Kuba ist Familiensache

Die alten Kommunisten versammeln sich in Kuba zu ihrem letzten Parteikongress. Derweil bereitet Staatschef Raúl Castro hinter den Kulissen seinen Abgang vor.

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Raúl Castro plant sein Ende. Sogar seinen Grabstein hat Kubas Staatschef schon aufstellen und beschriften lassen. Da steht schlicht und einfach «Raúl» drauf, daneben «Vilma», der Name seiner langjährigen Lebensgefährtin. Sie starb 2007. Als die Staatsmedien Rául das letzte Mal filmten und fotografierten, wie er am Grab seiner Vilma gedachte, sah der alte Mann mit dem traurigen Blick und den eingefallenen Schultern so aus, als würde er lieber schon heute als morgen abtreten.

Das Amt des Alleinherrschers ist anstrengend. Raúl Castro wird 85 und ist müde. Fast fünf Jahrzehnte lang war er die Nummer zwei, seit zehn Jahren ist er nun auf allen Ebenen im Staat und in der Partei die Nummer eins. Raúl hat nie versteckt, dass er sich früher wohler gefühlt hat und jetzt nur eine Pflicht erfüllt, die ihm sein grosser Bruder auferlegt hat. Fidel war immer süchtig nach Licht, Weltpolitik und Macht. Raúl liebt dagegen den Schatten, die Ruhe und ein Glas guten Whisky.

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Was die Brüder jedoch im Herzen am meisten unterscheidet: Für Fidel war die Familie nie wichtig, Raúl ist sie heilig. Fidel hielt seine Nachkommen stets von der Politik fern, er hat zu allen ein rätselhaftes bis gestörtes Verhältnis. Zwist und Zerwürfnisse füllen Bücher. Raúl hingegen sorgt als Vater, Grossvater und Onkel für die Seinen. Er hat in den letzten Jahren heimlich und geradezu minutiös politische Familienplanung betrieben – die Ära Castro in Kuba wird wohl auch nach Fidel und Raúl nicht zu Ende gehen.

Der Geist des Máximo Líder

Offiziell wird in Kuba ab Samstag drei Tage lang die Zukunft des Landes verhandelt und festgelegt. Der Kongress der Kommunistischen Partei findet alle fünf Jahre statt und ist die höchste Instanz, die alles bestimmt: Politik, Planwirtschaft und Personal. So steht es zumindest auf dem Papier, doch in Kuba sind Papiere nicht so wichtig. Hier entscheiden die Castros. Unter Fidel verstrichen auch schon 13 Jahre zwischen zwei Kongressen.

Doch dieser siebte Kongress hat es in sich. Es ist der letzte der mittlerweile greisen Revolutionäre, die 1959 das Land auf den Kopf gestellt haben und noch immer in den Chefsesseln sitzen. Fidel und Raúl sind von den 1000 sorgsam auserwählten Kongressdelegierten die Nummern eins und zwei, die Nächsten in der Hierarchie sind weitere Urgesteine, viele von ihnen weit über 70. Obwohl der gebrechliche Fidel letzte Woche wieder einmal einen öffentlich Auftritt hatte – er sprach in einer Schule zu Kindern –, wird er wohl wie vor fünf Jahren nicht physisch am Kongress anwesend sein. Doch der Geist des Máximo Líder ist immer und überall präsent.

Die Krux dieses Kongresses: Raúl hat schon mehrmals bekräftigt, dass er in zwei Jahren als Staatspräsident zurücktreten wird. Mit ihm müssen auch alle anderen Fossile der «historischen Generation» in den Ruhestand. Nach 50 Jahren im engsten Machtzirkel hat Raúl sich und ihnen eine Amtszeitbeschränkung von zweimal fünf Jahren verordnet.

Die erste Amtszeit war 2008 bis 2013, die zweite endet im Februar 2018. Der nächste Kongress findet jedoch erst 2021 statt. Wie also weiter in dieser kubanisch-komplizierten Periodentabelle und im verworrenen Machtklüngel in Partei und Staat?

Raúl geht seine eigenen Wege. Seine Strategie: Er will nicht, dass auf ihn unberechenbare Reformer oder orthodoxe Starrköpfe folgen, die ihm und seiner Familie das Leben schwer machen könnten. Raúl Castro traut nur seinen Kindern, Enkeln und wenigen engen Verbündeten aus den Streitkräften, die er als General seit bald 60 Jahren wie ein strenger, aber guter Vater führt.

