Ausland
«Romney ginge anders um mit der Schweiz»
Von Christof Münger. Aktualisiert am 24.10.2012 90 Kommentare
«Die Schweizer haben ihre amerikanischen Anwälte und PR-Agenturen, die sie beraten»: Faith Whittlesey. (Bild: Keystone )
Faith Whittlesey: «Eine Freundin der Schweiz»
Faith Whittlesey war von 1981 bis 1983 und von 1985 bis 1988 amerikanische Botschafterin in Bern. Dazwischen arbeitete sie unter Präsident Ronald Reagan im Weissen Haus. Nach ihrer Rückkehr in die USA übernahm die Anwältin den Vorsitz der American Swiss Foundation, einer privaten Stiftung mit Sitz in New York, die sich für die Beziehungen zwischen den USA und der Schweiz einsetzt. Seit 2008 ist sie deren Ehrenpräsidentin.
Whittlesey initiierte 1990 die Young Leaders Conference für künftige Führungskräfte und Meinungsmacher aus der Schweiz und den USA. Sie findet jedes Jahr statt. Auf die Bemerkung, sie sei eine der besten Lobbyistinnen der Schweiz in den USA, reagiert Whittlesey beinahe ungehalten: «Ich bin keine Lobbyistin!» Die sässen in Washington. «Ich bin eine Freundin der Schweiz, das ist nicht dasselbe.» Die 73-jährige Whittlesey lebt in Palm Beach County im US-Bundesstaat Florida.
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Sie waren in 80er-Jahren als Botschafterin in Bern. Seither engagieren Sie sich für ein gutes Verhältnis zwischen Amerika und der Schweiz. Leiden Sie unter dem gegenwärtigen Steuerstreit?
Ja, ich bin beunruhigt. Auch weil meine Schweizer Freunde enttäuscht sind, wie ihr Land behandelt wird. Aber ich habe keine Lösung. Vielleicht findet sich eine nach den Wahlen.
Als ehemalige Mitarbeiterin Ronald Reagans unterstützen Sie wohl den Republikaner Mitt Romney. Würde er als Präsident den Druck auf die Schweiz aufrechterhalten?
Ich habe derzeit mit Romneys Wahlkampf nichts zu tun. Auch bezeichne ich mich eigentlich nicht mehr als Republikanerin, sondern als unabhängig. Aber eine Regierung Romney würde wohl anders umgehen mit der Schweiz. Romney ist sehr klug und galt als einer der besten Finanzexperten in Harvard. Und er könnte gewinnen, weil es Obama nicht gelang, die Wirtschaft anzukurbeln.
Steht Obama persönlich hinter den Angriffen auf die Schweiz?
Nein. Es geht um den philosophischen Unterschied zwischen den beiden Parteien. Die traditionellen Republikaner wollen ihre Ideen anderen Nationen nicht aufzwingen. Die Schweizer Bankgesetze wurden rechtsstaatlich korrekt und demokratisch eingeführt. Diesen Prozess und die Schweizer Souveränität würden die Republikaner respektieren. Das war auch unter Reagan so, als wir 1981 in einer ähnlichen, wenn auch kleineren Krise eine diplomatische Lösung anstrebten.
Ist der Steuerkonflikt also mehr als ein Mittel im Wahlkampf?
Auf jeden Fall. Ohne Zweifel haben gewisse Schweizer Banken Fehler gemacht. Auch viele Schweizer missbilligen ja deren Geschäftspraktiken. Die Demokraten wollen jedoch mehr, nämlich den Reichtum neu verteilen. Es war damals auch die Regierung des Demokraten Bill Clinton, die den Streit ums Nazigold forciert hat. Und nun führt die Regierung Obama einen Klassenkampf.
Weshalb geht sie nicht gegen Delaware und Florida vor, wo Amerikaner ebenfalls Schwarzgeld verstecken können?
Das ist ein Rätsel. Aber es ist in den USA kaum bekannt, dass gewisse Bundesstaaten diese Politik verfolgen. Niemand berichtet darüber, die Medien befassen sich mit den Schweizer Banken, nicht mit jenen in Wyoming, Florida, Delaware oder Nevada. Es scheint zumindest, als herrsche eine Doppelmoral.
Wie sollte sich die Schweiz verhalten im Steuerstreit?
Ich kenne ihre Position nicht. Die Schweizer haben ihre amerikanischen Anwälte und PR-Agenturen, die sie beraten. Aber die sollten etwas besser erklären, was die Schweiz repräsentiert. Die USA müssen realisieren, dass sie es nicht mit einem Tyrannen aus der Dritten Welt, sondern mit einer Demokratie zu tun haben. Die amerikanische Steuerbehörde IRS hat aber derzeit nur ein Ziel: mehr Einnahmen. Dabei sind unsere Ausgaben zu hoch. Das enorme Defizit, das Obama angehäuft hat, bedroht die Zukunft unserer Nation.
Aber sein Vorgänger hat auch ziemlich viel Geld ausgegeben, etwa für den Irakkrieg.
Leider hat George W. Bush die Prinzipien seiner eigenen Partei verletzt. Wir sollten die Truppen aus Deutschland, Japan und Korea nach Hause bringen. Obama hat wenigstens die Soldaten aus dem Irak heimgeholt. Dafür bin ich ihm dankbar. Generell sollten wir die hohen Militärausgaben kürzen. Romney will hingegen das Verteidigungsbudget sogar erhöhen. Anders als früher gelten die Republikaner heute als Kriegspartei. Deshalb bezeichne ich mich heute auch als unabhängig.
