Ausland

Monica Fahmy
Ressortleiterin Reporter


«Ein Zeichen an die grossen Mächte»

Aktualisiert am 19.04.2012 23 Kommentare

Mit dem erfolgreichen Raketentest positioniert sich Indien als Gegengewicht zu China. Im Gespräch mit DerBund.ch/Newsnet sagt der Strategieexperte Albert A. Stahel, ob neue Konflikte drohen.

1/5 Indiens erfolgreicher Raketentest: Am 19. April 2012 startete die atomwaffenfähige Langstreckenrakete Agni V von Wheeler Island aus und erreichte planmässig ihr Ziel im Indischen Ozean.
Bild: Keystone

   

«Die Zukunft von Asien liegt in den Händen von Indien und China»: Albert A. Stahel, Dozent für Strategische Studien, Universität Zürich.

Indiens Raketenprogramm

Indiens erste Rakete wurde 1989 eingeführt. Das Raketenprogramm wurde ständig ausgebaut. Ende 2011 testete Indien die Rakete Agni IV, welche eine Reichweite von 3500 Kilometern hat. Das Modell wird bald von der Armee in Betrieb genommen.
Neu ist nun die Langstreckenrakete Agni V mit einer Reichweite von über 5000 Kilometern. Die Rakete ist 17 Meter lang, wiegt 50 Tonnen und erreicht eine Fluggeschwindigkeit von 6700 km/h, fliegt also schneller als eine Gewehrkugel. Die Agni V kann von einer mobilen Vorrichtung abgeschossen werden.

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Welche Bedeutung hat der erfolgreiche Test der atomwaffenfähigen Langstreckenrakete für Indien?
Es ist ein Zeichen an die grossen Mächte in Asien und in der Welt. Eine interkontinentale ballistische Lenkwaffe hat eine Mindestreichweite von 5500 Kilometern, und damit hat Indien signalisiert, dass es zum grossen Club mit Russland, China und den USA gehört. Indien zeigt damit auch den Anspruch, als geopolitische asiatische Macht ernst genommen zu werden. Der Adressat der Nachricht ist dabei primär China.

Weshalb China und nicht etwa Pakistan, mit dem Indien eine langjährige Feindschaft verbindet?
Pakistan ist durch Indien mit Lenkwaffen geringerer Reichweite schon abgedeckt. Pakistan ist der kleine Herausforderer, der Stellvertreter der Chinesen vor Ort. China ist der grosse Herausforderer, der grosse Rivale in Asien. Die Chinesen haben eine ganze Reihe von Häfen im Indischen Ozean gebaut, Male, Gwadar in Pakistan, um nur einige zu nennen. Der Indische Ozean ist ja die wichtige Seeverbindung vom Mittleren Osten nach China.

Die staatliche chinesische «Global Times» warnte Indien, nicht «arrogant» zu werden. «Indien muss wissen, dass Chinas nukleare Macht grösser ist.» Droht eine Zuspitzung?
Das ist der falsche Ausdruck. Mit dem Raketentest wurde einfach nur ein Zeichen gesetzt. Die Inder werden vermutlich noch weitere Tests machen und vermutlich auch weitere ballistische Lenkwaffen interkontinentaler Reichweite einführen. Damit werden sich auch in diesem Bereich in Asien die beiden Grossen gegenüberstehen. Die Zukunft von Asien liegt in den Händen von Indien und China.

Wie sieht Indiens nukleares Arsenal aus?
Man weiss relativ wenig über die Anzahl der nuklearen Gefechtsköpfe von Indien. Es dürfte sich um mehrere Hundert handeln. Diese atomwaffenfähige Langstreckenrakete ist neu. Indien hat aber eine ganze Reihe von Lenkwaffen von kurzer und mittlerer Reichweite, die vor allem gegen Pakistan gerichtet sind.

Mit der Langstreckenrakete könnte Indien rein theoretisch auch Europa treffen.
Europa ist aus indischer Sicht, mit Ausnahme, dass man Produkte verkaufen kann, irrelevant. Die Asiaten rechnen nicht mehr mit Europa, es ist machtpolitisch unbedeutend. Europa kann in ihren Augen ja nicht einmal seine Wirtschaftskrise bewältigen.

China wirft Indien vor, dass es den Atomwaffensperrvertrag ignoriert.
Ja, es stimmt offiziell. Den Atomwaffensperrvertrag haben die Inder nie unterzeichnet. Das spielt aber hier keine Rolle. Das Thema wäre vielmehr, einen Vertrag zwischen Indien und China zu unterzeichnen, in dem geregelt würde, wie die Länder die gegenseitige Rüstung eingrenzen. Aber das werden sie vorderhand nicht machen.

Zwischen den USA und Russland war es auch möglich.
Das ist nicht das Gleiche, die USA und Russland sind gesättigte Rivalen. China und Indien haben noch Ansprüche. Jetzt geht es darum, einen Level zu erreichen, bei welchem sie sich sagen können, wir sind die zwei Grössten in Asien, die ehemaligen Kolonialmächte spielen keine Rolle mehr. Europa ist nur noch wirtschaftspolitisch interessant. Es gibt aber noch einen wichtigen Akteur, der sich freut: die USA. Alles, was China schwächt, hilft ihnen.

Schwächt der Raketentest denn China?
Nein, es ist lediglich ein Zeichen, dass eine Gegenmacht zu China da ist. Auf der einen Seite gibt es 1,2 bis 1,4 Milliarden Inder, ihnen stehen 1,4 Milliarden Chinesen gegenüber. Es sind riesige Gebiete, welche die Weltwirtschaft bestimmen.

Nordkorea hat erfolglos eine Langstreckenrakete getestet, es gab einen riesigen Aufschrei, der Iran hat keine Atombombe, ist aber ein ständiges Thema. Nun testet die Atommacht Indien erfolgreich eine Langstreckenrakete, und der Aufschrei bleibt aus. Warum?
Es ist eine andere geopolitische Lage. Nordkorea ist unangenehm für die USA und Japan, es ist ihr Blinddarm, der immer wieder juckt, und zwar mithilfe der Chinesen. Beim Iran spielen ganz andere Themen eine Rolle, so die geopolitische Einflussnahme des Iran in der ganzen Region. Darum geht es und nicht um die nukleare Rüstung.

Und Indien ist halt ein «Freund», darum lässt man ihm die Raketentests durchgehen.
Indien ist der ungeschriebene Alliierte der USA, deshalb sind die USA darüber glücklich. Wissen Sie, Politik, insbesondere die Geopolitik, ist nichts anderes als Zynismus. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2012, 16:15 Uhr

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23 Kommentare

Patrick Meier

19.04.2012, 16:47 Uhr
Melden 46 Empfehlung 0

Na, also im Gegensatz zum Iran spricht Indien auch keinem anderen Staat das Existenzrecht ab. Und im Gegensatz zu Nordkorea ist Indien keine totalitäre Diktatur die das eigene Volk verhungern lässt. Glaub da spielen doch noch mehr Faktoren mit als Geopolitische Interessen der USA. Antworten


giovanni bernasconi

19.04.2012, 17:19 Uhr
Melden 44 Empfehlung 0

Es ist an der zeit alle und jegliche Hilfe an Indien mit sofortiger Wirkung zu streichen. wer Geld hat zum solche Waffen zu bauen, braucht keine Hilfeleistungen. Antworten



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