Politisch kaltgestellt

Raúl hat in den letzten zehn Jahren hinter den Kulissen ganze Arbeit geleistet. Fast alle, die er nicht mag, ihm suspekt sind oder gefährlich werden könnten, hat er politisch kaltgestellt oder mit allen Ehren in den Ruhestand abgeschoben. Den Seinen hat er mehr und mehr Macht und Kompetenzen in die Hände gegeben. Auch wenn es um seine persönliche Sicherheit geht, vertraut er nur engsten Angehörigen: Enkel Raulito ist sein erster Leibwächter. Im Volksmund ist der ungelenke Wachmann eine beliebte Witzfigur. Man nennt ihn «el cangrejito» (der Krebs), weil er wegen eines Gendefekts mit sechs Fingern an jeder Hand auf die Welt kam.

Die wichtigsten Figuren in Raúls Schattenspiel der Macht sind zwei aus der Familie: sein einziger Sohn Alejandro Castro und sein ehemaliger Schwiegersohn Luis Alberto Rodríguez, Ex-Ehemann von Raúls Tochter Deborah. Beide haben keine offiziellen Posten in der Regierung, verfügen aber über ungeheuer viel Macht.

Alejandro, ein Politikwissenschaftler, ist der engste Vertraute und persönliche Berater seines Vaters. Raúl hat ihn zum obersten Korruptionsbekämpfer des Landes ernannt und zu seiner rechten Hand in der dreiköpfigen Kommission Verteidigung und Nationale Sicherheit. Diese kontrolliert die mächtigsten Staatsorgane: das Innenministerium mit seinem ganzen Repressionsapparat, die Geheimdienste und das Militär, das vom Aussenhandel bis zum Tourismus praktisch die gesamte Staatswirtschaft unter sich hat.

Der direkte oberste Chef dieses undurchsichtigen und gigantischen Wirtschaftskonglomerats ist Ex-Schwiegersohn Luis Alberto Rodríguez. Er dirigiert ein Milliardengeschäft, das keine Zahlen und Bilanzen bekannt geben muss. Er tritt nie öffentlich auf, von ihm weiss man so gut wie nichts, nicht mal sein genaues Alter ist bekannt.

Alejandro hingegen sieht man seit zwei Jahren immer öfter an offiziellen Terminen, an denen gemäss Protokoll eigentlich Vizepräsidenten oder Minister an Raúls Seite sein sollten. Als herauskam, dass Castro junior im Hintergrund zudem eine der wichtigsten Figuren im Annäherungsprozess mit den USA ist, löste das Erstaunen aus. Ausgerechnet Alejandro, der 2009 ein Buch über das «Terror-Imperium» USA geschrieben hat.

Ämter bedeuten nichts

Weshalb er für seinen Vater vor dem Friedensschluss die monatelangen geheimen Verhandlungen zwischen Havanna und Washington mitgeleitet hat, ist eines von vielen Rätseln um Alejandros Person. US-Präsident Obama begrüsste bei seinem Staatsbesuch kürzlich in Kuba Castro junior herzlich wie einen alten Kumpel mit den Worten: «Gut, dich wiederzusehen.»

Neben Alejandro hat Raúl seine Tochter Mariela zu einer wichtigen persönlichen Beraterin gemacht. Die Psychologin ist seit über 25 Jahren Kubas bekannteste Fürsprecherin für Homo- und Transsexuelle. Sie ist Parlamentsabgeordnete, und in Interviews mit der internationalen Presse spricht sie in letzter Zeit auffallend viel über Politik. Sie findet, auf der Macho-Insel Kuba sei die Zeit reif für eine Präsidentin.

Wer und was kommt nach Raúl? Niemand weiss es. Er selber schweigt eisern. Vor drei Jahren hat er zwar offiziell seinen Nachfolger bestimmt: Miguel Díaz-Canel, 56, ein grauer Technokrat aus dem Innern des Parteiapparats. Aber Nominierungen und Ämter bedeuten im Kuba der Castros noch nichts. Vielleicht zieht Raúl an diesem letzten Kongress vor seinem Abgang ein paar neue Karten aus dem Ärmel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2016, 19:39 Uhr

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