Roger Köppels getrübter Blick auf die USA

Ob russische Beeinflussung der US-Wahl oder das Steele-Dossier: Der «Weltwoche»-Chef sieht nichts, was zu untersuchen wäre. Dafür beschuldigt er Schweizer Medien der Verschwörung.

Sieht die Dinge ein wenig anders als seine Kollegen: «Weltwoche»-Chef Roger Köppel. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Sieht die Dinge ein wenig anders als seine Kollegen: «Weltwoche»-Chef Roger Köppel. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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In der neuesten Ausgabe der «Weltwoche» wirft Chefredaktor Roger Köppel einmal mehr den von ihm sogenannten Mainstream-Medien vor, Donald Trump auf gemeinste Art politisch vernichten zu wollen. Unter anderem beschuldigt Köppel den «Arena»-Moderator Jonas Projer sowie Roger Schawinski, Trump vorsätzlich falsch zitiert zu haben – mit ihrer «verwegenen Behauptung», der US-Präsident habe die Medien als «Feinde des amerikanischen Volkes» bezeichnet.

Als Beleg führt Köppel einen Tweet Trumps vom 17. Februar an. Darin habe Trump Folgendes getwittert: «Die FAKE-NEWS-Medien (die scheiternde @nytimes,@NBCNews, @ABC, @CBS, @CNN) sind nicht mein Feind, sie sind der Feind des amerikanischen Volkes». Projer und Schawinski, so Köppel, hätten diesen Tweet «sinnentstellend kolportiert», habe er doch keine «pauschale Verurteilung» der US-Medien enthalten und sich nur auf einige wenige Medien bezogen.

16 Minuten vor dem von Köppel zitierten Tweet aber hatte Trump die US-Medien in einem ersten Tweet durchaus verallgemeinernd als Volksfeinde bezeichnet: «Die FAKE-NEWS-Medien (die scheiternde @nytimes, @CNN, NBCNews und viele andere) sind nicht mein Feind, sie sind die Feinde des amerikanischen Volkes», hiess es in diesem Tweet, den Trump bald löschte.

Die Wahrheit ist ein wenig komplizierter

Am 24. Februar schob der Präsident in einer Rede vor der konservativen CPAC-Konferenz nach: «Vor ein paar Tagen habe ich die Fake-News als Feind des Volkes bezeichnet, und das sind sie – sie sind der Feind des Volkes», so Trump. Man möchte meinen, dass Trumps Sprachgebrauch die Interpretation Projers und Schawinskis durchaus rechtfertigt.

Köppel wandert unterdessen in seiner Polemik weiter und unterstellt den «Mainstream-Medien» in den USA, sie hätten Trump als «Rassisten» entlarven wollen, indem sie fälschlich meldeten, der neue Präsident habe eine Büste Martin Luther Kings aus dem Weissen Haus entfernen lassen. Die Wahrheit ist ein wenig komplizierter – und nicht so schrecklich, wie Köppel uns glauben machen will.

Von der Entschuldigung zum Verbrechen

Zeke Miller, ein Reporter von «Time», hatte am 20. Januar, dem ersten Amtstag von Trump, irrtümlich getwittert, dass die Büste entfernt worden sei. Der Tweet ging um 19.21 Uhr Ortszeit online. Nur Minuten später meldeten andere US-Journalisten das Fehlen der Büste unter Berufung auf Miller. Kurz darauf, um 20.12 Uhr, erkannte Miller, dass er einen Fehler begangen hatte – und twitterte prompt eine Korrektur: Ein Wachmann sowie eine Tür hätten ihm die Sicht versperrt, die Büste befinde sich an ihrem gewohnten Platz.

Miller entschuldigte sich umgehend und in aller Form bei seinen Kollegen sowie bei Trump-Sprecher Sean Spicer, der um 20.46 Uhr per Tweet Millers Entschuldigung akzeptierte. In Köppels Sprache aber gedeiht der Vorgang zu einem medialen Verbrechen von grosser Konsequenz – umso mehr, als CNN «zur gleichen Zeit» von «angeblichen ‹Dokumenten›» berichtet habe, «die belegen würden, dass Trump perverse Sexpartys in Moskau gefeiert habe».

