Ausland
Der neue Gandhi
Von Tobias Matern. Aktualisiert am 22.08.2011 4 Kommentare
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Seinen Kampf nennt der kleine Mann «den zweiten Unabhängigkeitskrieg» Indiens. An vorderster Front setzt er darin weder das Gewehr ein noch das Schwert. Noch nicht einmal mit der verbalen Munition eines Populisten schiesst er scharf, obwohl das Volk gerade regelrecht an seinen Lippen hängt. Die Waffe des Kisan Bapat Baburao Hazare ist die Wahrheit. Sie ist simpel formuliert und wenig schmeichelhaft für die Mächtigen in Indien: Die aufstrebende Wirtschaftsnation nennt er «durch und durch korrupt». Um dies zu ändern, um wirksame Gesetze zur Bekämpfung des Übels auf den Weg zu bringen, ist der Sozialaktivist sogar bereit, sich zu Tode zu hungern.
Den 74-Jährigen, den die Menschen hier respektvoll «Anna» (grosser Bruder) nennen, trägt eine Welle der Sympathie, auch weil er einem prominenten Vorbild folgt. Auf dem Subkontinent sind viele Protestler im Einsatz, die sich beim Ringen um Gerechtigkeit auf den verehrten Vater der Nation, Mahatma Gandhi, berufen, der vor 64 Jahren die Briten zum Abzug bewogen hatte. Doch niemand entfaltet heutzutage auch nur annähernd eine solche Massenwirkung wie Hazare.
Hungerstreik live im Fernsehen
Für die Regierung ist er damit zur Gefahr geworden, der Aktivist treibt die politische Führung in Delhi geradezu vor sich her. Nach seinem Hungerstreik im April durfte er am Tisch der Mächtigen Platz nehmen und an einem Gesetz mitarbeiten. Doch was davon ins Parlament kommen sollte, war ihm zu lasch. Also begann er den Protest wieder von vorn – und hält Indien damit in Atem.
Schon Gandhi ging stets, um seine Ziele zu erreichen, den kompromiss-losen, geradlinigen Weg, der Gewalt ausschloss, aber Hungerstreiks beinhaltete. Hazare sieht sich nun in der Tradition des Mannes, der den ersten Unabhängigkeitskrieg für Indien gewonnen hat, und bedient sich für sein Anliegen des identischen Mittels.
Millionen Inder fiebern mit, und die Fernsehsender übertragen live, wenn Hazare mit seinem neuer- lichen Fasten beginnt oder ihn die Polizei zeitweilig aus lauter Hilflosigkeit einsperrt: Dann verweigert er eben hinter Gittern die Nahrungsaufnahme. So fordert er eine bestehende Ordnung heraus, die dem Allgemeinwohl schadet.
Korruption auf höchster Ebene
Hazare prangert an, was den Alltag bestimmt: Überall im Land fallen Schmiergelder an, Geld versickert in korrupten Taschen. Wer es sich leisten kann, wählt im bürokratischen Indien die «Abkürzung», wie die Menschen es das nennen. Das kann bei Behörden oder im Geschäftsleben der Fall sein: Laut einer Umfrage haben 66 Prozent der Inder schon einen Beamten bestochen, um den Führerschein ausgestellt zu bekommen. Fast genauso viele kleine und mittelständische Unternehmer geben zu, einem Finanzbeamten Geld zugesteckt zu haben, um Steuern zu vermeiden.
Aber nicht nur im Alltag ist das Phänomen Korruption weit verbreitet, auch die Regierung unter Premier- minister Manmohan Singh gibt in ihrer zweiten Amtszeit ein schwaches Bild ab. Sie taumelt von Skandal zu Skandal. Ein Minister verschleuderte offensichtlich Telefonlizenzen zu Ramschpreisen, dem indischen Staat gingen dadurch umgerechnet bis zu 33 Milliarden Franken verloren. Unter dieser politischen Führung sackten Funktionäre bei den Commonwealth Games Unsummen für sich selbst ein.
Der tägliche Existenzkampf
Wenn der Regierungschef nun wütend Hazares erpresserische Methoden attackiert, spricht aus ihm ein frustrierter Politiker, der lange Zeit als unbescholten galt, nun aber einer Koalition vorsteht, die im Ansehen der Wähler tief gefallen ist.
Der von Hazare angeführte Aufstand dreht sich indes nicht primär um die Affären einer einzelnen Regierung, es geht ganz grundsätzlich um die drängende Frage nach sozialer Gerechtigkeit in einem Land, das vor 20 Jahren seine Märkte liberalisiert und seitdem regelmässig beeindruckende Wachstumszahlen produziert hat. Denn trotz der anziehenden Wirtschaft ist eine krasse gesellschaft-liche Ungerechtigkeit weit verbreitet. Die Mehrheit der Bevölkerung ist nach wie vor nicht bloss arm, sondern muss Tag für Tag um ihre Existenz kämpfen. Millionen Menschen arbeiten zu Hungerlöhnen und schlafen unter freiem Himmel.
Doch das Rückgrat von Hazares Bewegung sind vor allem Inder aus der Mittelschicht, die für ihren Wohlstand hart gekämpft haben, die kritische Zeitungen und die zahlreichen Nachrichtensender als Sprachrohr nutzen, um die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen, wenn diese sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern. Das Ausmass der Bestechung ist in Indien wahrscheinlich nicht grösser geworden. Neu aber ist, dass es nun eine stetig wachsende Gruppe von Menschen nicht länger bereit ist, sie einfach hinzunehmen. Bürger aus der Mittelschicht sehen durch die grassierende Korruption ihren Wohlstand gefährdet. Das macht sie wütend – und bringt Hazare die grosse Aufmerksamkeit.
Sein Protest wäre nun eine Chance für Indien, endlich mehr Menschen am wirtschaftlichen Aufstieg teilhaben zu lassen. Doch diese Gelegenheit lässt die Regierung ungenutzt verstreichen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.08.2011, 17:33 Uhr
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4 Kommentare
Uns geht es noch zu gut, Totzdem, Korruption und Machtmissbrauch, Diffamierungen und Mobbing wären auch in unserer Gesellschaft zu bekämpfen! Es steht uns schlecht an über andere die Nase zu rümpfen. Also, packen wir es doch hier und jetzt (auch) an! Antworten
«Sein Protest wäre nun eine Chance für Indien, endlich mehr Menschen am wirtschaftlichen Aufstieg teilhaben zu lassen.» Das wäre dann aber Sozialismus, denn mit dem neoliberalen Wirtschaftsmodell ist dies nicht zu machen. Abgesehen davon zählt Indien an die 1,2 Mrd Einwohner und die alle auf westeuropäisches oder amerikanisches Niveau zu heben, können sie vergessen. Der Planet macht das nicht mit. Antworten
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