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Allein gegen die Korruption
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Auf den ersten Blick wirkt dieser Mann einfach nur harmlos: Er trägt ein schlichtes weisses Kostüm und die obligatorische Gandhi-Kappe. Oft lächelt der 71-Jährige milde. Aus seinem Mund kommen ruhig gesprochene Sätze. Aber das ist nur die eine Seite des Kisan Bapat Baburao Hazare, den sie in Indien respektvoll «Anna» («älterer Bruder») nennen. Längst ist der Aktivist zu einer Gefahr für die Politiker in Delhi geworden – das sieht er inzwischen auch selbst so: «Wenn ich drei Tage länger gefastet hätte, wäre die Regierung gestürzt», sagte er am Wochenende.
Hazare tritt zwar bescheiden auf, ist aber ein gewiefter Taktiker. Er wartete ab, bis sich der Freudentaumel der kricketverrückten Nation nach dem Weltmeistertitel gelegt hatte und die Medien bereit waren für ein neues Megathema. Dann setzte er sich mitten in Delhi neben eine berühmte Sternwarte – und stellte das Essen ein. Er werde erst wieder Nahrung zu sich nehmen, wenn die Regierung ein wirksames Anti-Korruptions-Gesetz auf den Weg gebracht habe, liess Hazare mitteilen.
Demos in Grossstädten
Indiens Öffentlichkeit reagierte wie elektrisiert: Das Fernsehen übertrug stundenlang live, Bollywood-Stars und Sportler bekundeten Unterstützung, Rentner und Studenten gingen auf die Strasse. Auch die englischsprachige Presse, das Sprachrohr der selbstbewusster werdenden Mittelschicht, sprang auf diese seit Mahatma Gandhi berühmte Form des Widerstands an. Hunderte Mitstreiter Hazares begannen ebenfalls einen Hungerstreik, in mehreren Grossstädten kam es zu Demonstrationen.
Nach vier Tagen des Fastens wusste sich die Regierung nicht besser zu helfen, als auf eine Umarmungsstrategie zu setzen: Hazare bekam das Angebot, selbst an dem Gesetzentwurf zur Korruptionsbekämpfung mitzuarbeiten, wenn er mit der Aktion aufhöre. Am Wochenende nahm der Aktivist nun mit vier Mitstreitern am Tisch Platz – zusammen mit hochrangigen Ministern der Regierung von Premierminister Manmohan Singh. Das Gremium sprach über das seit Jahrzehnten blockierte «Jan Lokpal» Gesetz. Vorgesehen ist eine mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattete Ermittlungsbehörde, um Volksvertreter, Richter und Beamte bestrafen zu können, wenn sie der Korruption überführt werden. In zwei Wochen will das Gremium weiterverhandeln; noch im Sommer soll das Gesetz ins Parlament eingebracht werden – so der Plan.
Die Kosten der Korruption
Die Regelung müsste zwar erst dem Realitätstest standhalten, ist aber überfällig. Nicht nur die Wirtschaft auf dem Subkontinent legt kontinuierlich mindestens um 8 Prozent im Jahr zu. «Seit der Liberalisierung der indischen Märkte im Jahr 1991 ist auch die Korruption ständig mehr geworden», glaubt Brahma Chellaney, Professor für strategische Studien in Delhi. Viele Politiker aller Couleur hielten ungeniert die Hand auf, ihre Vermögen seien massiv gewachsen.
Vor allem das vergangene Jahr brachte die Regierung durch eine Reihe von Korruptionsaffären in Misskredit. Bei den Commonwealth Games versickerten Unsummen. Der Rechnungshof geht davon aus, dass durch die Vergabe von Mobilfunklizenzen zu Ramschpreisen dem Staat Verluste in der Höhe von umgerechnet fast 40 Milliarden Dollar entstanden. Der dafür zuständige Telekommunikationsminister verlor seinen Posten und sitzt in Untersuchungshaft. Die Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlichte zudem Berichte amerikanischer Diplomaten, wonach die indische Regierung im Jahr 2008 Abgeordnete bestochen habe, um einen umstrittenen Atom-Deal durch das Parlament zu bekommen. Die politische Führung in Delhi dementiert die Anschuldigungen.
Hazare hält Druck aufrecht
Das Thema Korruption sei in Indien kein medialer Hype, der die Öffentlichkeit bald nicht mehr beschäftigen werde – da ist sich Politikexperte Chellaney sicher. «Der nächste Skandal kommt bestimmt, die Aufmerksamkeit wird nicht abnehmen», sagt er. Dafür will auch der nun wie ein Held gefeierte Hazare sorgen. Er kündigte nach dem Treffen mit der Regierung an, wieder in den Hungerstreik zu treten, falls dies aus seiner Sicht nötig werde: «Solange ich lebe und es den Menschen hilft, werde ich die Regierung erpressen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.04.2011, 08:48 Uhr
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