CNN aber berichtete anfangs lediglich, Trump sowie Präsident Obama seien Anfang Januar in einer zweiseitigen Zusammenfassung von der Existenz eines seit Monaten in Washington kursierenden Dossiers unterrichtet worden. Darin heisse es unter anderem, Russland verfüge über kompromittierende finanzielle und persönliche Informationen über Trump. Ausserdem werde in dem Dossier behauptet, Vertraute Trumps hätten mit Moskau zwecks Beeinflussung der US-Wahl konspiriert. Von Sexpartys war in dem ursprünglichen CNN-Bericht am 12. Januar jedenfalls keine Rede.

Das geheimnisvolle Dossier in Russland

Angefertigt hatte das Dossier der inzwischen untergetauchte EX-MI6-Agent Christopher Steele. Dass die in seinem Dossier enthaltenen Vorwürfe «erfunden» seien, wie Köppel behauptet, ist eine voreilige Schlussfolgerung.

Denn bislang weiss niemand in Washington, ob das Dossier erfunden oder nicht erfunden ist. Immerhin wollen sowohl republikanische als auch demokratische Kongressmitglieder Steele einvernehmen. Mit gutem Grund: So enthält etwa die Seite acht des Dossiers eine besonders interessante Aussage. Als Gegenleistung für die russische Wahlkampfhilfe habe Trump versprochen, die Intervention Moskaus in der Ukraine herunterzuspielen. Es hätte mithin zwischen Team Trump und dem Kreml ein Quid pro quo existiert.

Beim republikanischen Parteitag in Cleveland im Juli 2016 ereignete sich denn auch eine seltsame Begebenheit: Während der Beratungen über das Parteiprogramm brachte die texanische Delegierte Diana Denman den Antrag ein, die USA sollten die Ukraine mit «tödlichen Defensivwaffen» unterstützen. Der Vorstoss wurde torpediert, allerhand Mutmassungen, dahinter stecke Trumps Wahlkampfteam, wurden in Bausch und Bogen von der Truppe des Kandidaten zurückgewiesen.

Am vergangenen Donnerstag aber räumte J. D. Gordon, in Cleveland ein Repräsentant Trumps bei den Beratungen über das Parteiprogramm, gegenüber CNN ein, er persönlich habe die Annahme von Denmans Antrag verhindert und dabei im Auftrag Trumps gehandelt. Wie auch immer: Der Parteitag in Cleveland endete am 21. Juli 2016, und Wikileaks begann einen Tag später mit der Veröffentlichung der gehackten Mails. Quid pro quo?

Köppel signalisiert einen Mangel an journalistischer Neugier.

Köppel bezeichnet alle Hinweise und Vermutungen, dass der Kreml sich aufseiten Trumps in den US-Wahlkampf eingemischt habe, als «Verschwörungstheorie» – wenngleich derzeit in Washington keiner eine Ahnung hat, wohin die nun anlaufenden Untersuchungen im Kongress führen werden. Und wir wissen ebenfalls nicht, wo und wie das FBI ermittelt. Schon jetzt zu sagen, das Dossier sei «erfunden» und die angebliche Rolle Moskaus im US-Wahlkampf eine «Verschwörungstheorie», ist vorschnell und signalisiert einen Mangel an journalistischer Neugier.

Der Ruf nach Untersuchung ist berechtigt

Es ist gut möglich, dass sich die Verabredungen diverser Trump-Vertrauter mit dem russischen Botschafter in Washington als völlig unverdächtig erweisen und nichts an Trump oder seinen Vertrauten hängen bleibt. Und ebenso gut ist vorstellbar, dass Moskaus Rolle im US-Wahlkampf von den Demokraten übertrieben wird. Darüber ein Urteil zu fällen aber wird erst nach eingehenden Ermittlungen möglich sein.

Was würde Roger Köppel wohl tun, wenn in der Schweiz glaubhafte Vermutungen kursierten, dass Bundeskanzlerin Merkel und der deutsche BND klandestin und zum Schaden der SVP in Schweizer Nationalratswahlen eingegriffen hätten? Natürlich und zu Recht würde Köppel eine detaillierte Untersuchung der Vorwürfe verlangen. Das amerikanische Volk hat gleichfalls ein Recht auf eine Untersuchung der Vorwürfe bezüglich der russischen Rolle im Wahlkampf 2016. Und Christopher Steeles Dossier können wir ad acta legen, sobald wir wissen, woran wir sind. Nicht vorher und schon gar nicht aus ideologischen Gründen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 09:33 Uhr

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