Der Lotse geht von Bord

Barack Obama inszenierte in Chicago seinen Abschied: Nach zwei Amtszeiten hinterlässt er trotz Erfolgen ein zutiefst gespaltenes Land.

«Es war mir eine Ehre»: Die Höhepunkte von Barack Obamas letzter Rede. (Video: Tamedia)

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Gut sei es, «zu Hause zu sein», sagte er, der Sohn Chicagos, gestern Abend vor 20'000 Menschen. Sie waren zu seiner Abschiedsrede gekommen, und er war dorthin zurückgekehrt, von wo er vor acht Jahren aufgebrochen war. Nun also hielt Barack Obama seine letzte öffentliche Rede als Präsident in Chicago, gewiss ein nostalgischer Moment für den ersten Afroamerikaner im Weissen Haus.

«Nochmal vier Jahre», verlangten seine Zuhörer in Sprechchören, er aber weiss, dass das Märchen vom kometenhaften Aufstieg eines jungen Senators aus dem Staat Illinois mit einer bitteren Note endet: Mit Donald Trump wird ihn der Kandidat der feindlichen Republikanischen Partei im Weissen Haus beerben, und vielleicht wird der Nachfolger Obamas Vermächtnis schreddern.

Aber nichts, nicht einmal die heraufziehende Präsidentschaft Donald Trumps, bringt Obama von seinem Ur-Glauben ab, dem er gestern Abend neuerlich Ausdruck gab: Dass sich die amerikanische Geschichte nämlich «nach vorne bewegt» zum Wohl der Menschen und die Vereinigten Staaten eben ein unfertiges, aber stetiges Projekt der Selbstverbesserung seien.

Optimismus ist nicht verflogen

Damit knüpfte Obama an seine berühmte Rede zur amerikanischen Rassenproblematik im März 2008 in Philadelphia an, als er den progressiven Bogen der amerikanischen Geschichte beschwor. Verflogen ist er also trotz Donald Trumps Wahlsieg nicht, jener Optimismus, der beim ersten Präsidentschaftswahlkampf 2008 zu Obamas Markenzeichen geworden war.

Amerika, sagte der Präsident gestern, sei ein «besserer, stabilerer Ort» geworden unter seiner Regentschaft. Und er zählte auf: Das Ende der Grossen Rezession, viele neue Arbeitsplätze, die Homoehe, die 20 Millionen dank Obamacare Krankenversicherten, die Umweltinitiativen, den Atom-Deal mit dem Iran, die Öffnung nach Kuba. «Das haben wir alles gemacht», sagte Obama. Und mehr: Man habe Osama Bin Laden zur Strecke gebracht, die CIA-Folter von Terrorverdächtigen unterbunden und die meisten Gefangenen aus Guantanamo entlassen.

Aber Obama muss sich auch eingestehen, dass er an einem zentralen Vorhaben scheiterte: Er war angetreten, die tiefe politische und soziale Spaltung zu überwinden, die er bereits 2004 in seiner ersten grossen Rede, damals vor dem Demokratischen Parteitag in Boston, angeprangert hatte. Washington sollte unter einem Präsidenten Obama zusammenfinden und so rational wie er, der Verfassungsrechtler und Intellektuelle, Entscheidungen fällen.

«Demokratie ist bedroht»

Es kam anders, weshalb Obama ein Land hinterlässt, dessen politische Lager sich spinnefeind gegenüberstehen und dessen Menschen bisweilen kaum noch eine gemeinsame politische Sprache sprechen. So warnte er denn gestern Abend in Chicago, dass die Demokratie bedroht sei, «wenn immer wir sie für gegeben erachten». Er beklagte die Korrosion der politischen Institutionen und verlangte «gesunden Menschenverstand, nicht Extremismus».

Die amerikanische Geschichte mag von stetem Fortschritt geprägt sein, aber schon 2014 hatte Obama in einer Rede an der Lyndon-Johnson-Bücherei im texanischen Austin eingeräumt, dass diese Geschichte manchmal innehält oder sich anstatt nach vorne «zur Seite bewegt». Die Wahl Donald Trumps scheint dies zu bestätigen und könnte als Widerspruch zu Obamas Optimismus interpretiert werden.

Nicht frei von Irrtümern

Dass er sich verschätzt haben könnte und Fehler gemacht habe, wollte Obama in Chicago nicht eingestehen: Hätte er beispielsweise härter gegen die Verantwortlichen des finanziellen Crashs von 2008 vorgehen oder seine Agenda resolut und ohne Rücksicht auf die republikanische Opposition durchziehen sollen, als die Demokraten im Kongress noch über Mehrheiten verfügten? Andrew Jackson, ein Präsident eher vom Zuschnitt Trumps als Obamas, sagte in seiner Abschiedsbotschaft 1837, er wage nicht zu hoffen, dass sein öffentliches Wirken «immer frei von Irrtümern war».

Auch Obamas Präsidentschaft war nicht frei von Irrtümern, aber vielleicht wird sie von den Historikern dennoch als umgestaltend bewertet werden. Zumal gestern Abend einer von der Weltbühne abtrat, der sein Amt weitgehend frei von Skandalen hielt. «Wir alle müssen eifersüchtige Wächter unserer Demokratie sein», redete der scheidende Präsident seinen Landsleuten ins Gewissen. Womöglich ist diese Mahnung nötiger denn je. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2017, 05:10 Uhr

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