Trotzdem wäre Ihnen Romney lieber als Obama?
Ja, mit ihm stünden wir finanziell besser da. Derzeit sind wir pleite, und es könnte uns gehen wie Griechenland. Allerdings besteht die Gefahr, dass uns Romney in einen neuen Krieg hineinzieht, was dann auch wieder viel kosten würde. Deshalb weiss ich noch nicht genau, wen ich wählen soll.
Sie haben noch ein paar Tage Zeit.
Am liebsten hätte ich Ron Paul. Er war mein Kandidat in den Vorwahlen, weil er alle unsere Soldaten von den weltweit 950 Basen nach Hause bringen will, und zwar morgen und nicht erst in 10 Jahren, wie im Fall von Afghanistan geplant. Ausserdem ist er als Arzt gegen die Abtreibung. Und er ist auch der Auffassung, dass wir nicht 30 Cents von jedem Dollar von China leihen, sondern sparen sollten. Ich teile seine konservativen Prinzipien.
Sind Sie auch eine Anhängerin der Tea Party?
Nein. Viele Europäer sehen die Tea Party allerdings falsch, das sind keine Extremisten. Sie wollen nur die Macht der Zentralregierung einschränken, äussern sich aber nicht zur Aussenpolitik. Die Tea Party will also nur, was ihr in der Schweiz habt, nämlich Föderalismus.
Sie waren 20 Jahre lang Vorsitzende der American Swiss Foundation, die jedes Jahr eine Konferenz durchführt, um das Verhältnis zwischen den beiden Ländern zu verbessern. Inzwischen gibt es 950 amerikanische und Schweizer Absolventen. Doch das scheint nicht viel zu bringen im Steuerstreit.
Einige haben sich durchaus engagiert. Doch die Schweizer Banken und die Schweizer Regierung haben entschieden, privat zu verhandeln. Aber das erregt nicht viel Aufsehen. So befassen sich nur wenige Thinktanks mit dem Steuerstreit, zum Beispiel das Cato Institute. Deshalb wissen die Young Leaders nur wenig über den Steuerstreit.
Wie lässt sich das ändern?
Man müsste die öffentliche Debatte stärker lancieren und mehr allgemeine Informationen über die Schweiz, ihre Bedeutung für unsere Wirtschaft und ihre Beziehung zu den USA verbreiten. Zum Beispiel sollten jährlich zwei ernsthafte Bücher zur Schweiz in den USA erscheinen. Daran könnten sich die Absolventen unserer Konferenz als Autoren beteiligen. Auch ein Schweizer Lehrstuhl an einer Universität wäre hilfreich. Oder die Amerikaner mit Schweizer Wurzeln könnten eine Fernsehprogramm einrichten, so wie die Amerikaner deutscher, italienischer oder irischer Herkunft es auch machen. Dann würde man hier erfahren, dass es Schweizer waren, die in den USA Brücken gebaut, den Chevrolet entwickelt und Gold in Kalifornien entdeckt haben.
Was würde das bringen?
Zumindest würde deutlich, dass die USA auf gute Beziehungen zur Schweiz angewiesen sind. In Washington herrscht ein permanentes Powerplay. Um dabei Erfolg zu haben, muss man sich ins Schlachtgetümmel werfen. Ich kenne das aus meiner Washingtoner Zeit. Nur so lässt sich ein PR-Schaden begrenzen. Aber die Banken haben offenbar entschieden, dass sie eine PR-Schlacht in den USA vermeiden wollen.
Die Schweiz ist einer der grössten Investoren in den USA. Schätzt die Regierung das nicht?
Die meisten Amerikaner sind sich dessen nicht bewusst. Und die Anwälte der Schweizer Firmen bemühen sich nicht, das zu ändern. Ich befürchte deshalb, dass die Schweizer Investoren sich stillschweigend nach anderen Ländern umsehen. Früher kam das meiste Kapital in die USA. Heute kann es nach China, Indien, Australien oder Brasilien fliessen.
Weshalb setzen Sie sich seit Jahren für die Schweiz ein?
Ich glaube an die Prinzipien, die die Schweiz repräsentiert und vertritt. Und ich glaube, dass die Schweiz sehr wichtig ist für die USA, obwohl das hier nicht sehr bekannt ist. Derzeit denken viele Amerikaner lediglich: Die Schweiz ist das Land von Romneys Bankkonto. Ich engagiere mich für die Schweiz in erster Linie, weil ich Amerikanerin bin, denn die Schweiz ist wichtig für mein Land. Deshalb bringe ich junge Führungskräfte aus den USA in Ihr Land und versuche einen Dialog herzustellen mit den Schweizern, die ihrerseits oft falsche Vorstellungen von den USA haben.
Wann kommen Sie das nächste Mal in die Schweiz?
Im November nach den Wahlen zur diesjährigen Young Leaders Conference. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.10.2012, 10:01 Uhr
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90 Kommentare
Die gute Dame hat vergessen, dass u.a. Republikaner wie Bush, Reagan + Co. die USA in die heutige finanzielle Situation geführt haben. Das Desaster, dass Bush während 8 Jahren angerichtet hat, lässt grüssen. Wie soll Obama oder ein anderer Präsident das in 4 Jahren aufräumen? Antworten
"Die traditionellen Republikaner wollen ihre Ideen anderen Nationen nicht aufzwingen."
Auf welchen Planeten lebt die Dame? Seit die USA bei den Weltkriegen das Ausland entdeckt hat, ist genau das der Fall. Ich erlebe es täglich im Berufsleben.
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