Trumps spirituelle Führerin

Paula White hat eine eigene Kirche, eine eigene TV-Show, Reichtum und Erfahrung mit Skandalen. Und das Ohr des Präsidenten.

Mit 18 Jahren wurde Paula White Christin und änderte ihr Leben radikal. Im Januar rief sie bei der Amtseinsetzung Gottes Präsenz auf den Präsidenten herab. Foto: Sam Hodgson (NYT, Redux, Laif)

Mit 18 Jahren wurde Paula White Christin und änderte ihr Leben radikal. Im Januar rief sie bei der Amtseinsetzung Gottes Präsenz auf den Präsidenten herab. Foto: Sam Hodgson (NYT, Redux, Laif)

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«Donald Trumps ökonomischer Erfolg ist der beste Beweis dafür, dass Gott ihn segnet.» «In seinem Herzen ist er hungrig nach Gott.» Die dies sagt, ist die religiöse Beraterin des Präsidenten, eine Seelenverwandte: Paula White, «Pastorin, Lehrerin, Autorin, internationale Evangelistin, inspirierende Figur, beliebte TV-Persönlichkeit – eine Frau Gottes». So preist sich die 51-Jährige auf ihrer Website an. Ähnlich wie Trump twittert sie gern, hat eine eigene Fernsehshow, ist geschäftstüchtig und zum dritten Mal verheiratet. Nicht von ungefähr mit dem Musiker Jonathan Cain, der für die Band Journey Songs wie «Don’t Stop Believin’» oder «Faithfully» geschrieben hat. In den USA gehören Religion und Showbiz nun mal untrennbar zusammen.

Trump kennt White seit 15 Jahren. Er sah sie am Fernsehen, war begeistert von ihr und rief sie an. Bald flog sie von Florida nach New York und kaufte eine 3,5-Millionen-Dollar-Wohnung im Trump Tower. Seither betet sie mit ihm und, wie es im charismatischen Jargon heisst, über ihm. 2011 einmal volle sechs Stunden lang. Da soll Gott zu ihr gesagt haben: «Zeig ihm, wer ich bin.»

Vor jedem grossen Event muss sie für Trump beten

Was für eine Frau absolut singulär ist: Paula White durfte bei Trumps Amtseinsetzung die Anrufung Gottes sprechen und Gottes Präsenz auf den Präsidenten und seine Nation herabrufen. Vor jedem «most major event» bittet Trump sie, für ihn zu beten. So bereits beim Parteitag der Republikaner letztes Jahr. Im September lud White berühmte Prediger in den Trump Tower ein, um für den Präsidentschaftskandidaten zu beten. Daraus ist ein Beratungsgremium, das Evangelical Advisory Board, entstanden, das wöchentlich zusammenkommt und die neue Regierung unterstützen will.

Paula White hat eine typische «Born Again»-Biografie – voll von Brüchen und göttlichen Gnadenerweisen. Geboren in Mississippi, war sie fünf Jahre alt, als sich ihr Vater das Leben nahm. Es folgten «Jahre in Armut, Verlassenheit, Verwirrung, Verrat». Sie wurde von verschiedenen Männern missbraucht. Mit 18 dann die Bekehrung: Sie wurde Christin und änderte ihr Leben radikal. Sie hatte eine Vision, das Evangelium auf der ganzen Welt zu predigen. Gott gehorchend, gründete sie die Paula White Media Ministry, um «Leben zu verändern, Herzen zu heilen und Seelen zu gewinnen». Ihre TV-Sendung «Paula Today» soll potenziell 2,3 Milliarden Menschen erreichen.

Das Wohlstandsevangelium verbindet sie

Was White und Trump verbindet, ist die «Health and Wealth Theology», besser bekannt als Prosperity Gospel, als Wohlstandsevangelium: Demnach liegt auf dem Reichen der Segen Gottes. Gott belohnt Glaube und gläubiges Geben mit Gesundheit, Wohlstand und Glück. «Je mehr du gibst, umso mehr bekommst du zurück», sagt White. Wer spendet, dem wird Gott die Grosszügigkeit hundertfach lohnen. Das gilt natürlich auch für Whites eigene Kirche, das New Destiny Christian Center in Popka, Florida. «Wenn wir eure Spende erhalten, senden wir euch ein sehr mächtiges Wort von Gott. Wir werden dir unsere Grosszügigkeit zeigen und dir helfen, selber zu wachsen in der Haltung der Grosszügigkeit, in der ‹Attitude of Gratitude.›»

Das Wohlstandsevangelium kam Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA auf und verbreitete sich mit der Pfingstbewegung. In seinen Anfängen entwickelte es sich aus der «Positive Thinking»-Bewegung des amerikanischen Pfarrers Norman Vincent Peale. Im Longseller «Die Kraft des positiven Denkens» vertritt er die Meinung, allein schon die Überzeugung, ein erfolgreicher Mensch zu sein, ziehe Erfolg und Wohlstand an. Donald Trump hat sich in verschiedenen Interviews lobend über den Vorläufer des Wohlstandsevangeliums und dessen Hauptwerk geäussert. Bereits als junger Mann habe er Peale predigen hören, sagte er der «Washington Post». Trumps Eltern waren Mitglieder von Peales Gemeinde in New York City.

Kranke sind schuld an ihrer Krankheit

Der Health-und-Wealth-Gospel entspricht dem amerikanischen Traum, des eigenen Glückes Schmied zu sein. Um gesund und reich zu werden, müssen Wunder geschehen, die aber vom Menschen selber erwirkt werden – ganz im Gegensatz zur Schultheologie. Charismatiker und Pfingstler geben den Kranken die Schuld für ihre Krankheit. Werden sie nicht geheilt, liegt das am fehlenden Glauben oder am zu wenig intensiven Gebet. Gleicherweise beschuldigen sie Arme und Bedürftige, dass ihre Armut die Folge von geistlichen Defiziten ist. Umgekehrt versprechen sie ihnen vollmundig, dass Glauben und inbrünstiges Beten zu Gesundheit und Wohlstand verhelfen.

