungnahme der chinesischen Regierung. In den staatlichen Medien ist der Tod von Kim Jong-il sachlich vermeldet worden. Ich gehe davon aus, dass China den Machtwechsel in Pyongyang so, wie er vorgesehen ist, billigen wird. Gleichzeitig wird China Druck auf Nordkorea ausüben.
Was erwartet China von Nordkorea?
China wird darauf drängen, die Sechser-Gespräche zur Frage der atomaren Abrüstung wieder aufzunehmen. (An den Sechser-Gesprächen waren China, Nordkorea, Südkorea, USA, Russland und Japan beteiligt. Anmerkung der Redaktion.) Grundsätzlich ist China am Status quo interessiert. Nicht zuletzt haben die Chinesen ein Interesse daran, dass Nordkorea als staatliche Einheit erhalten bleibt.
Wer ist Kim Jong-un, der neue Machthaber Nordkoreas?
Über Kim Jong-un ist herzlich wenig bekannt. Es nicht einmal klar, ob er 1983 oder 1984 geboren ist. Kim Jong-un soll in der Schweiz ein Internat besucht haben – aber auch das ist keine gesicherte Information. Kim Jong-un bekleidet hochrangige Ämter, seit er von seinem Vater zum Nachfolger ernannt worden ist. Seit etwa einem Jahr ist Kim Jong-un Vier-Sterne-General der nordkoreanischen Armee und Mitglied des Zentralkomitees der Partei. In letzter Zeit begleitete er seinen Vater bei dessen Reisen durchs Land.
Kim Jong-il hat zwei weitere Söhne, Kim Jong-nam und Kim Jong-chol. Welche Rolle spielen sie im nordkoreanischen Regime?
Sie sind vernachlässigbar. Kim Jong-nam führt das Leben eines Playboys. Er fiel bei seinem Vater in Ungnade, nachdem er bei einer Reise in Japan mit gefälschten Papieren erwischt worden war. Kim Jong-chol war eigentlich der Lieblingssohn von Kim Jong-il. Weshalb er im Machtapparat Nordkoreas keine Rolle spielt, ist unklar.
Der verstorbene Kim Jong-il hat einen bizarren Personenkult betrieben. Wird er nun wie sein Vater Kim Il-sung ein Mausoleum erhalten?
Das ist möglich. Das Mausoleum seines Vaters ist aber kaum zu überbieten. Das Mausoleum, das für Kim Il-sung errichtet wurde, erinnert an pharaonische Dimensionen.
Was ist in den nächsten Tagen in Nordkorea zu erwarten?
Das Regime in Pyongyang hat eine Staatstrauer ausgerufen, die bis am 29. Dezember dauern wird. In den nächsten Tagen wird es Massenkundgebungen zu Ehren von Kim Jong-il geben, Menschen werden öffentlich um den geliebten Führer weinen. Die Nachrichtensprecherin im staatlichen Fernsehen hat geweint, als sie die Todesnachricht von Kim Jong-il verlesen hat. Das Begräbnis von Kim Jong-il findet am 28. Dezember statt. Wer bei der Begräbnisfeier als Erster den Blumenkranz zu Ehren von Kim Jong-il niederlegen kann, ist dessen Nachfolger. Und das wird Kim Jong-un sein, wenn er wie erwartet tatsächlich zum Leiter der Beerdigungskommission ernannt wird. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.12.2011, 10:39 Uhr
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11 Kommentare
Wenn ein übergewichtige Person Regierungschef wird, ist das nicht weiter schlimm. Wenn aber ein ehrheblicher Teil der Bürger des Landes Anzeichen von Unterernährung aufweist, ist das schlicht pervers! Doch das die Machthaber in Nordkorea das Wahl ihrer Bürger nicht interessiert, wissen wir bereits. Antworten
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