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«Wir sind das fetteste Volk der Erde»
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In keinem anderen Staat der USA leben so viele übergewichtige Menschen wie in Mississippi. Die Politiker bilden da keine Ausnahme. Doch die Volksvertreter wollen ihrem zur Fettleibigkeit neigenden Wahlvolk in Sachen Abspecken mit gutem Beispiel vorangehen: In einem Fitnesscamp versuchen derzeit 79 Abgeordnete und 19 Mitarbeiter aus dem Stab des Gouverneurs, in der wohl grössten derartigen Abspeckkampagne der USA überflüssige Pfunde loszuwerden.
Der Abgeordnete John Hines ist einer von ihnen. Mit lautem «Aaaarrrgggh!»-Gestöhne quält er sich ein paar Liegestütze ab. Angefangen hat der 1,85 Meter grosse Demokrat mit «weit über 135 Kilos». Genauere Angaben will er lieber nicht machen. Inzwischen hat der 43-Jährige 33 Kilos abgespeckt, dank regelmässigen Trainings und Ernährungsumstellung. Alkohol hat er seit Januar nicht mehr angerührt.
Gemüse statt Fleisch
Seine Familie unterstützt ihn, statt Bratgerichte steht jetzt häufiger Gemüse auf dem Speiseplan. Inzwischen passt dem Abgeordneten wieder ein einen Anzug, den er seit Jahren nicht mehr tragen konnte. «Meine Tochter sagt, ich werde jeden Tag sexyer», erklärt er stolz.
Und er staunt über die Veränderungen, die sein neuer Körper mit sich bringt. «Ich wusste nicht, dass ich ein Problem mit meinem Selbstbewusstsein hatte», berichtet Hines. «Aber es hat sich wirklich verbessert. Meine Ausdauer ist wunderbar. Ich fühle mich wohl in meiner Haut.»
Das Programm hat Politiker aller Couleur ungeachtet von Parteizugehörigkeit, Alter, Hautfarbe und Geschlecht zusammengebracht. Die Kosten für die Aktion hat ein Sponsor aus der Wirtschaft übernommen. Im Millsaps College, nur wenige Kilometer vom Abgeordnetenhaus in Jackson entfernt, treffen sie sich regelmässig zum Lauf- und Krafttraining. Auch Kampfsportarten und Treppensteigen gehören zu den Workouts. Abwechslung wird grossgeschrieben, um die Teilnehmer bei Laune und auf Trab zu halten.
«Das fetteste Volk der Erde»
«Strengt euch an!», schreit Gewichtheber-Trainer Ryan Jones in die Runde, um die laute Rockmusik zu übertönen, die aus den Boxen plärrt. Er nähert sich der Abgeordneten Mary Coleman, die sich an einer Klimmzugmaschine hochzuhieven versucht. «Zieh dich hoch», brüllt er ihr ins Gesicht. «Zieh!» --- «Versuch ich doch!», stösst die 63-Jährige hervor. Sie schwitzt und ist ausser Puste, doch sie versucht es erneut.
Überwacht wird das Programm von Cheftrainer Paul Lacoste, einem früheren Footballspieler. «Wir Amerikaner sind das fetteste Volk der Erde», sagt der 35-Jährige. «Und jetzt haben unsere Volksvertreter gesagt: Genug damit! Es ist Zeit, dass wir das ändern!»
Wanderpokal zur Motivation
Motiviert werden die Politiker zusätzlich von einem Abspeck-Wettbewerb. Jede Woche geht Cheftrainer Paul zum Capitol und berichtet in beiden Kammern über die Fortschritte seiner Schützlinge. Die Kammer, die vorn liegt, darf eine Woche lang einen Wanderpokal behalten - eine Marmortrophäe in Form des Staates Mississippi.
Der Staat hat den höchsten Anteil übergewichtiger Bürger in den Vereinigten Staaten. 32,8 Prozent gelten laut einer Untersuchung des Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention aus dem Jahr 2008 - jüngere Zahlen liegen nicht vor - als übergewichtig.
Auch Gouverneur hätte Abspeck-Programm nötig
Gouverneur Haley Barbour ist ebenfalls beleibt, zur Teilnahme an der Aktion hat er sich aber noch nicht durchringen können. Auch wenn er es ebenfalls nötig hätte, ein paar Pfunde loszuwerden, sträubt er sich bislang noch. So antwortete Barbour kürzlich auf die Frage eines Reporters nach einer möglichen Kandidatur bei der US-Präsidentschaftswahl in zwei Jahren: «Wenn Sie sehen, dass ich 40 Pfund abgenommen habe, bedeutet das, dass ich entweder kandidiere oder Krebs habe.»
Die wahre Kunst wird für die Politiker darin bestehen, sich die losgewordenen Pfunde nach Ablauf des zwölfwöchigen Programms nicht wieder anzufuttern. Das gehe nur mit einer Umstellung der Essgewohnheiten, sagt Joseph Nadglowski, Chef der in Florida ansässigen Kampagne gegen Übergewicht (Obesity Action Coalition, OAC). «Diät halten und 40 Pfund verlieren - das ist toll», betont der Experte. «Wenn aber die 40 Pfund in den nächsten ein, zwei Jahren wieder zurückkommen, ist das nicht die Art von lebenslanger Umstellung, die wir brauchen.» (jak/ Von Emily Wagster Pettus, ddp)
Erstellt: 14.05.2010, 23:29 Uhr
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