Bis heute sind es vor allem schwarze pfingstliche Prediger, die das Wohlstandsevangelium verbreiten. Dank dem rasanten Wachstum der Pfingstkirchen haben TV-Evangelisten mit dieser Theologie viel Geld gemacht, in den USA Creflo Dollar oder eben Paula White. In unseren Breiten sind Joyce Meyer oder Reinhard Bonnke besser bekannt.

Im Prinzip gehört auch Trumps evangelikaler Vizepräsident Mike Pence dieser Bewegung an. Er propagiert einen biblischen Kapitalismus nach dem Motto: Wer glaubt, wird reich und ist von Gott gesegnet. Es heisst, dass Pence mit Trump im Glauben an das Wohlstandsevangelium die stärksten Berührungspunkte habe. Pence ist allerdings ein klassischer evangelikaler Christ mit rigiden moralischen Prinzipien, denen Trump nicht folgen mag. Dass 81 Prozent der weissen Evangelikalen Trump gewählt haben, führen Experten auf sein Versprechen zurück, als Präsident der USA deren Anliegen zu verwirklichen. Tatsächlich umgibt sich Trump mit strenggläubigen Männern wie Pence, die ganz im Sinne der Evangelikalen eine strikte Pro-Israel- und Pro-Life-Politik umzusetzen versuchen. Zu diesen frommen Männern gehört auch der von Trump für den Supreme Court nominierte Neil Gorsuch. Vor wenigen Tagen wurde er als neues Mitglied des Obersten Gerichtshofs vereidigt.

«Eine Frau, die Luxus verspricht»

Paula White indessen, die sich nicht deutlich gegen Abtreibung und Homo-Ehe aussprechen mag, gehört nicht zu den klassischen Evangelikalen, sondern – wie die meisten Gläubigen des Wohlstandsevangeliums – zu den charismatischen Pfingstlern. Nur geschätzte 17 Prozent der Christen in den USA teilen die Wohlstandstheologie. Längst nicht alle Evangelikalen und längst nicht alle Republikaner finden diese Theologie attraktiv. Auch viele evangelikale Kirchenführer verurteilen sie als häretisch. So wetterte der bekannte christliche Autor Erik Erick­son vor Paula Whites Auftritt an Trumps Amtseinsetzung: «Ich würde es vorziehen, dass an Trumps Inauguration ein Hindu betet, der nicht die Seelen der Menschen riskiert, und nicht eine Frau wie White, die den Menschen ein Leben in Luxus verspricht und sie damit in die ewige Verdammnis führt.» Wie Erickson stossen sich viele Evangelikale an Whites Leben in der Gesellschaft der Schönen und Reichen und an ihren drei Ehen.

Paula White war schon mit ihrem zweiten Mann Randy White zu Reichtum gekommen – auch damals dank eigener Megachurch, der Without Walls International Church in Florida. Die ging allerdings 2007 bankrott. Eine Finanzkommission des Senats untersuchte sie und andere TV-Kirchen wegen finanzieller Ungereimtheiten: Hatten die TV-Prediger den Status ihrer Kirchen als Non-Profit-­Organisationen für private Zwecke wie Autos, Flugzeuge und Immobilien ausgenutzt? White gelang es, sich hinter der gemeinnützigen religiösen Organisation ihrer Kirche zu verstecken, sie kam ungeschoren davon. Allerdings ging mit dem Ende der Kirche auch ihre Ehe in die Brüche.

Wie der Phönix aus der Asche

Krisen- und konkurserprobt, tauchte sie wie ein Phönix aus der Asche wieder auf – mit makellos faltenfreiem Gesicht. Ihre Vorher-nachher-Fotos avancierten zu beliebten Sujets in Promimagazinen und auf den Websites von Schönheitschirurgen. Auch ihre Theologie hat sie seither geglättet: Dem Vorwurf, das Wohlstandsevangelium pervertiere Jesu «vorrangige Option» für die Armen und Bedürftigen, tritt sie jetzt mit dem Slogan entgegen, Gott helfe allen, ob reich oder arm. Auf ihrer Website kann man nachlesen, wie selbstlos sie Hurrikan- und Erdbebenopfern in New Orleans oder Haiti hilft. «Ihre Stimme ruft laut für die Stimmlosen.» Dem Selbstbild zum Trotz bricht auch nach der Gründung ihrer zweiten Kirche die Kritik an ihr nicht ab. Der christliche Rapper Shai Linne widmete ihr und weiteren Wohlstandspredigern den Song «Fal$e Teacher$», «Falsche Lehrer».

Als White neulich gefragt wurde, ob sie als früheres Missbrauchsopfer nicht geschockt war von Trumps sexistischen Äusserungen, die kurz vor seiner Wahl publik wurden, sagte sie: «Doch, das hat auch ihn selber irritiert, heute aber ist er ein verwandelter Mann. In den 15 Jahren, seit ich ihn kenne, ist er im Glauben gewachsen.» Sie glaubt fest daran, dass die USA einen Präsidenten haben, der die Stimme Gottes an die erste Stelle stellt, der Versöhnung und Einheit bringt. Mehr noch: «Trump vergisst die vergessenen Menschen nicht.» Sofern White nur ausdauernd genug für ihn betet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2017, 19:05 Uhr

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