Ausland
«Der Prestigeverlust ist enorm»
Interview: Mirko Plüss. Aktualisiert am 13.04.2012 42 Kommentare
Der Nordkorea-Experte Christoph Pohlmann leitet das Büro der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung in Seoul, Südkorea. (Bild: PD)
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Wie die Rakete ins Meer fiel
Eine Visualisierung des gescheiterten Raketenversuchs. (Youtube/ Analytical Graphics)
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Herr Pohlmann, in Nordkorea misslang der geplante Raketenstart gründlich. Ungewöhnlich schnell und transparent kommunizierte das Regime den Fehlstart. Woher kommt diese Offenheit?
Das Unternehmen ist komplett gescheitert. Selbst die nordkoreanische Führung wird den Absturz der Rakete wohl nicht zu einem Erfolg verklären können. Geheimniskrämerei hätte da auch nicht mehr viel geholfen.
Was bedeutet der Absturz für das Regime?
Für das Regime ist das Ereignis vor allem eine grosse Blamage. Auf dem internationalen Parkett ist der erlittene Prestigeverlust enorm.
Ist Kim Jong-un bereits an seiner ersten Machtprobe gescheitert?
Dies kann man durchaus so sehen. Kim Jong-un hat im internationalen Kräftemessen eine erhebliche Niederlage erlitten. Erst im Februar hatte sich das verarmte Land dazu verpflichtet, keine Raketentests durchzuführen, da es sonst seinen Anspruch auf Lebensmittellieferungen aus dem Ausland verlieren würde. Nun hat es sowohl die Verpflichtung gebrochen als auch die Rakete verloren. Nordkorea steht mit leeren Händen da.
Wie wird im Land selbst mit der Panne umgegangen?
Nach innen wird der Raketenabsturz wohl kein grosses Thema sein. Die Feiern zum 100. Geburtstag des verstorbenen Staatsgründers Kim Il-sung werden in den nächsten Tagen im Zentrum stehen. Das Thema der abgestürzten Rakete wird dabei ausgeklammert werden, wie es mit Negativmeldungen in dem kommunistischen Land üblich ist.
Wie wird es nun im Konflikt um Nordkorea weitergehen?
Der Fehlstart wird keinen grossen Einfluss auf die politischen Entwicklungen haben. Für die USA wird es in Zukunft aber wohl schwieriger werden, ein Bedrohungsszenario aufzubauen.
Inwiefern?
Die Bedrohung, die von Nordkorea für die regionale Stabilität ausgehen soll, wird von den Amerikanern bewusst verklärt. Dass Nordkorea über Atomwaffen verfügt, gilt als relativ sicher. Doch wie der Fehlstart gezeigt hat, mangelt es an einer geeigneten Trägertechnologie. Für das Land ist die nukleare Abschreckung vor allem eine Absicherung, für die politische Führung der einzige Weg, um zu überleben.
Nordkorea soll keine Gefahr darstellen für seine Nachbarn?
Sicher nicht in dem Masse, wie es die USA behaupten. Nordkorea will den Status quo beibehalten. Dies sichert ihm auch weiterhin die enorm wichtigen wirtschaftlichen Kontakte mit China. Nicht vergessen darf man dabei aber das Potenzial, das durch konventionelle militärische Mittel von Nordkorea ausgeht.
Diese stellen eine grössere Bedrohung dar als potenzielle Atomwaffen?
Mittelfristig ja. Nach neuesten Studien wäre Nordkorea alleine mit seinen konventionellen Waffen dazu in der Lage, im Grossraum Seoul in Südkorea bis zu drei Millionen Menschen zu töten. Persönlich glaube ich aber nicht, dass es in naher Zukunft zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommen wird.
Japan hat in den letzten Monaten den Ton gegenüber Nordkorea verschärft. Was für eine Rolle spielen die Japaner im gegenwärtigen Konflikt?
Die sicherheitspolitische Diskussion wurde in den letzten zehn Jahren in Japan sicherlich aggressiver. Vor allem Rechtsaussenpolitiker wollen die aussenpolitische Zurückhaltung aufgeben, die nach dem Zweiten Weltkrieg für Jahrzehnte vorgeherrscht hatte. Die Rolle von Japan im Atomstreit mit Nordkorea darf aber nicht überbewertet werden. Wie Russland spielen sie eine untergeordnete Rolle. Im Zentrum stehen nach wie vor die Grossmächte USA und China. Sie bestimmen schlussendlich über das Schicksal Nordkoreas. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.04.2012, 12:08 Uhr
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